Samstag, 28. November 2009

Zum Wohnen

Es war ein großes Stück der schönen Erde, und das Wasser, die Bäume, die Steine, alles das könnte seins werden, wenn er nur die Hand ausstrecken würde, nur die Eine, und die Andere zurück ziehen würde, die, die sich nach Eitelkeit und Armut streckte.
(August Strindberg in „Die Bewohner von Hemsö“)


Der Unterschied zwischen den Städten Stockholm und Berlin ist nicht nur der zwischen europäischer Provinz und Großstadt, oder der zwischen Beschaulichkeit und Moloch, sondern auch einer der Himmelsrichtungen. In der schwedischen Hauptstadt leben die Wohlhabenden im Osten.

An der Meeresseite der Stadt, auf vielen grünen Inseln und Inselchen, haben diese sich ihre Träume erfüllt und leben idyllisch zwischen Wasser und Natur.
Der Stockholmer Schärengarten, berühmt für seine landschaftliche Schönheit, ist so weit das Auge reicht gesäumt von beeindruckenden Villen.

Manchmal thronen die Häuser auf Felsen hoch oben über der Ostsee, manchmal stehen sie direkt am Strand. Wichtig bei der Entscheidung zum Häuserbau war lediglich die Nähe zum Wasser, den Rest erledigten die hervorragenden schwedischen Architekten und Bauingenieure, sowie die fleißigen Bauarbeiter aus Osteuropa.
Man hat natürlich eine standesgemäße Infrastruktur nicht vergessen. Etwas weiter landeinwärts, baute man gepflegte Golfplätze, ausgedehnte Pferdegestüte und hier und da sogar einen kleinen Eisladen. Die Straßen sind meist schlaglochfrei und trotz des ländlichen Charakters hat man überall Empfang mit seinem Mobiltelefon.
Zur Sommerzeit wird die Idylle zum Garten Eden, dann schippern unzählige Jachten zwischen den Inseln hin und her, blonde Kinder baden im frischen Meereswasser und am Abend, wenn die Sonne sich nur kurz verabschiedet, legt sich eine erholsame Ruhe über diesen schönsten Platz der Welt und nur das typisch skandinavische Wetter kann manchmal die Freude trüben.

Familie Svensson, also die schwedische Durchschnittsfamilie, verbringt ihr Leben derweil in der Innenstadt und in den anschließenden Bezirken. Leider gibt es hier nur wenige Mietwohnungen. Um seine Kinder hier aufwachsen zu lassen, war sie gezwungen sich ein sogenanntes Wohnrecht zu kaufen und ist deshalb verschuldet. Eigentumswohnungen nach deutschem Recht gab es bis vor kurzem nicht in Schweden. Stattdessen besteht aber die Möglichkeit ein Wohnrecht in einer Wohnrechtsvereinigung zu erwerben.

Ein großartiges Geschäft für Banken, Immobilienmakler und die Stadt Stockholm, die vorher ein Großteil der Wohnungen an diese Wohnrechtsvereinigungen veräußert hat. Die Preise liegen, dank eines knappen Angebots und eines rekordverdächtigen niedrigen Zinssatzes, mittlerweile weit über dem Niveau von vergleichbaren Wohnungen in anderen Städten Europas.

Die damit verbundene Segregation der Bevölkerung wird je nach Standpunkt manchmal kritisiert oder aber totgeschwiegen. Familie Svensson aber, ist heilfroh ihren Platz gefunden zu haben. Zumal der Besitz des Wohnrechts und die steigenden Marktpreise auch ihre sonstige Kreditwürdigkeit verbessert und sie deshalb den jährlichen Urlaub, oft mit neuen Krediten finanziert, unter Palmen in Thailand verbringen darf.

Für die Bevölkerung ohne Vermögen oder Kreditwürdigkeit bleiben die Wohnbezirke im Westen und Süden. Hier gibt es noch Mietwohnungen, etwas älter und von der Ostsee weit entfernt. Aber man wartet lange auf eine solche Wohnung, die Wartezeiten betragen bis zu 10 Jahre, und so ist jeder glücklich der eine solche ergattert.
Man hört deshalb fast nie Murren über Schimmel an den Wänden, über abgefallenen Putz oder über stinkende Abflussrohre.

Der Mangel an schnell verfügbaren Mietwohnungen etablierte in den letzten Jahren im gesamten Stadtgebiet einen irrwitzigen Markt von Untermietverhältnissen und Unteruntermietverhältnissen. Leute mit festen Mietverträgen vermieten ihre Wohnungen für ein kleines oder größeres Zubrot über diverse Internetseiten an die Bedürftigen. Die finden sich dann bei den Besichtigungsterminen zu Dutzenden ein und buhlen um die Gunst des Vermieters. Nicht selten wechseln dabei auch kleinere und größere Geldbeträge ihren Besitzer.

In der Regel werden diese Wohnungen nur für kurze Zeiträume vermietet und eine beachtliche Menge Menschen ist regelmäßig gezwungen eine neue Bleibe zu suchen und umzuziehen. Vor allem junge Menschen und frisch nach Stockholm Gezogene sind davon betroffen, da sie nie die Möglichkeit hatten, lange genug in der sogenannten Wohnungsschlange (schwedisch: Bostadskö) zu stehen.

In den Vierteln des Südens und des Westens leben die außerskandinavischen Einwanderer, sofern sie nicht zufällig als kreditwürdig erkannt wurden und in die Innenstadt gezogen sind, sowie die Schweden, die sich mit Arbeitslosigkeit oder mit Unterbezahlung rumschlagen müssen.

Die Wohnungen sind oft zu klein für die Familien, nicht ohne Grund fordern die Vermieter ihre Mieter in Pamphleten auf, die Belegungshöchstgrenzen einzuhalten und nur die beim Einzug angegebenen Personen dort wohnen zu lassen. Einmal hatte ich die Gelegenheit bei dem Besuch einer irakischen Familie festzustellen, dass in ihrer 3-Zimmer-Wohnung zehn Betten aufgestellt waren....

Diesen Unbequemlichkeiten zu entgehen, treibt die Menschen in den Sommermonaten vor ihre Häuser. Mitunter nehmen diese Viertel den Charakter eines orientalischen Städtchens an, denn dann verbringen die arabischen, somalischen oder polnischen Familien ihre freie Zeit vor ihren Plattenbauten mit Grillen, mit Schwatzen und Singen und loben damit auf ihre Art den skandinavischen Sommer.

Auffällig dabei ist, dass jede Nation leider oft unter sich bleibt. Interkulturelle Grillabende sind eher eine Ausnahme. Auffallend ist auch, dass die Schweden sich häufig Mühe geben diese Zusammenkünfte ganz zu meiden.
Warum eine solche Abschottung voneinander stattfindet, wäre m.E. eine staatlich finanzierte Studie wert.
Nur ihre Kinder spielen zusammen auf der Straße und das bis nach Mitternacht. Sie verärgern damit die Frühaufsteher, die früh kommende Müllabfuhr dann die Nachtschwärmer und alle träumen nicht überraschend ihren Traum vom Schwedenhäuschen am Meer.

Vor 30 bis 60 Jahren wurden diese Viertel durch große soziale Wohnungsbauprogramme errichtet und galten weltweit als Beispiele für modernes Wohnen. Aus diesen fernen Zeiten stammen auch einige Überreste sozialer Politik. Für die Mieter besteht zum Beispiel die Möglichkeit der kostenlosen Nutzung der gemeinschaftlichen Waschstuben, jede Wohnung hat eine Einbauküche, der Mieter muss sich also keinen Kühlschrank oder Herd zulegen, und die Heizkosten sind in der Regel in der Miete mit inbegriffen und werden nicht nach Verbrauch abgerechnet. Ein wichtiger Punkt, in einem Land mit kalten Wintern. Vielleicht sind das die Gründe, warum die notwendigen Renovierungen von den Mietern nicht lauthals auf Demonstrationen gefordert werden.

Doch entstehen auch Probleme durch diese Bevölkerungsverteilung. Die Verantwortlichen der Kommune Vaxholm, vor den Toren Stockholms und direkt im Schärengarten gelegen, stellten neulich erschrocken fest, dass sie nicht mehr genügend Arbeitskräfte für die unterbezahlten Jobs finden.

Die Kommune hatte in den letzten Jahren fleißig ihren Wohnungsbestand verkauft, die Anzahl der Mietwohnungen sank dramatisch. Zusätzlich stiegen die Preise für Einfamilienhäuser. In beeindruckend kurzer Zeit fand eine durchgreifende Bevölkerungsumschichtung statt. Großsteuerzahler zogen zu, die Ärmeren weg. Die Freude der Verantwortlichen der Kommune war groß, Vaxholm zählt heute zu den wohlhabendsten Kommunen Schwedens, doch sie währte nur kurz. Denn leider wurde vergessen, dass eine funktionierende Wirtschaft auch Menschen benötigt, die nicht die Tätigkeit eines Bankangestellten oder Rentiers ausüben. Nun fehlen genügend Kindergärtnerinnen und Handwerker. Bisher konnten einige Stellen durch Pendler von außerhalb besetzt werden, aber wer will schon seine kostbare Zeit und sein Geld in lange Arbeitswege investieren, wenn er auch in der Nähe seiner eigenen Wohnung einen Job findet?

Zumindest haben einige Lokalpolitiker die Probleme erkannt, und lassen gerade Finanzpläne zur Errichtung von neuen Mietwohnungen ausarbeiten. Ob und wie schnell die Pläne umgesetzt werden können, wird die Zukunft zeigen. Die schwedische Regierung ist angesichts der Wohnungsprobleme erstaunlich passiv. Vorwiegend wird argumentiert, dass der Bau neuer Wohnung eine Aufgabe von privaten Investoren und nicht des Staates ist. So beabsichtigt man die Bedingungen für private Bauprojekte zu verbessern, in dem die Plan- und Baugesetze vereinfacht und die Konkurrenz im Bausektor gefördert wird. Entlastung verspricht man sich auch von dem neulich eingeführten Eigentumsrecht an Wohnungen.

Erstaunlich wenig Maßnahmen bei offiziell mehr als 250`000 Wohnungssuchenden, allein in der Hauptstadt; in den anderen größeren Städten soll es ähnlich zugehen.
Den gewöhnlichen Stockholmern wird also in der nächsten Zeit nichts weiter übrig bleiben, als sich zu verschulden um ein Wohnrecht zu erwerben oder lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen und davon zu träumen, eines Tages unverhofft ihre Traummietwohnung zugeteilt zu bekommen.

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