Montag, 25. Januar 2010

One Night in Stockholm




Raucherkabine auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda




Es soll ja Menschen geben, deren größtes Glück darin besteht, regelmäßig und in möglichst kurzer Zeit eine Städtereise mit Hilfe eines Billigfliegers zu unternehmen, nur um dann, nach Hause zurückgekehrt, auf einer Weltkarte die jeweilige Stadt abhaken zu können.Diese Art des Reisens leidet oft unter dem Nachteil, dass einem der Charakter oder die Sehenswürdigkeiten des Reiseziels und das Leben der Einheimischen verborgen bleiben.

Das ist besonders der Fall, wenn der Reisende versäumt mit ausreichenden Informationen einzufliegen und deshalb ziellos durch die Gegend irrt, seine Zeit vergeudet und im Endeffekt unbefriedigt die Heimreise antritt. Ich vermute, die Redewendung, ohne Spesen nichts gewesen, wird hier ihren Ursprung haben.

Um dem abzuhelfen, möchte ich Sie, dem Anhänger des Kurztrips, heute ein wenig in meiner Heimatstadt herumführen. Denn sollten Sie jemand sein, der den lockenden Angeboten von AirBerlin, Germanwings oder anderen Fluggesellschaften nur schwer widerstehen kann, und einen Flug nach Stockholm buchen, um dann die Perle des Nordens zu besuchen, können Sie wenigstens im Nachhinein nicht behaupten, Sie hätten nicht gewusst auf was Sie sich da eingelassen haben.

Jahrelange Forschungen haben ergeben, dass es sich bei den typischen 24-Stunden-Reisenden meist um junge, männliche, heterosexuelle, in kleinen Gruppen auftretende und erlebnisorientierte Zeitgenossen handelt, deren Erwartungen (Alkohol, Party, Sex, bisschen Sightseeing) mit der knapp bemessenen Zeit kollidieren.
Zielgruppenorientiertes Bloggen lag schon immer in meiner Absicht, deshalb werde ich mich in den folgenden Zeilen bemühen dieser neuen und durchaus gewollten Zielgruppe gerecht zu werden. Selbstverständlich nicht ohne für die Dame, für das Rentnerehepaar oder für den Naturburschen den einen oder anderen Hinweis einzuflechten.

Sie landen also am Flughafen. Im besten Fall während der Sommermonate. Vorrangig gilt nun schnellstmöglich die Stadt zu erreichen, denn die Uhr läuft ab jetzt.
Zur Auswahl stehen ihnen Taxi und Zug (schnell und teurer) und Bus (langsam, aber billiger). Ihr erstes Ziel sollte aus praktischen Gründen immer der Hauptbahnhof (T-Centralen) sein. Von hier sind alle wichtigen Sehenswürdigkeiten nicht weit entfernt oder gut zu erreichen.

Sie haben jetzt Hunger? Gut, dann ist es Zeit für einen Imbiss. Direkt am Bahnhof lockt die schwedische Hamburgerkette Max (Vasagatan 7) mit ihren Angeboten.
Genau so isst man Hamburger in Schweden. Die schmecken lecker und man rettet nebenbei auch noch die Umwelt, denn man bemüht sich, den durch die Essenszubereitung entstandenen Kohlendioxidausstoß durch das Pflanzen von Bäumen zu kompensieren.

Sind Sie nun gesättigt beginnt die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten. Da die Innenstadt Stockholms schnell durchlaufen ist, verzichten wir vorerst auf die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Über die Drottninggatan, der Einkaufsstraße der Stadt, gehen Sie in Richtung Gamla Stan (Altstadt). Möchten Sie den Daheimgebliebenen eine Postkarte schicken, ist nun der richtige Augenblick zuzuschlagen. Hier finden Sie die billigsten Postkarten Schwedens, bei denen es sich jedoch auch um die hässlichsten Exemplare handelt.

Nach einigen hundert Metern erreichen Sie den Strömmen, die Verbindung des Mälarsees mit der Ostsee. Auf der rechten Seite befindet sich Rosenbad, der Regierungssitz des Landes, vor Ihnen liegt der schwedische Reichstag, im Hintergrund eingerahmt vom Stadtschloss der Königs. Der gemeine Tourist erlebt hier für gewöhnlich seinen ersten Endorphinausstoß. Es handelt sich daher um einen beliebten Platz zum Fotografieren, also heraus mit der neuen Digitalkamera! Bei Bedarf dürfen Sie sich hier auch von fingerfertigen Masseuren bearbeiten lassen (Achtung! Nur im Sommer!).

Es geht weiter über die Brücke, hinein in die Altstadt. Für Leute mit Interesse an Wachablösungen oder an Königshäusern empfehle ich an dieser Stelle den Weg links hinauf zum Schloss zu nehmen. Alle anderen Tagestouristen folgen bitte den Weg weiter geradeaus. Sie befinden sich jetzt in der Västerlånggatan, berühmt für seine Souvenirläden und engen Cafés. Wundern Sie sich nicht über das Gedränge: die anderen Menschen in dieser Straße sind Tourist wie Sie.
Wenn Sie möchten dürfen Sie eine der engen Gassen in die linke Richtung nehmen.
Sie erreichen dort den Stortorget mit dem Nobelmuseum und weiteren Cafés. In der Vorweihnachtszeit gibt es hier auch einen kläglichen Weihnachtsmarkt zu bestaunen.
Sollte Ihnen jemand weismachen wollen, dass die Kanonenkugeln, die an den Fassaden der Häuser feststecken, dorthin geschossen wurden, lachen Sie ihn bitte über seine mangelhaften Physikkenntnisse aus! Weiter stehen in diesem Viertel seit etlichen Jahrhunderten einige Kirchen herum und bieten ein schönes Beispiel evangelischer Bescheidenheit.
Die ganze Angelegenheit in der Altstadt sollte nicht mehr als eine Stunde in Anspruch genommen haben. Sie dürfen kurz durchatmen! Ihnen bleiben noch etwa 20 Stunden.

Mancher wird sich jetzt fragen, was ist mit einem Bett für die Nacht, sollten wir nicht ein Hotel suchen? Ich schlage vor, darauf wird verzichtet. Ein Tag ist schnell vergangen und wer möchte seine knappe Zeit schon mit Schlafen vergeuden?

Für einige Touristen ist nun der richtige Zeitpunkt für eine Stadtrundfahrt mit einem Boot oder für einen Museumsbesuch gekommen. Vielleicht möchten sie das Vasamuseum begutachten, mit dem originalen Kriegsschiff von König Gustav Adolph II., das direkt nach dem Stapellauf unterging, oder vielleicht das Historische Museum, mit seinen Schätzen im gut gesicherten Keller, oder das Moderne Museum, das auf der schönen Insel Skeppsholm gelegen, zeitgenössische Kunst präsentiert.

Gemeinhin traut man dem bereits oben charakterisierten 24-Stunden-Reisenden nicht zu, Interessen für die alten und neuen kulturellen Glanzleistungen entwickelt zu haben, daher glaubt man auch nicht daran, dass diese wissen, jene Glanzleistungen in ausreichendem Maße zu würdigen. Aus diesem Grund denke ich meiner heutigen Zielgruppe empfehlen zu können, auf den Besuch jeglichen Museums zu verzichten. Und verweise lieber auf das Restaurants Efes am Brunkebergstorg.
Diese Lokalität kann nur mit einer Sache punkten, dem Bierpreis. Ein 0,6 Liter-Glas (!) mit Fassbier kostet hier nur 39 Kronen. Nirgendwo sonst in dieser Stadt ist man fähig oder bereit diesen Preis zu unterbieten.

Setzt der liebe Tourist stattdessen auf Qualität, begeben wir uns auf einen kleinen Fußmarsch zu Monks Cafe in der Wallingatan 38. Angeblich besteht hier die Möglichkeit 5000 verschieden Biere zu verköstigen, darunter auch einige Selbstgebraute. Da aber nur noch 19 Stunden bleiben, möchte ich raten, nicht allzu viel vom Angebot in Anspruch zu nehmen, zumal Sie immer noch keine Frau getroffen haben, die ihnen in der Nacht Obdach gewähren könnte, und die Sie hier auch nicht treffen werden.

Leicht beschwipst begibt man sich deshalb zur größten Singlebörse der Stadt, dem öffentlichen Nahverkehr. Das lässt sich obendrein leicht mit einer billigen Stadtrundfahrt verbinden. Zum einen ist hier eine Fahrt mit der Straßenbahn (Tvärbanan) von Alvik in Richtung Sickla Udde zu empfehlen. Einmal an Bord verbringen sie die nächsten Minuten mit atemberaubenden Ausblicken und dem Staunen über schwedische Ingenieurskunst. Der zweite Endorphinausstoß des Tages ist Ihnen gewiss. Zum anderen empfehle ich eine Fahrt mit der U-Bahn (Tunnelbanan). Nehmen Sie die Grüne Linie in Richtung Hässelby Strand! Die gesamte Strecke entlang wechseln sich idyllische Villenviertel mit grauen Wohnsilos ab. So sieht der architektonische Alltag der Einheimischen aus. Sie haben sich damit neues Insiderwissen angeeignet, womit sich zu Hause vortrefflich prahlen lässt. Unterwegs bleibt Zeit sich mit den Einheimischen z.B. über ihre Stadt zu unterhalten oder eventuell mit einer Dame Bekanntschaft zu schließen. Betonen Sie im Gespräch wie schön Stockholm und seine Bewohner sind. Schmeicheln kommt überall gut an, und eventuell bedankt sich ihr Gegenüber mit einer Einladung zur Fika, der traditionellen Kaffeepause der Schweden. Zwingend erforderlich ist die Einladung jetzt aber noch nicht.

An der Station Hässelby Gård steigen Sie aus. Dieses Viertel hat bei manchen Schweden einen miesen Ruf, ist es doch Wohnort vieler Ausländer, die von Ignoranten und Spinnern gern mit Schurken und Rabauken gleichgesetzt werden. Da Sie aber als ein Tourist hier sind und somit selbst mit dem Status eines Ausländer durch die Gegend wandeln, fällt es mir sehr leicht zu behaupten, dass Ihnen hier nichts passieren wird. Das abgelebt wirkende Restaurant Stefans Bar & Kök (an der Ecke Kvarnhagsgatan/ Beata Sparres Gränd) bietet Ihnen zum Abendbrot das beste Steak Stockholms. Nicht billig, aber ein kulinarischer Höhenflug. Andere Gerichte der Speisekarte warten ebenfalls mit Gefälligkeit auf und beweisen die beeindruckenden Fähigkeiten des Kochs.

Nach dem Essen kann der angereiste Naturbursche zum nicht weit entfernten Mälarsee spazieren und in der Ruhe des Waldes über das bisher Gesehene vortrefflich reflektieren, die Fragen des Seins aufwerfen, Dinge der Menschheit analysieren, oder im See nackt baden. Für die Anderen ist es Zeit in die Innenstadt zurückzukehren. Noch 16 Stunden!

Die Stockholmer beginnen den Abend mit ein paar alkoholischen Getränken in einer gemütlichen Bar oder Kneipe, bevor sie sich unverzagt ins Nachtleben stürzen. Der Tourist ist gut beraten, sich den einheimischen Gegebenheiten anzupassen und fährt zur Götgatan (U-Bahnstation Slussen).
Sie sind nun auf der Kneipenmeile der Stadt. Eine besondere Empfehlung erübrigt sich hier, probieren sie sich einfach durch.

Ist ihnen aufgefallen, dass vor jeder Pinte Türsteher den Einlass kontrollieren?
Dann haben Sie zum einen für ihre Reise einen Mittwoch, Freitag oder Sonnabend ausgewählt und zum anderen haben sie für den heutigen Abend ihren ärgsten Feind kennengelernt. Niemand kann Ihrer Partylust gefährlicher sein, als ein Stockholmer Türsteher, denn der besitzt in dieser Stadt gottähnliche Macht. Nicht selten nutzt er die auch.

Machen Sie es wie die Einheimischen: stellen Sie sich nüchtern, stellen Sie sich unauffällig neben eine Frauengruppe, fangen Sie keine aufdringlichen Gespräche mit dem Türsteher an! Und um Gotteswillen, lassen Sie niemals den obercoolen Touristen raushängen, genau das hasst ihr Feind besonders. Diese Hinweise garantieren aber noch lange nicht, dass Sie hineingelassen werden. Vielleicht haben Sie eine Jacke an, deren Farbe diesem kleinen Gott missfällt oder Sie sind einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Irgendwelche Gründe um ihre Macht ausüben zu können, finden diese Menschen immer. Sollten Sie abgewiesen werden, ist das kein Grund zu verzagen. Gehen Sie zur nächsten Kneipe und versuchen Sie erneut ihr Glück.

Sind Sie drin? Sehr schön. Zeit für die Balz! Suchen Sie sich Gesprächspartner, geben Sie Drinks aus, aber trinken Sie selbst nicht zu viel! Der Türsteher steht garantiert hinter Ihnen und wartet geduldig bis sich Ihre Schwächen offenbaren, nur um Sie dann höflich und bestimmt nach draußen zu geleiten. Keine Angst! Er bleibt höflich, jedenfalls sofern Sie keine Diskussion beginnen.

Läuft alles wie geschmiert, haben Sie mittlerweile neue Bekanntschaften (bevorzugt einheimische Damen) gemacht und amüsieren sich. Ihre neuen Bekannten nehmen Sie bestimmt gern mit in einen der angesagten Clubs in der Nachbarschaft (Stadtteil Södermalm). Blieben Ihnen neue Freundschaften bis hierher verwehrt, besteht Anlass ein wenig unruhig zu werden. Noch 11 Stunden!

Sind Sie weiterhin auf sich allein gestellt, begeben Sie sich entweder zum Medborgarplatsen, hier laden u.a. die Klubs „Snaps” und „Debaser Medis“ zum Feiern ein, oder nach Norden, den Berg hinab zur Schleuse (Slussen).
Direkt an der Stelle, an der sich Süßwasser und Brackwasser begegnen, befindet sich das „Debaser Slussen“, hundert Meter weiter die Klubs „Medusa“ und „Engelen“. Sofern sie die Türstehergefahr nochmals überwunden haben, steht einer Party in den kommenden Stunden nichts mehr im Wege. Doch vergessen Sie um Himmelswillen nicht diese Angelegenheit mit der weiblichen Bekanntschaft. Nun pressiert es.
Punkt 3 Uhr gehen die Lichter schon wieder an, der DJ schaltet seine Musikanlage ab und die Türsteher fordern bestimmt zum Gehen auf. Aufgrund seltsamer Gesetze muss der Großteil der Klubs um diese Uhrzeit zu schließen. Es gibt eine Handvoll auserwählter Etablissements mit Sondergenehmigungen bis 5 Uhr, doch in die werden sie jetzt nicht mehr hineinkommen.

Haben Sie also bisher nichts zu Wege gebracht und wurden von keiner Frau ins Herz geschlossen, dann haben Sie wegen Ihrer Unfähigkeit ein ernsthaftes Problem.
Die restlichen 7 Stunden können nämlich ohne Dach über dem Kopf quälend lang werden.
Sogar der Hauptbahnhof schließt nun seine Pforten und Stille legt sich über die Stadt.

Aber nicht ohne Grund habe ich Sie nach Södermalm geführt. Sie müssen nur den Berg wieder hinauf. Auf der Nordseite des Stadtteils, hoch oben über Riddarfjärden, liegen nette Grünanlagen (Ivar Los Park). Der Ausblick ist überwältigend und sofern Sie nicht zu müde sind, ereilt Sie nun ein erneuter Endorphinausbruch.
Machen Sie es sich auf einer Wiese oder auf einer Bank gemütlich! Bewundern Sie die rechts zu ihren Füßen liegende Altstadt, oder gegenüber von Ihnen das Stockholmer Rathaus, in dem alljährlich die Nobelpreisfeier stattfindet! Schnorren Sie doch von einem der anderen hier herumliegenden Gescheiterten ein Bier!
Ein überaus guter Zeitpunkt darüber nachzudenken, warum man hier sitzt und den eigenen Erwartungen nicht vollständig gerecht werden konnte, also warum man zwar sturzbetrunken ist, aber ohne in den zarten Armen einer einheimischen Frau zu liegen.

Genug mit Trübsal blasen! In 4 Stunden geht der Flieger in die Heimat. Im Hauptbahnhof riecht es nach frischen Kaffee und leckeren Frühstück. Lassen Sie es sich schmecken und schlafen Sie bitte nicht ein! Nach dem Frühstück ist es Zeit aufzubrechen. Nehmen Sie das bevorzugte Verkehrsmittel zum Flughafen! Checken Sie dort ein und warten Sie auf ihren Abflug! Auf dem Terminal 2, dem Abflugterminal der sogenannten Billigflieger, erwartet den reisenden Raucher noch eine Überraschung. Ist das Rauchen sonst überall verboten, darf man hier in einer unscheinbaren Kabine seiner Sucht frönen (2.Etage, neben dem Restaurant). Sehen Sie diesen Geheimtipp, als kleine Wiedergutmachung! Dass ich Sie auf dem Berg übernachten lassen habe, belastet mein Gewissen. Seien Sie also nachsichtig mit mir!

Ein ganzer Tag ist jetzt vergangen. Zeit zu gehen, und zwar ins Flugzeug. Besuchen Sie uns doch bald wieder! Stockholm bietet noch viel mehr zu entdecken, vorausgesetzt Sie bringen genügend Zeit mit.


Ergänzende Informationen:

www.stockholmtown.com (Offizielle Touristenseite der Stadt)

www.max.se (Hamburgerkette)

www.sl.se (Stockholmer Nahverkehr)


Freitag, 15. Januar 2010

Geschwisterliebe in Zeiten der Krise




Treffen sich zwei Norweger in einer Kneipe.
- Sag mal, haben wir uns nicht schon einmal in Paris getroffen?
- Wahrscheinlich nicht. Ich war noch nie in Paris.
- Hmmm. Ich auch nicht. Das müssen dann wohl zwei Andere gewesen sein.

(Schwedischer Witz)




Womöglich kennen Sie das? Ihr kleiner Bruder, von ihnen bei seinen ersten eigenen Schritten belächelt, hin und wieder mit Lob bedacht oder auch gemein gehänselt, aber von Ihnen nie wirklich ernst genommen, beeindruckt Sie mit einem Mal mit seinem Erfolg in seinem eigenen Leben und Ihnen wird schwindlig, weil Sie nicht wissen, ob Sie auf ihn stolz sein sollen, oder ob Sie vorher der Neid auffrisst.

So ergeht es jedenfalls den Schweden neuerdings. Nach Meinungen von Wirtschaftsanalysten wird Norwegen in diesem Jahr zum ersten Mal ein Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften, das ziemlich genau dem von Schweden entspricht, bei einer nur halb so großen Bevölkerungsanzahl.

Das kann schon gehörig schocken, denn bisher wurde Norwegen, seit der einseitigen Abspaltung im Jahr 1905, eher wie der kleine Bruder betrachtet.

Man spricht ja ähnliche Sprachen; wobei die Norweger in meinen Ohren noch mehr beim Sprechen singen, als die Schweden; versteht sich also recht komplikationslos, man ist gemeinsam Skandinavier und man hat eine gemeinsame Geschichte, die in den letzten Jahrhunderten friedlich von statten ging. Wer kann das schon von sich behaupten?

Man macht gemeinsame Geschäfte, man besucht sich andauernd, man berät gelegentlich über eine echte nordische Union und ein großer Teil der Schweden fiebert großzügig bei Sportwettkämpfen mit dem kleineren Bruder, aber selbstverständlich nur, wenn der Sieg des schwedischen Teilnehmers nicht gefährdet ist.

Nichtsdestotrotz betrachtete man bisher die Norweger als ein bisschen hinterwäldlerisch. Gern erzählen die Schweden in trauten Stunden Witze über ihre Nachbarn, deren Charakter unübersehbar mit Ostfriesenwitzen o.ä. vergleichbar sind. Und wurden die Norweger früher bemitleidet, weil sie nur ein paar Kartoffeln ihr eigen nennen konnten, fühlt man heute manchmal Mitleid, weil dort die Preise für Lebensmittel und Alkohol noch teurer sind als in Schweden. Viele Norweger sind deshalb gezwungen ihre Einkäufe in schwedischen Städten, direkt hinter der Landesgrenze zu tätigen, und machen damit den großen Bruder glücklich.

Wie in einer richtigen Familie.

Mittlerweile ist jedoch nicht mehr zu übersehen, dass die jahrhundertelange Vorrangstellung Schwedens im skandinavischen Raum, und der damit vorhandene Einfluss, zu wanken beginnen.
Die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt sind nur die eine Seite, die andere sind die offensichtlicheren Zeichen der sicheren Umkehrung der Verhältnisse.

Der Nachbar wirbt frech u.a. schwedische Ärzte ab, lockt mit hohen Einkommen und noch angenehmeren Arbeitszeiten, im vom Ärztemangel geprägten Schweden eine unangenehme Entwicklung. So ist man hier wiederum gezwungen noch mehr Fachkräfte in Polen und Deutschland abzuwerben, die am Ende womöglich auch nach Norwegen ziehen.

Und es geht noch weiter. Der wohlhabende kleine Bruder kauft in Grenznähe die Ferienhäuser auf, treibt die Hauspreise so weit nach oben, dass den Schweden beim Mitbieten die Puste ausgeht. In einigen Gegenden der nördlichen Westküste sollen sich angeblich, überwiegend in Strandnähe, also in den besten Lagen, echte norwegische Enklaven gebildet haben. Ein Umstand, der meinen schwedischen Informanten und guten Freund Daniel regelmäßig zur Weißglut treibt.

Das sollte Sie, lieber Leser, nicht verunsichern. Vor einigen Jahren regte er sich gleichermaßen über die Massen von Deutschen auf, die es wagten in den småländischen Wäldern ihren Traum von einer Bretterhütte am See zu erfüllen.

Es sind nicht nur Häuser und Landschaften, die den Besitzer wechseln. Der staatliche norwegische Ölfond kauft, wenn man den aktuellen Zeitungsmeldungen glauben darf, im Moment kräftig schwedische Aktien auf, überwiegend von Banken, nachdem dessen Anteilsscheine im Zuge der Wirtschaftskrise für ein Appel und ein Ei zu haben waren. Eine Investition, die ich übrigens für sehr übermütig halte, und die ich so nicht tätigen würde. Aber ich bin ja auch kein Ölfond.

Aber man versteht ein wenig, warum einige, ob des Erwachsenwerdens des Bruders, plötzlich die geschwisterliche Zurückhaltung verlieren und trotzig zetern, dass lege nur am Öl- und Gasreichtum, der genauso schnell wieder verschwindet, wie er gekommen war, wenn nur erst einmal die Quellen erschöpft sind, oder die felsenfest davon überzeugt sind, dass in Norwegen sowieso nur die schwedischen Gastarbeiter schuften, das Vermögen Norwegens also, nur auf dem Vermögen der Schweden zu arbeiten beruht.

Man muss das entschuldigen, Neid und Missgunst kommen in den besten Familien vor und verflüchtigen sich auch rasch wieder, zumal hier in Schweden, trotz der schwierigen Wirtschaftslage, bei vielen Leuten die Meinung vorherrscht, im modernsten und überhaupt schönsten Land der Welt zu wohnen. Da kann auch der kleine Bruder mit seinen Erfolgen so schnell nicht dran rütteln.

Und irgendwie ist man ja auch ein bisschen stolz auf das Erreichte des Familienmitglieds.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Neujahr oder 27 auf einen Streich



Soaa! Ein ganzer Haufen Feiertage liegt hinter uns, 2010 ist noch taufrisch und etliche glückverheißende Tage des neuen Jahres liegen noch vor uns. Für Viele Grund genug sich zurückzulehnen, um vorauszublicken oder entspannt abzuwarten, was die Zukunft bringen mag.

Nicht so Schwedens Wölfe, für sie gab es im neuen Jahr nicht viele Mußestunden. Denn nach langer Zeit der Schonung wurden nun 27 von ihnen zum Abschuss freigegeben. Aufgrund eines Beschlusses des Reichstages landesweit nicht mehr als 210 Exemplare, der bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als ausgestorben (bzw. ausgerottet) geltenden Tierart zuzulassen, erging nun an die einheimischen Jägern die Erlaubnis ab dem 02.Januar bis zum 15. Februar auf Wolfspirsch zu gehen. Voraussetzung für die individuelle Genehmigung der Jagd war eine Registrierung bei der zuständigen Behörde, dem kamen 12000 Jagdenthusiasten sofort nach, um sich dann pünktlich zum 02.01. auf dem Weg in den Wald machen zu dürfen….

Bereits am Abend des genannten Tages galten die regionalen Quoten in vielen Gebieten als erfüllt. Vielleicht lag das an den Fähigkeiten der hiesigen Jagdgemeinschaft, an dem vielen Schnee, der das Finden der Wechsel und damit das Verfolgen der Beute vereinfachte oder einfach nur an der schieren Masse der Jäger, jedenfalls war überall ein lautes Halali zu vernehmen und die eigentlich auf 6 Wochen angelegte Jagd schon fast vorbei.
In ein paar Gegenden fanden zwar in den nächsten Tagen noch vereinzelte Abschüsse statt, im Örebrolän soll sogar heute noch ein Abschuss „offen“ sein, aber im Großen und Ganzen war die Sache für die Wölfe damit tatsächlich erledigt.

Aber noch nicht für die Menschen. Der Naturschutzverein (Naturskyddsföreningen) beschloss den Schwedischen Staat bei der EU-Kommission wegen der vergebenen Genehmigung anzumelden, weil die Wölfe immer noch vom Aussterben bedroht sind, zumal im schönen Dalarna auch offiziell mehr Tiere getötet wurden, als durch die Quote erlaubt waren.

Einige Jäger erhielten Morddrohungen von übermotivierten Tierschützern, so dass man nicht umhin kam, das uns vom Problembär Bruno bekannte Verfahren anzuwenden, den oder die Schützen geheim zu halten.
In den regionalen und überregionalen Zeitungen und im Internet entwickelten sich in den letzten Tagen wüste Debatten zwischen Jagdgegnern und Jagdbefürwortern und mit einem Mal erhielt man die Möglichkeit Spaltungen innerhalb der schwedischen Gesellschaft wahrzunehmen, die sonst nicht so offen zu Tage treten: dort die Leute vom Lande, dort die aus der Stadt; auf der einen Seite die um ihre eigenen Tiere fürchtenden Bauern, auf der anderen die naturverbundenen Bewohner des Landes; ergänzt natürlich von den Jägern und ihren Gegenübern, den vermeintlichen Sammlern.

Und alle bellten und heulten durcheinander.

Selten beobachtete man in den letzten Jahren so viele ausgelebte Emotionen bei den Schweden (die Tage nach der Verkündigung der Verlobung der Kronprinzessin jetzt mal ausgenommen). Wir werden sehen was davon bleiben wird.

Offiziell begründet wurde die Freigabe der Jagd übrigens mit der notwendigen Erneuerung der genetischen Vielfalt der Wölfe, eine Erklärung, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen möchte. Wenn man von 210 Tieren mindestens 27 erschießt, wie erhält man dann eine größere genetische Vielfalt?

Sollte sich jemand unter den verehrten Lesern in der Lage sehen in dieser Sache Licht ins Dunkel zu bringen und diese mir als Paradoxon erscheinende Begründung überzeugend erklären können, so möchte ich ihr oder ihm meine ewige Dankbarkeit versichern.
Solange sich dafür aber niemand findet, gehe ich einfach weiterhin davon aus, dass damit lediglich ein Wahlgeschenk an die Jägerlobby und ihren Mitgliedern verteilt werden sollte, auch wenn ein bisschen Zynismus dabei nicht zu übersehen ist.

Und da sind wir auch schon bei einigen der Themen, die uns dieses Jahr an dieser Stelle interessieren werden. Zuallererst natürlich die Reichstagwahl am 19.September, deren Ausgang noch ziemlich offen scheint und für die die 27 Wölfe vielleicht ihr Leben lassen mussten, dann der Eurovision Song Contest, den man hier in Schweden noch ernst nimmt, dann der Sommer mit allen seinen Facetten, sowie selbstverständlich die Hochzeit der Kronprinzessin am 19.Juni und den damit verbundenen Feierlichkeiten und Touristenmassen. Sie sehen, es gibt noch ausreichend für mich zu tun. God fortsättning!