Beispiel von zielgruppenorientierter Werbung. Dieses Schild hängt in verschiedenen Tvättstugor und verspricht Frauen Hilfe bei Gewalt in der Familie.
Manchmal ist es wie verteufelt. Man sucht Stunden um Stunden Material, also wissenschaftliche Abhandlungen, Bücher, Zeitungsartikel o.ä., nur um am Ende festzustellen, dass sich bisher niemand oder nur wenige für den eigentlich aufsehenerregenden Gegenstand interessierten und deshalb bisher keine objektiven oder subjektiven Auslassungen zum Thema vorliegen, der zu betrachtende Gegenstand gewissermaßen als unbekanntes Pflänzchen im riesigen Bereich der Flora des Wissens der Menschheit vor sich hin vegetiert.
Das erschwert das Schreiben ungemein, erzeugt aber in mir das befriedigende Gefühl dieses Feld als einer der ersten zu beackern und damit Pionierarbeit im Dienste der Ethnographie zu leisten, bevor der stetige Veränderungszwang, der jeder menschlichen Gesellschaft innewohnt, diese Besonderheit im schwedischen Gemeinschaftsleben hinwegfegen wird.
Um es abzukürzen und um meinen Stolz zu mäßigen, heute geht es um die Tvättstuga.
Wortwörtlich übersetzt (Waschhütte) verrät der Name noch den wahren Ursprung dieser Institution. Ältere Leser wissen vielleicht noch aus Erzählungen ihrer Groß- oder Urgroßeltern von ähnlichen Einrichtungen in Mitteleuropa, die in ländlichen Gebieten unter den Namen Waschküche oder Waschkeller weit verbreitet gewesen sein sollen.
In Schweden kam man in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die Idee in Mehrfamilienhäusern solche Räume bzw. Keller einzurichten, und damit allen Bewohnern zu ermöglichen, die notwendige Tätigkeit des Wäschewaschens nach neuer Art wahrzunehmen. Diese Einrichtung galt damals als ausgesprochen modern und sozial. Folglich setzte sich diese Idee in den folgenden Jahrzehnten im Land immer mehr durch. Heutzutage sind mehr oder weniger alle Mehrfamilienhäuser mit einer Tvättstuga ausgerüstet. Sofern also jemand das Glück hatte eine Wohnung erhalten zu haben, ist er nicht gezwungen eine Waschmaschine zu kaufen und kann trotzdem kostenlos seine Wäsche waschen.
Die Tvättstugor sind gewöhnlich mit allem ausgerüstet, was der Markt für Haushaltswaren hergibt. Moderne Waschmaschinen, Trockenschränke, Wäschetrockner etc. erleichtern die früher mühselige Arbeit. Spätestens nach 3 Stunden hält man die gewaschene, gutriechende und staubtrockene Wäsche in seinen Händen und braucht sie nur noch hoch in die Wohnung schleppen.
Normalerweiser kommt man in Stockholm mit seinen Nachbarn, wie in anderen Städten der westlichen Zivilisation auch, selten in Kontakt. Aber im Waschkeller ist das anders. Hier, wo man sein Intimstes in der Form von getragener Wäsche offenbart, erklärt man sich gegenseitig die unübersichtlichen Waschprogramme, hilft sich gegenseitig bei Malheuren und technischen Problemen, und zu guter Letzt schnackt man über all die Alltäglichkeiten und Neuigkeiten, die einen gerade bewegen.
In der Sache am geübtesten sind die älteren Damen. Sie bringen sich Kaffee, Imbiss, Zeitungen und Kreuzworträtsel mit, lassen diese aber unausgefüllt, weil sie stattdessen 3 Stunden im freundlichen Ton mit den Nachbarn klönen, sich dabei aber bemühen, niemals ihre Wäsche aus den Augen zu lassen, während die Jüngeren sich entspannter verhalten, auf unnütze Mitbringsel verzichten und ihre Wäsche auch mal unbeaufsichtigt lassen. Aber reden tun die auch.
Vielleicht handelt es sich bei den Tvättstugor um die letzten wirklichen Überbleibsel der Thing, der alten germanischen Volksversammlungen, auf denen das Volk beriet und dann seine Entscheidungen traf, bevor die Könige dem Volk erst die Entscheidungsbefugnisse abnahmen, dann das Rederecht, um die Thing schlussendlich ganz abzuschaffen.
Wie auch immer. Im Waschkeller hört man des Volkes Meinung. Kaum ein Thema das hier nicht angeschnitten wird. Den Meinungsforschungsinstituten möchte ich aus wissenschaftlicher Solidarität empfehlen ihre Befragungen in den Tvättstugor durchzuführen, genauere Ergebnisse kann man auch per Telefon nicht erhalten.
Die Menschen haben im Laufe der Jahrzehnte auch einige äußerliche Merkmale im Zusammenhang mit dem Wäschewaschen entwickelt, die aus ethnologischer Sicht unbedingt erwähnt werden müssen. Sieht man beispielsweise auf der Straße jemanden mit einem gefüllten blauen IKEA-Beutel, kann man sich sicher sein, dass diese Person auf dem Weg in den Waschkeller ist. Es ist beinahe unglaublich, der überwiegende Teil der Mehrfamilienhausbevölkerung trägt seine Schmutzwäsche in den Beuteln des Herrn Kamprad durch die Gegend. Ob aus praktischen Erwägungen oder aus Liebe zur Uniformität hat sich mir noch nicht erschlossen. Vielleicht ist das lediglich eine Modererscheinung, oder irgendein Ritual oder von allem etwas. Jedenfalls wagen nur die jungen Wilden, mit der jeder Jugend eigenen Frechheit, auf die blaue Uniformität zu verzichten und transportieren ihre Wäsche in gewöhnlichen Plastikbeuteln und Papiertüten. So zeigt man seine Abscheu gegenüber den geltenden Konventionen ohne gleich die Revolution ausrufen zu müssen. Später, bei der Erlangung des ersten festen Jobs, zur ersten Hochzeit oder zur Geburt des ersten Kindes, kann man dann ohne schlechtes Gewissen und ohne Vorstrafen zur Benutzung des blauen Beutels übergehen. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die älteren Damen bevorzugt einen Trolley benutzen. Wie sollen auch sonst Wäsche und Thermoskanne und Kuchen und die ältere Dame selbst heil in der Tvättstuga ankommen? Das ändert nichts am genannten Sachverhalt, Schweden benutzt zum Wäschetragen blaue IKEA-Beutel.
Tagsüber an einem Wochentag trifft man im Waschkeller vorwiegend die von der Arbeit befreiten Nachbarn, also Studenten, Arbeitslose, junge Mütter, Rentiers und sonstige Personen. Am Nachmittag erscheinen dann die Berufstätigen, meist mit Kindern und Massen von Wäsche, während die Jungen erst am späten Abend auf der Bildfläche erscheinen, als ob ihnen rechtzeitig vor dem Schlafengehen noch einfiel, dass da noch was zu erledigen war. Nur die älteren Damen mit ihren Trolleys, die tauchen zu jeder Zeit auf.
Am Wochenende wird es dann ganz eng. Wäre das Waschen zur Nachtzeit nicht verboten, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass nun rund um die Uhr gewaschen würde. Die Maschinen laufen, die Kinder tollen und die Erwachsenen tratschen. Es ist laut, unübersichtlich und unterhaltsam. Mit ein bisschen Phantasie fühlt man sich dann zurückversetzt in die gute alte Zeit, als das ganze Dorf sich zum Waschen am Bach versammelte.
Aber es herrscht nicht nur Harmonie vor. Ich möchte das nicht verschweigen. Die Tvättstugor sind Teil der Gesellschaft und damit auch Schauplatz ihrer Verwerfungen. Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über Schlägereien oder andere Straftaten in Schwedens Waschkellern berichten. Man streitet sich um die Waschzeiten, Waschmaschinen oder um hinterlassenen Dreck. Es folgt Wort auf Wort und gelegentlich ein Faustschlag. Auch Diebstähle sind an der Tagesordnung. Kleidung wechselt also häufig den Besitzer und man versteht nun die Bemühungen der älteren Damen auf ihre Wäsche aufzupassen. Was sich mir nicht erschließen möchte, ist das Wesen der Leute, die fremde Wäsche klauen.
Zu sehr möchte ich das alles nicht dramatisieren. Man muss sich nicht bewaffnen, wenn man seine Wäsche waschen möchte. In meiner dreijährigen Zeit als Waschkellerbenutzer ist mir niemals Gewalt begegnet und nur einmal wurde mir etwas gestohlen und zwar mein blauer IKEA-Beutel. Abgesehen von der Schwierigkeit einen Wäscheberg ohne ein Behältnis hoch in die Wohnung zu tragen, ist mir also kaum Schaden entstanden. Im Gegenteil, durch die Tvättstuga lernte ich meine Nachbarn kennen und wie bereits gesagt, das gestaltet sich sonst nicht so einfach.
Die Olympischen Winterspiele in Vancouver bringen allerhand deutsch-schwedische Duelle mit sich. Letzte Nacht trennten sich Schweden und Deutschland im Eishockey der Herren 2:0, im Curling sah es für die Herren aus Deutschland nicht besser aus. Hier gewann die schwedische Nationalmannschaft 6:3.