Montag, 30. August 2010
Die Stockholmer Bier- und Whiskymesse
…Die Patienten in Örjansgårdens Krankenhütte… erhielten eine tägliche Ration von über 6 Liter Bier... das war die Menge, die für einen Kranken als Bedarf angesehen wurde, keine „Zuteilung“ für ein Fest. Ich wage deshalb zu behaupten, dass man bei einem geselligen Umtrunk mit etwa 12 bis 15 Liter Bier für eine Person rechnete.
Henrik Schück: „Stockholm vid 1400-Talets Slut“ (Stockholm am Ende des 15.Jahrhunderts)
Im September, wann die Stockholmer vom Urlaub auf dem Lande oder von den Stränden des Mittelmeers zurückgekehrt sind und allesamt das Bedürfnis verspüren sich gemeinsam wehmütig ihrer Sommererlebnisse zu erinnern, trifft es sich gut, dass einer der Höhepunkte des hiesigen gesellschaftlichen Lebens ansteht und die Bier- und Whiskymesse (Öl- & Whiskymässan) ihre Pforten öffnet.
An den Menschenmassen, die an zwei Wochenenden des ersten Herbstmonats zum Messegelände in Nacka Strand pilgern, erkennt man zweifellos das allgemeine Interesse an Qualitätsalkoholika und die Notwendigkeit eines Massenbesäufnisses zur beginnenden dunklen Jahreszeit. Auch ich kann mich wie immer nicht dem gesellschaftlichen Druck entziehen und mache mich schon allein wegen der Aussicht auf ein deutsches Pilsner vom Fass auf dem Weg in den Osten Stockholms.
In Begleitung meiner alten Freunde Daniel und Markus, langjährige Experten der Whiskymesse, bewege ich mich per Bus nach Nacka Strand ( Don´t drink and drive!). Bevor wir jedoch in die heiligen Hallen hineingelassen werden, verlangt man von uns die Zahlung eines Eintrittspreises von 195,- SEK (=19 EUR). Der ungewöhnlich hohe Preis schmerzt sehr. Zumal die Getränke nicht billig sein werden. Wir lassen diese soziale Aussiebung jedoch still über uns ergehen. Wer die Art der Stockholmer Türsteher kennt, weiß unsere Entscheidung zu verstehen.
Uns ist jetzt klar, dass wir uns hier in gehoberenden Säuferkreisen bewegen werden. Dank der Großzügigkeit meiner Oma (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Deutsche Rentenversicherung für die pünktliche Auszahlung der Rente) kann ich den verlangten Obolus entrichten und eile an den hünenhaften Türstehern vorbei.
Wenigstens erwirken wir mit dieser Abgabe nicht nur das Recht auf Eintritt, sondern auch ein Bierglas, das mit dem Emblem der Messe geschmückt ist. Ein nettes Souvenir mit Schönheitsfehler. Weil der Veranstalter auf den Einfall gekommen ist, das Bier an den Ständen vornehmlich in dieses Glas auszuschenken, sind wir den Abend über gezwungen es mit uns herum zu schleppen. Sollte diese Idee aus ökologischer Bedachtsamkeit heraus umgesetzt worden sein, ist sie selbstverständlich zu loben. Sollte lediglich eine Kostensenkungsstrategie dahinter stecken, bleibt nichts anderes übrig, als diese Idee als unbequem zu kritisieren. Zumindest haben wir später ein Andenken an diesen Abend.
Zuerst entschließen sich meine beiden Begleiter und ich in Aussicht auf das Kommende Platz zu schaffen und begeben uns auf die Toiletten. Dort treffen wir eine Menge Gleichgesinnter, die mangels Abstellmöglichkeiten leidlich versuchen mit dem Bierglas in der einen Hand ordnungsgemäß zu pissen. Was anfangs Erheiterung verursacht, mutiert später am Abend zu DER Herausforderung.
Nun endlich können die Spiele beginnen. Ich entscheide mich zum Start für ein echtes Budweiser. Meine Begleiter für ein Staropramen, bzw. ein Spaten Oktoberfestbier. Der erste Durst ist gelöscht und wir atmen erst einmal kräftig durch.
Das Messegelände besticht nicht gerade durch seine Größe: eine größere Halle für den Konsum von Bier und Whisky, zwei angeschlossene kleine Hallen mit selben Angebot, einem Innenhof für die Raucher und mit einem Schwenkgrill, sowie einem Nebengebäude für Cognac, Rum, Champagner und Zigarren. Ohne zu trinken hat man in 10 Minuten alles gesehen und kann wieder gehen. Doch zum Kieken sind wir nicht hier und wir spazieren zum nächstgelegenen Stand. Hier erwartet uns ein schwedisches Bier namens Ysta. Es wird als Frischbier beworben und schmeckt süß und nach Vanille. Als bekennender Anhänger eines guten Pils kann ich das nicht tolerieren, meiner Begleitung gefällt es außerordentlich.
An einem der vielen Waschbecken in der Halle spülen wir unsere Gläser wieder sauber.
Ich sehne mich nach Heimatlichem und finde endlich einen Tresen mit Radeberger Pilsner. Markus, ebenfalls Berliner Exilant, und meine Wenigkeit kippen das Gesöff mit vielen Heimatgefühlen hinunter. Daniel, Schwedens Antwort auf Daniel Craig, nickt anerkennend. Das verführt mich dazu die deutsche Bierbraukunst zu loben. Mein schwedischer Freund, der mein Gerede bereits auswendig kennt, nickt ein ums andere Mal, viel später wird er nur noch gequält lächeln.
Es ist Zeit für uns den zweiten Tagesordnungspunkt anzugehen: dem Test von Whiskys. Dazu einigen wir uns auf eine Skala von 1 bis 10. Also von sehr schlecht bis perfekt. Trotz verschiedener Geschmäcker klappt die Verteilung der Noten erstaunlich gut und oft einvernehmlich. Wir beginnen am Stand vom Glenlivet. Auf dem Tresen stehen ein 21-jähriger, ein 18- jähriger und ein 16-jähriger cask strengh. Nach kurzer Beratung erhält der erstgenannte Whisky die Durchschnittsnote 7, der 18-jährige die Note 8, der 16-jährige die Note 7,5. Die ersten Whiskys des Abends lassen sofort ein warmes und wohliges Gefühl in unsere Köpfe aufsteigen. Das bedeutet, wir müssen etwas essen.
Am Schwenkgrill auf dem Hof werden überraschenderweise Original Thüringer Bratwürste beworben. Sie werden, auch das eine Überraschung, im Baguettebrot mit Sauerkraut und Ketchup serviert. Wir schlagen zu und tatsächlich schmecken sie vorzüglich. Auf Nachfrage erzählt der Grillmeister, dass die Würste eigentlich nicht aus Thüringen kommen, sondern hier in Stockholm hergestellt wurden. Seine Ehrlichkeit wissen wir zu schätzen.
Nach dem Essen rauchen Markus und ich eine Entspannungszigarette, Daniel schiebt sich ein Snus unter die Oberlippe. Wir beobachten das Treiben hier auf dem Hof. Obwohl es noch früh am Abend ist, sogar die Sonne lugt über die Dächer, ist nicht zu übersehen, dass sich einige Gäste bereits ausgiebig dem Genuss von Alkohol hingeben haben. Ungewöhnlich laut führen die Schweden ihre Gespräche und manche gestikulieren sogar. Beinahe wie in einem Land auf dem Kontinent. Währenddessen verhindern einige mit einer Hand das Zusammenbrechen des roten Backsteingebäudes, in dem sie es heldengleich stützen, oder vielleicht ist es auch andersherum. Doch da gibt es nichts zu lachen, denn wir sind ebenso ein Teil dieser Veranstaltung, nicht zuletzt unsere Gläser erinnern uns ständig daran und zwingen uns zur Demut.
Die Pause hat uns gut getan und wir machen uns wieder ans Werk. Mitten in der Messehalle steht ein glatzköpfiger Tscheche. Er spricht die schwedische Sprache mit dem gleichen liebenswürdigen Akzent, mit dem Tschechen die deutsche Sprache bereichern. Er bietet sehr höflich einen Kurs des Bierzapfens an. Wir hören Spejbel, denn er sieht genauso aus wie der berühmte Vater von Hurvinek, aufmerksam zu.
Zuerst klärt er uns in Verkennung unserer Nationalität darüber auf, dass ein Bier mit einer Blume zu zapfen ist und begründet seine Aussage nebenbei damit, dass das in Biernationen wie Tschechien und Deutschland nicht nur üblich, sondern zwingend ist, um das Aroma des Hopfengetränkes zu seiner Geltung kommen zu lassen.
Dem kann man nur aus vollem Herzen zustimmen und ich bewundere den Tschechen für seine Verwegenheit den Schweden die Trinkkultur nahe bringen zu wollen. Der gewöhnliche Wirt in Schweden hat ein ebenso enges Verhältnis zur Bierblume wie ein Müßiggänger zum Höhenrausch. Sogar energisches Betteln lässt ihn nicht erweichen dem Bier die ihm zustehende Krone aufzusetzen. Für ihn hat alles seine Richtigkeit, wenn er die Molle schaumlos und ohne Liebe bis an die Markierung auffüllt und dann serviert. Jedem Bierliebhaber kommen an dieser Stelle die Tränen, als Ausdruck seines gebrochenen Herzens. Doch es gibt auch Ausnahmen, wie hier auf der Messe, wo die Brauhäuser sich große Mühe geben, unsere geschundenen Herzen zu heilen.
Markus und ich bilden uns ein, als Mitglieder einer Nation der Trinkkultur, bösartige Spötter behaupten Säufervolk, auf weitere Erziehungsgespräche verzichten zu können und lassen unseren Freund Daniel mit dem Tschechen allein. Wir nutzen die Zeit, um der uns verwandten Nation Tschechien unsere Ehre zu erweisen und bestellen ein Kinze aus Böhmen. Oh, wie werden wir enttäuscht, dafür gibt es nur 3 Punkte und das nur aus Höflichkeit. Doch dem lieben Gott, oder wem auch immer sei dank, kommt Daniel mit einer Urkunde über den abgeschlossenen Schnellkurs und einem Staropramen, das er zum erfolgreichen Abschluss seines Studiums der Trinkkultur erhalten hat. Zügig trinken wir ihm sein Glas leer.
Wir bewegen unsere Körper gemächlich in eine der kleineren Hallen. Dort entdecken wir ein kleines Paradies für Whiskyliebhaber. Grob geschätzt stehen hier tausende Flaschen mit gewöhnlichen und ungewöhnlichen Single Malt. Uns tropft der Zahn. Minutenlang stehen wir vor dem riesigen Angebot wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum, und betrachten mit leuchtenden Augen Flasche um Flasche. Gegenseitig halten wir uns zurück, um nicht der Raserei zu verfallen.
Uns begrüßt ein Franzose mit hervorragenden Englischkenntnissen. Wir nicken ihm anerkennend zu. Wegen der Vielfalt des Angebots.
Daniel bestellt einen Speyburn 1977 und gibt ihm die Note 9. Wir beiden Anderen hätten vielleicht nicht ganz so hoch gegriffen und ihn mit der zweithöchsten Note belohnt, doch lassen wir hier natürlich das Recht des Zahlenden gelten. Ich versuche mich an einem St. Magdalene 1975, und vergebe die Note 7. Markus erteilt für einen Springbank eine 8.
Da es uns hier so gefällt, fahren wir nach einigen Gläsern Stockholmer Trinkwassers mit unserer wissenschaftlichen Studie fort. Ich bestelle einen Caol Ila 1984, 25 Jahre, mit läppischen 56,9 % Alkohol, genieße ihn wegen diesem hohen Alkoholgehalt mit etwas Wasser und gebe ihm eine Note 7, Daniel sogar eine Note 8. Nun ist es Zeit für Markus seinem Höhepunkt des Abends; einen Springbank 1993, mit 53,5 % Alkohol. Ohne lange zu überlegen erteilt er eine glatte Zehn. Wie verschieden sind die Geschmäcker, ich kann ihm nur eine 6 abgewinnen und Daniel vergibt immerhin die Note 9.
Während dem fachmännischen Auswerten der Verkostung, dem Durchblättern der ausliegenden Kataloge, dem Trinken von Wasser, rast die Zeit dahin. Bei einem Blick auf die Uhr stellen wir fest, dass wir seit langer Zeit keine Zigaretten genossen haben, Daniels Snus vermag unser Verlangen nicht mehr zu unterdrücken. Also ist Zeit für eine neue Pause.
Auf dem Hof machen wir die Feststellung, dass das buntgemischte Publikum zu 80 % aus Männern besteht, und die sind von leicht angetrunken bis sternhagelvoll. 95 % der Anwesenden haben ein Glas in der Hand. 99 % sehen zufrieden aus. Nach dem Konsum von frischer Luft, vermischt mit Nikotin, zieht es uns erneut in die Heilige Halle des Whiskys.
Wir trinken einen Royal Lochnagar, 22 Jahre (Note 9), und einen Auchentoshan, 19 Jahre (Note 9). Nun wagt sich Daniel an die Neuheit der Saison; einen Kilchoman, der neuste Whisky der Insel Islay. Scheinbar noch zu neu, denn erhält nur die Note 6. Unser Befinden verführt zu neuen Herausforderungen und leider zu Übermut und ich begehe einen üblen Anfängerfehler. Ich bestelle einen Laphroaig 1990, 56 % Alkohol, einen heftigen Zeitgenossen, der aufgrund seiner Rauchigkeit (Torfigkeit) für den Rest des Abends, und auch für die nächsten Tage, meine Geschmacksnerven vollständig zerstört. Zudem ist er sehr muffig und kann mich nicht überzeugen, Note 5.
Mein Vorschlag auf ein Bier kommt gut an. Am Hallenende erblicken wir den Stand einer finnischen Brauerei mit dem schönen Namen Teerenpeli aus der Stadt Lahti. Die Herrschaften aus Finnland wirken nicht nur als Bierbrauer, sondern betreiben auch eine Destillery. Dass die Schweden erstklassigen Whisky herstellen können, wissen wir seit dem Erfolg von Mackmyra. Dass Finnland ebenfalls diesen Weg beschreiten möchte ist uns bisher unbekannt gewesen. Daniel lächelt etwas gehässig bei den Worten „Finnland“ und „Whisky“. Wir sehen sein Verhalten im Kontext der Rivalitäten der skandinavischen Nationen untereinander und wagen uns nicht in diese innerskandinavischen Angelegenheiten einzumischen. Doch schon der erste Schluck schockiert zu sehr. Ich versuche mich diplomatisch aus der Affäre zu ziehen und bestehe darauf, dass dieses Gesöff bei längerer, viel längerer Lagerung seine Qualität noch steigern kann. Daniel verneint das. „Finnland“ und „Whisky“ wäre nun mal ein Widerspruch.
Wenigstens schmeckt das Bier aus Lahti angenehm. Eine berechtigte Spitze gegen die schwedischen Biere kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen. Doch ist Daniel wegen des Fauxpas der finnischen Whiskybrenner dermaßen gut gelaunt, dass meine Stänkerei ins Leere läuft. Ich möchte nicht die Stimmung eines deutschen Kirmesfestes in Stockholm einführen und unterlasse es für dieses Mal einen Schweden zu belehren.
Die Hallen sind voll geworden. Nur langsam kommt man auf seiner Pirsch nach Außergewöhnlichem voran. Aber alles geht sehr gesittet vor sich, niemand der schreit, ernsthaft provoziert oder seinen Rausch auf aggressive Art beweisen müsste. Man prostet dem Unbekannten neben sich zu und teilt seine Erfahrung mit ihm. Man wünscht sich einen schönen Abend und kämpft sich zum nächsten Stand. Lediglich wenn an einem Tresen eine Frau bedient, mitunter sogar jung und liebreizend ist, entsteht Unruhe, versuchen die angetrunkenen Männer vergeblich Haltung anzunehmen, also zum Beispiel die Bierbäuche einzuziehen oder einfach nur gerade zu stehen. Sie bilden dann eine gierige Meute, die jeden ihrer Schritte begafft. Es bleibt zu hoffen, dass diese Geschöpfe ausreichend für das Erdulden dieses Spektakels entlohnt werden.
Doch kommen wir zurück auf unsere wissenschaftliche Forschung. Wir genehmigen uns ein Einbecker Brauherrenpils und sind unfähig eine Meinung zu finden. Keine Geschmacksunterschiede sind zu finden. Sollte es das gewesen sein? Wir geben noch nicht auf. Probieren das Bier Skjalfti (übersetzt: Erdbeben), ein isländisches und dunkles Gebräu. Für uns hat es ebenfalls keine Eigenschaften. Die Geschmacksnerven sind überstrapaziert. Damit ist der Tag auf der Messe für uns gelaufen. Uns gegenseitig stützend verlassen wir fröhlich die Halle.
Draußen begehren noch Hunderte Einlass. Weiter hinten verhandelt Daniel mit verschiedenen Taxifahrern über die günstigste Möglichkeit zur Abfahrt. Für uns Ex-Berliner immer wieder eine ungewohnte Erfahrung. Für was gibt es Taximeter?
Nach einiger Zeit findet Daniel das richtige Fahrzeug und wir steigen ein. Während der Fahrt bedauern wir die begrenzten physischen Möglichkeiten zum Testen von Alkohol. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht? Warum wird unsere Freiheit dermaßen eingeschränkt? Und weshalb dreht sich alles?
Daniel, Markus und ich brausen frohgestimmt die Autobahn entlang in Richtung Innenstadt. Die nächtliche Silhouette Stockholms leuchtet uns den Weg nach Hause. Unser erstes und letztes Fazit des Abends lautet, wir kommen nächstes Jahr wieder und fahren dort fort, wo wir dieses Jahr aufhören mussten.
Stockholm Öl- & Whisky Festival, nach eigenen Angaben Europas größte Biermesse und die größte Whiskymesse der Welt. Beginnt in diesem Jahr am 30.September und der Eintritt kostet 199,-Kronen Alle weiteren Informationen zur diesjährigen Veranstaltung und nette Bildchen auf www.stockholmbeer.se
Mackmyra- erstklassiger schwedischer Whisky, leider sind die ersten und vortrefflichen Ausgaben nur noch in Sammlerkreisen vorhanden, in Monks Cafe, Wallingatan 38 darf man für viel Geld mal daran riechen. Die gewöhnlichen überall erhältlichen Ausgaben sind nichtsdestotrotz Meisterstücke.
www.mackmyra.se
(Alle Angaben ohne Gewähr)
Montag, 9. August 2010
Gränna- Das Paradies für Kinder oder wie Eltern durch das Polkaschwein Stress erleiden und dann mit Hilfe desselben ein wenig Ruhe finden
Zu oft hört man, Länder, Städte und auch Menschen müssen selber sehen wo sie bleiben, ihre Nischen suchen oder sich andauernd neu erfinden um den Herausforderungen der Globalisierung entgegentreten zu können und damit das eigene Überleben zu sichern oder zumindest ein erträgliches Auskommen zu finden. Trotz seiner Abartigkeit ist dieser Sachverhalt jedoch nicht ganz neu.
Im 19.Jahrhundert war Schweden ein agrarisch geprägtes Land, dessen begrenzte Anzahl von landwirtschaftlicher Nutzfläche bei weitem nicht ausreichte allen ausreichend Arbeit und Einkommen zu geben. Das führte, abgesehen von der Auswanderung vieler Schweden ins Ausland, zu einer bedeutenden Abwanderung vom Land in die Städte, dorthin wo durch die aufkommende Industrialisierung fleißige und billige Arbeitskräfte gesucht wurden.
Im Großen und Ganzen dauert diese Entwicklung an. Noch immer zieht es vor allem die Jugend vom Lande in die großen Städte. Dabei mögen vielleicht noch andere, geringfügigere Gründe eine Rolle spielen, doch die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten wirken immer noch als Hauptgrund die ländlichen Gebiete zu verlassen. Viele Gegenden sind deshalb fortwährend gezwungen etwas gegen den Bevölkerungsschwund zu unternehmen, ihre wirtschaftlichen Nischen zu finden, um die Jungen wie die Alten zu halten und ihnen eine Perspektive zu bieten. Nicht vielen gelingt das, aber hier und da führen diese Anstrengungen zu kleinen Erfolgen.
Da wäre zum Beispiel das Städtchen Arjeplog in der tiefsten lappländischen Pampa. Ein Ort, der sich darauf spezialisiert hat im Winter der globalen Automobilindustrie auf zugefrorenen Seen Testmöglichkeiten bereit zu stellen und damit recht gut fährt.
Da wäre das Beispiel Glasriket, ein Zusammenschluss von småländischen Dörfern in denen Glas geblasen, designt usw. und dann gemeinsam vermarktet wird. Erfolgreich lockt man dadurch jährlich hundertausende Besucher an und verkauft seine zerbrechlichen Erzeugnisse über die ganze Welt.
Und da wäre das Beispiel Gränna. Dieses Städtchen, auf einem langgestreckten Hang an der Ostseite des Vättern (Schwedens zweitgrößtem See) gelegen, hat vielleicht die sympathischste Marktlücke des Landes gefunden. Hier produziert man Polkaschweine (Polkagrisar). Eine Frau Amalia Eriksson aus Gränna erfand diese rot-weiße Süßigkeit in Stangenform bereits im 19.Jahrhundert. Kurze Zeit danach etablierte sich in Schweden der Brauch den Kindern an Weihnachten Polkagrisar zu schenken und heutzutage gehört das klebrige Zeug zu Schweden wie Seen, Felsen und Dalahästar. Kein Kind, das diese Süßigkeit nicht kennt, kaum ein Kind, das diese Süßigkeit nicht mag. Hört man von Gränna, denken alle Schweden augenblicklich an die Polkaschweine. Das muss der große Traum einer jeden Vermarktungsagentur sein.
Verlässt man die E4 in Richtung Gränna reiht sich ein Süßigkeitenladen an den anderen. Noch bevor man das Ortseingangsschild passiert, geben die Kinder schon keine Ruhe mehr. Zu sehr locken Werbeschilder zum Eintritt in die Zauberwelt. Man gibt den Druck schnell nach. Wofür ist man denn sonst hier? Hinter Schaufenstern üben Schüler und Studenten ihren Ferienjob aus in dem sie in Handarbeit die Polkaschweine herstellen. Mit großen Augen verfolgen die kleinen Neugierigen dem Geschehen. Mitunter erklingen Entzückungsrufe, bevor der Drang nach Süßem Oberhand gewinnt und die Kinder in den Verkaufsraum strömen. Die Auswahl fällt nicht leicht, denn es gibt Dutzende Sorten dieser zähnefeindlichen Erfindung. Natürlich sind die Eltern an dieser Stelle überfordert. Nicht so die Nachkommenschaft. Sie weiß genau was sie will, nämlich alles. Stange um Stange wandert in den Einkaufskorb und die Eltern haben vollauf zu tun, die Dinger unauffällig zurückzulegen. Am Ende entscheidet man sich nur für ein oder zwei Stangen, denn der Besuch von Gränna steht doch noch an seinem Anfang.
Die einzige und schmale Hauptstraße des Ortes ist vollgestopft mit den Autos der Touristen. Nur langsam geht es vorwärts. Die Suche nach einem Parkplatz entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Schauspiel. Die Sonne scheint, es ist heiß. Das ist die richtige Mischung um die Kleinen zu nörgelnden Ungeheuern werden zu lassen. Aber wir sind glücklicherweise in Gränna, denn an diesem Punkt kommt das Polkaschwein ins Spiel. Zufrieden lecken die Kinder an der Riesensuperbesonderstollenausgabe herum und geben Ruhe. Die Konzentration auf das Wesentliche, also auf die Suche nach dem Parkplatz, fällt nun nicht mehr so schwer und wird kurze Zeit später vom Erfolg gekrönt.
Die Stadt präsentiert sich schick. Die Häuser sind frisch gestrichen und herausgeputzt. Gränna unterscheidet sich dadurch von vielen anderen ländlichen Gemeinden Schwedens. Beim Spaziergang auf den ebenfalls mit Touristen vollgestopften Fußwegen fällt sofort ins Auge, dass sich auch hier Polkagrisladen an Polkagrisladen aneinander reiht. Die Kinder zieht es natürlich in alle hinein. Die daraus rührenden Meinungsverschiedenheiten belasten bald den Familienfrieden. Die Eltern schwitzen und sind eigentlich nur damit beschäftigt, ihre Augäpfel, ihre Sprösslinge oder ihre Gören zu bremsen. Ganz nebenbei gewinnt man bei diesem Kampf einen Überblick über Angebot und Preise. Das erleichtert mit der Zeit die Verhandlungen mit den Kleinen. Mit ein bisschen Überredungskunst kommt man leichter über die Art des Inhalts des Einkaufskorbes überein und am Ende verlassen dann alle glücklich den Laden mit einer kleinen, aber genau richtigen Auswahl an Polkaschweinen.
Nach dem die Geschäfte geschlossen und die Tagestouristen das Städtchen verlassen haben ist der richtige Zeitpunkt gekommen um durchzuatmen. In Gränna ist es nicht schwer ein grünes Plätzchen zu finden, von dem man aus den Vättern sehen kann. Beinahe bis zum Ende des Horizontes erstreckt sich der dunkelblaue See. Direkt gegenüber liegt Visingsö, die flache und geschichtsreiche Insel, wie ein schwimmender Teppich auf der Wasserfläche. Als die Sonne sich anschickt unterzugehen, fängt der See an zu glitzern. Die Stadt und dahinter die Berge färben sich rot. Die Kinder lecken derweil zufrieden an ihrer Polkagrisstange, mit nichts anderen beschäftigt. Es wird klar, Gränna hat noch mehr zu bieten, als nur Süßigkeiten. Der Urlaub kann nun endlich beginnen.
Grännas Seite im Internet
www.http://www.grm.se/turistinfo/
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