Montag, 30. November 2009
Die Schweden und der FC Barcelona
Der FC Barcelona, seit Jahren und Jahrzehnten berühmt und beliebt für seine schöne und erfolgreiche Spielweise, für seine ausgezeichnete Jugendarbeit und seinem Marketinggeniestreich als Sponsor von UNICEF aufzutreten, fand hier in Schweden bis zum vergangenen Sommer nur gelegentlich Aufmerksamkeit in den Medien. Lediglich ein paar Fußballfanatiker und Experten verfolgten regelmäßig das Geschehen in der spanischen Liga oder in der Champions League. Henke Larssons Traumpässe von 2006 schienen völlig vergessen.
Wie gesagt,nur bis zum vergangenen Sommer, denn da kam Joan Laporta, dem Präsidenten des FC Barcelona, die grandiose Idee Schwedens derzeit besten Fußballer Zlatan Ibrahimovic von Inter Mailand für angeblich 50 Millionen Euro plus Humankapital zu erhandeln. Viele Stimmen von Fußballweisen wurden laut, die an der Zurechnungsfähigkeit der Verantwortlichen des Katalanischen Vereins zweifelten. Der ungelenke Zlatan wäre doch niemals so viel Geld wert, hieß es allerorten.
Vielleicht Barcelonas Sieg in der Champions League geschuldet, oder der im Untergrund schwelenden Leidenschaft für guten Fußball, in Schweden brach jedenfalls in der folgenden Zeit der Wahnsinn aus.
Zlatan und Barca bestimmten plötzlich sämtliche Medien. Man spekulierte über seine Möglichkeiten und sein Können, ob sein Charakter zur Spielphilosophie der Katalanen passte, und sogar über die Art seines Dienstwagens. Die Journalisten gaben Handlungsempfehlungen für Zlatan heraus und es wurde gewettet, ob und wann der Mann aus Malmö sein erstes Tor schießen würde.
Als dann endlich die neue Saison begann und alle Erwartungen übertroffen wurden, steigerte sich die ohnehin schon beachtliche Anzahl der Berichte über Barca und seinem neuen Helden ins unzählbare. Keine Zeitung die auf tägliche Berichterstattung aus Katalonien verzichtete, sie ließen uns teilhaben an jedem Törchen, jedem Wehwehchen, jedem Windzug auf dem Camp Nou. Ab diesem Zeitpunkt traf man in Schweden, zumindest unter dem männlichen Teil der Bevölkerung, niemanden mehr, der keine Meinung zum FC Barcelona hatte.
Die Flüge von Stockholm nach Barcelona an den Heimspielwochenenden waren und sind lange ausgebucht, sogar die allseits beliebte Fluggesellschaft Ryan Air glaubt mit utopischen Preisen am Abzocken teilhaben zu können. Komplettpakete mit Hotelübernachtung, Flug und Eintrittskarte zu einem Spiel gehen weg, wie die berühmten warmen Semmeln, trotz Preisen ab 650 Euro. Subjektiv geschätzt, besitzt jeder zweite Junge zwischen 4 und 14 Jahren ein Trikot des FC Barcelona, über die Erwachsenen mit Trikot möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen. Zusätzlich vermelden die Fanclubs Rekordmitgliederzahlen.
Je näher der Tag des El Clasico, dem Spiel der Spiele, heranrückte, desto wilder gerierten sich die Medien. Zlatan Ibrahimovic und der Weltbeste Lionel Messi sind verletzt, schrien nicht nur mich die Titelblätter diverser Zeitung an, ihr Einsatz gegen Real Madrid stand in Frage und neben der katalanischen Nation, schien die schwedische darüber ebenso geschockt zu sein.
Die letzten 7 Tage vor dem Spiel erfuhr das interessierte Volk nun viel über medizinische Sachverhalte und ihre Behandlungen, und man bekam den Eindruck, jeder der das Wort Barcelona nur aussprechen konnte, durfte sein Wissen über die Seiten der Zeitungen mit seiner Umwelt teilen.
Man war versucht zu rufen, es ist doch nur Fußball. Seid endlich still!
Aber ich ließ mich anstecken.
Gestern Abend, um 19.00 Uhr war Anstoß und in einer Kneipe in einem Stockholmer Vorort beobachten etwa 25 enttäuschte Schweden die Fernsehbilder aus Barcelona. Zlatan stand nicht in der Startelf, obwohl das doch vom Trainer am Mittag noch versprochen worden war. Ich glaube einige der Zuschauer waren einen Augenblick bereit ihre BARCA-Schals abzulegen und nie wieder anzusehen. Das Spielgeschehen zwang sie jedoch alsbald zur Disziplin, Real Madrid legte los und war dem Führungstor ziemlich nah. Barcelona fand in der ersten Halbzeit kein Mittel die Madrilenen unter Druck zu setzen. Vereinzelte Anfeuerungsrufe in der Kneipe verhallten ungehört, und als Valdez eine Großchance von Ronaldo nur knapp entschärfen konnte rauften sich einige ihre Haare.
Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit war es dann soweit, Zlatan Ibrahimovic betrat das Spielfeld im Austausch gegen Henry. Die Stimmung hellte sich sofort auf.
5 Minuten später schoss der Löwe aus Malmö, der Held des Rasensports, Schwedens bester Fußballer, mit dem linken Fuß, nach einem Pass von Dani Alves, den Ball volley in das Tor von Madrid. Ich weiß nicht was auf Barcelonas Straßen oder Kneipen nun passierte, hier, in einer Kneipe in einem Stockholmer Vorort, erklang ohrenbetäubender Jubel, überall Umarmungen, geballte Fäuste und Entzückungsschreie. Der schönste Traum war wahr geworden, unser aller Zlatan Ibrahimovic schoss das entscheidende Tor. Denn es blieb das einzige des Abends. Die Schals wurden wieder mit Stolz hoch gehalten und hatte man Zlatan gelegentlich die verpasste Teilnahme der schwedischen Nationalmannschaft an der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika zu Last gelegt, so war das spätestens jetzt vergessen und verziehen.
So ging der Tag von El Clasico, dem Spiel zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, mit einem Haufen glücklicher Schweden zu Ende.
Es bleibt nur noch festzuhalten, dass Joan Laporta wegen seinem genialen Schachzug, Zlatan nach Barcelona zu holen, aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht genug gelobt werden kann. Nicht unbedingt, weil der gestern das entscheidende Tor schoss, sondern weil dadurch zu erwarten ist, dass die Einnahmen des FC Barcelona, dank der fußballverrückten Schweden, weiter beträchtlich steigen werden. Auch wenn mir der Einblick in die Finanzrechnung des Vereins verwehrt ist, so behaupte ich einfach frech, die für Zlatan Ibrahimovic eingesetzten 50 Millionen Euro haben sich bereits rentiert.
Schwedischer Fußball:
Zum aktuellen Meister machte sich kürzlich der Verein AIK Solna aus Stockholm in einem spannenden Spiel gegen IFK Göteborg. Z.Z. ist Winterpause. Die neue Saison beginnt erst im Frühling.
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