Donnerstag, 4. Februar 2010
Von Mützen und Hüten
Was für eine Woche! Hiddensee, die schönste Ostseeinsel der Welt, ist von derselben abgeschlossen und per Luftbrücke muss das Verhungern der dortigen Bevölkerung verhindert werden, dann benutzte der eifrige Schneeräumdienst der Stadt Stockholm mein Auto als Fundament beim Bau eines mittelgroßen Hügels aus überschüssigen Schnee, was mir zu der großen Freude verhalf mit einer kleineren Müllschippe diesen Dreck der Natur in stundenlanger Arbeit zurück auf die Straße zu befördern, und dann veröffentliche das Schwedische Meteorologische Institut (SMHI) auch noch die erschreckenden statistischen Wetterdaten des letzten Monats.
Über den gesamten Monat Januar hinweg überstiegen die Temperaturen im Großraum Stockholm in keinem Augenblick den Gefrierpunkt. Es bestand also nie eine Chance darauf, dass dieser pestartige Schneebefall verschwinden konnte. So ähnlich hatte ich mir das schon gedacht. Die Herrschaften des Institutes veranlasste das von einer Sensation zu sprechen, denn seit dem Jahr 1829 war das nicht mehr vorgekommen. Ich vermeinte eine heimliche Freude aus ihren Worten zu vernehmen...
1829! In diesem Jahr wurde in Indien offiziell die Witwenverbrennung abgeschafft und hier in Stockholm benutzte man zur Fortbewegung Schlitten. Schneeräumdienste und Autos waren noch nicht erfunden. Es handelt sich also um gefühltes Mittelalter.
Dieses außergewöhnliche Wetter macht es notwendig sich ausreichend anzupassen. Um nicht aus Versehen zu erfrieren, bekleidet man sich mit langen Unterhosen, zusätzlichen Socken, Schals und selbstverständlich mit Mützen oder Hüten. Der Kopf soll ja die Achillesferse der Menschen im Kampf gegen die Kälte sein. Die Wärme des Körpers entweicht zu einem gehörigen Teil über den Kopf. Nach bestätigten Informationen hat das, neben der Biologie, mit Physik zu tun.
Grundsätzlich wäre die Benutzung einer Mütze oder eines Hutes nicht der Rede wert, gäbe es in der Natur des Menschen nicht die eine oder andere Schwäche, die in der Mützenangelegenheit so schön und in selten reiner Form zum Vorschein kommt.
Es beginnt damit, dass bei der Auswahl der Kopfbedeckung in vielen Fällen soziale, ideologische, geschlechterspezifische, überhaupt gruppenbasierende, und allerhand sonstige Ansichten zum Tragen kommen und die wärmeerhaltende Qualität der Mütze in den Hintergrund tritt.
Einem coolen Rapper aus einem der südlichen Vororte der Stadt, dürfte es schwerfallen die selbstgestrickte Pudelmütze seiner Oma aufzusetzen, steht diese doch seinem Image diametral entgegen.
Genauso verhält es sich in Kreisen in denen der Wunsch Statussymbole zu besitzen überhandgenommen hat, und in Folge dessen lediglich deren Markenfetischismus den Charakter der Kopfbedeckungen bestimmt. Wichtig ist dann nur noch der Name einer Firma, der möglichst großgeschrieben auf dem Hut prangt, und das gestiegene Selbstwertgefühl, das der Trägers dadurch erhält.
Schon allein die Entscheidung Hut oder Mütze (schwedisch: hatt eller mössa) bestimmt sich durch individuelle Vorlieben und persönliche Voraussetzungen und verrät den aufmerksamen Beobachter viel vom Wesen seines Betrachtungsobjektes.
Die unterschiedlichen Gewichtungen und Gesinnungen zeigen sich jedoch auch bei der Art des Tragens dieser Winterutensilien. Zum einen gibt es die Mitmenschen, ich möchte sie die Normalen nennen, die Hut und Mütze an Orten tragen, die kalt sind und sie absetzen, wenn sie sich an warmen Plätzen befinden. Gehen die Normalen in den örtlichen ICA- oder COOP-Supermarkt oder ins Kino, nehmen sie ihre Kopfbedeckung ab, kaufen ein oder kieken einen Film, und beim Verlassen der geschlossenen Räume bedecken sie wieder ihren Kopf. So weit, so gut.
Aber andere können sich in gleicher Situation nicht ihrer Eitelkeit erwehren. Der Kopf bleibt im Laden oder im Kino konsequent bedeckt. Es ist anzunehmen, dass dies auf der Angst beruht, die Frisur wäre keine mehr, die Haare vielleicht von der Mütze niedergedrückt, verwurschtelt, misshandelt und malträtiert und die anderen Mitbürger könnten darüber das ärgste Denken. Nein, unter diesen Umständen präsentiert man besser nicht die Wahrheit. Lieber schwitzt man bis zum Verlassen des Supermarkts und draußen ereilt den aufgeheizten Menschen ein Kälteschock.
Und dann gibt es noch die Mitmenschen, die zur Verhinderung der Zerstörung ihrer Haarpracht ganz und gar auf Kopfbedeckungen verzichten. Aus lauter Gefallsucht stapfen sie baren Hauptes durch Schneesturm und Kälte. Ihr Aussehen, ihre Schönheit oder ihre Wirkung auf die Umwelt bedeuten ihnen mehr als die schützende Wärme einer Mütze. Vielleicht möchten sie sich nur nicht durch das zusätzliche Gewicht einer Kopfbedeckung belasten, aber Haarspray oder Gel oder gekämmte Haare vermögen leider nicht die Rotfärbung der Ohren verhindern, ebenso wenig wie die nachfolgende Erkältung. Mit reinen Gewissen bestehen sie tatsächlich darauf mit ihrem Verhalten das Offenzeigen von Schwäche verhindert zu haben.
In etwas über drei Wochen steht schon oder endlich der meteorologische Frühlingsbeginn an. Schnee und Winterkleidung werden dann hoffentlich verschwinden. Halten Sie durch!
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