Freitag, 9. April 2010

Begegnung



In einem Lokal einer gemeinnützigen Organisation, irgendwo in Stockholm. Man sitzt bei Kaffee und frischen Kanellbullar, den schwedischen Zimtschnecken, und spricht über die Kommunalwahl im September, die verschiedenen Möglichkeiten ihres Ausgangs und die jeweiligen zu erwartenden Auswirkungen auf die Arbeit der Organisation.
Es klopft und die Tür öffnet sich. Zwei Gestalten in abgelebter Kleidung treten schüchtern hinein und bitten unsicher umherblickend um eine Auskunft. Der eine mit blassen Gesicht und dick geschwollener Wange erzählt, er hätte Zahnschmerzen und benötige dringend medizinische Hilfe. Er fährt fort, sein Problem wäre sein Status als Papierloser, also illegaler Einwanderer. Er habe gehört, dass ihm hier vielleicht geholfen werden könnte.

Mein Gastgeber und Gesprächspartner steht auf, ohne eine Miene zu verziehen, kramt in seinem Schreibtisch und gibt dem Hilfesuchenden eine Handvoll Schmerztabletten. Aus dem Kopf schreibt er eine Telefonnummer auf. Auf die Frage, woher er käme, benennt er eine ehemalige asiatische Sowjetrepublik als Heimat. Es folgt ein kurzer Bericht über den Verfall seines Landes nach der Unabhängigkeit und dann die Gegenfrage, ob denn sein Heimatland bekannt wäre?
Als mein Gastgeber bejaht, huscht über das Gesicht des Papierlosen ein Lächeln, trotz der offensichtlich starken Zahnschmerzen. Die meisten Schweden kennten das Land nicht mal vom Namen her und dächten regelmäßig, er verarschte sie, klagt er, bevor er dankend die Tabletten und die Telefonnummer in die Tasche wandern lässt und mit seinem stummgebliebenen Begleiter wieder verschwindet.

Wir widmen uns wieder dem Kaffee und den leckeren Kanellbullar. Ich möchte von meinem Gesprächspartner wissen, ob es häufiger vorkäme, dass Menschen ohne Papiere um Hilfe nachsuchten und ob er wüsste, wie viele es sind, die sich in Schweden ohne Aufenthaltsgenehmigung durchschlagen müssten, und er erzählt, er hätte keine genauen Zahlen, was schon in der Natur der Sache läge, aber dass er doch eine beträchtliche Steigerung der Hilfsgesuche wahrnähme, im Vergleich zu früheren Zeiten, und dass er davon ableite, es gäbe wohl immer mehr, die sich in Schweden auf diese Weise durchschlügen.

Dann berichtet er von Ärzten und Krankenschwestern, die neben ihren gewöhnlichen, offiziellen Berufsleben die Behandlung von Menschen ohne Recht auf Krankenversorgung in ihrer Freizeit übernähmen. Natürlich unentgeltlich und auf eigene Gefahr. Die Behörden sähen zwar mehr oder weniger darüber hinweg, schöben die Papierlosen jedoch bei der erstbesten Gelegenheit ab. Deshalb auch die Vorsicht, mit der sich uns die Beiden vorhin näherten. Dann sagt er noch seufzend, es wäre wohl alles nicht so einfach. Ich schlürfe meinen Kaffee und nicke.