Montag, 9. August 2010
Gränna- Das Paradies für Kinder oder wie Eltern durch das Polkaschwein Stress erleiden und dann mit Hilfe desselben ein wenig Ruhe finden
Zu oft hört man, Länder, Städte und auch Menschen müssen selber sehen wo sie bleiben, ihre Nischen suchen oder sich andauernd neu erfinden um den Herausforderungen der Globalisierung entgegentreten zu können und damit das eigene Überleben zu sichern oder zumindest ein erträgliches Auskommen zu finden. Trotz seiner Abartigkeit ist dieser Sachverhalt jedoch nicht ganz neu.
Im 19.Jahrhundert war Schweden ein agrarisch geprägtes Land, dessen begrenzte Anzahl von landwirtschaftlicher Nutzfläche bei weitem nicht ausreichte allen ausreichend Arbeit und Einkommen zu geben. Das führte, abgesehen von der Auswanderung vieler Schweden ins Ausland, zu einer bedeutenden Abwanderung vom Land in die Städte, dorthin wo durch die aufkommende Industrialisierung fleißige und billige Arbeitskräfte gesucht wurden.
Im Großen und Ganzen dauert diese Entwicklung an. Noch immer zieht es vor allem die Jugend vom Lande in die großen Städte. Dabei mögen vielleicht noch andere, geringfügigere Gründe eine Rolle spielen, doch die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten wirken immer noch als Hauptgrund die ländlichen Gebiete zu verlassen. Viele Gegenden sind deshalb fortwährend gezwungen etwas gegen den Bevölkerungsschwund zu unternehmen, ihre wirtschaftlichen Nischen zu finden, um die Jungen wie die Alten zu halten und ihnen eine Perspektive zu bieten. Nicht vielen gelingt das, aber hier und da führen diese Anstrengungen zu kleinen Erfolgen.
Da wäre zum Beispiel das Städtchen Arjeplog in der tiefsten lappländischen Pampa. Ein Ort, der sich darauf spezialisiert hat im Winter der globalen Automobilindustrie auf zugefrorenen Seen Testmöglichkeiten bereit zu stellen und damit recht gut fährt.
Da wäre das Beispiel Glasriket, ein Zusammenschluss von småländischen Dörfern in denen Glas geblasen, designt usw. und dann gemeinsam vermarktet wird. Erfolgreich lockt man dadurch jährlich hundertausende Besucher an und verkauft seine zerbrechlichen Erzeugnisse über die ganze Welt.
Und da wäre das Beispiel Gränna. Dieses Städtchen, auf einem langgestreckten Hang an der Ostseite des Vättern (Schwedens zweitgrößtem See) gelegen, hat vielleicht die sympathischste Marktlücke des Landes gefunden. Hier produziert man Polkaschweine (Polkagrisar). Eine Frau Amalia Eriksson aus Gränna erfand diese rot-weiße Süßigkeit in Stangenform bereits im 19.Jahrhundert. Kurze Zeit danach etablierte sich in Schweden der Brauch den Kindern an Weihnachten Polkagrisar zu schenken und heutzutage gehört das klebrige Zeug zu Schweden wie Seen, Felsen und Dalahästar. Kein Kind, das diese Süßigkeit nicht kennt, kaum ein Kind, das diese Süßigkeit nicht mag. Hört man von Gränna, denken alle Schweden augenblicklich an die Polkaschweine. Das muss der große Traum einer jeden Vermarktungsagentur sein.
Verlässt man die E4 in Richtung Gränna reiht sich ein Süßigkeitenladen an den anderen. Noch bevor man das Ortseingangsschild passiert, geben die Kinder schon keine Ruhe mehr. Zu sehr locken Werbeschilder zum Eintritt in die Zauberwelt. Man gibt den Druck schnell nach. Wofür ist man denn sonst hier? Hinter Schaufenstern üben Schüler und Studenten ihren Ferienjob aus in dem sie in Handarbeit die Polkaschweine herstellen. Mit großen Augen verfolgen die kleinen Neugierigen dem Geschehen. Mitunter erklingen Entzückungsrufe, bevor der Drang nach Süßem Oberhand gewinnt und die Kinder in den Verkaufsraum strömen. Die Auswahl fällt nicht leicht, denn es gibt Dutzende Sorten dieser zähnefeindlichen Erfindung. Natürlich sind die Eltern an dieser Stelle überfordert. Nicht so die Nachkommenschaft. Sie weiß genau was sie will, nämlich alles. Stange um Stange wandert in den Einkaufskorb und die Eltern haben vollauf zu tun, die Dinger unauffällig zurückzulegen. Am Ende entscheidet man sich nur für ein oder zwei Stangen, denn der Besuch von Gränna steht doch noch an seinem Anfang.
Die einzige und schmale Hauptstraße des Ortes ist vollgestopft mit den Autos der Touristen. Nur langsam geht es vorwärts. Die Suche nach einem Parkplatz entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Schauspiel. Die Sonne scheint, es ist heiß. Das ist die richtige Mischung um die Kleinen zu nörgelnden Ungeheuern werden zu lassen. Aber wir sind glücklicherweise in Gränna, denn an diesem Punkt kommt das Polkaschwein ins Spiel. Zufrieden lecken die Kinder an der Riesensuperbesonderstollenausgabe herum und geben Ruhe. Die Konzentration auf das Wesentliche, also auf die Suche nach dem Parkplatz, fällt nun nicht mehr so schwer und wird kurze Zeit später vom Erfolg gekrönt.
Die Stadt präsentiert sich schick. Die Häuser sind frisch gestrichen und herausgeputzt. Gränna unterscheidet sich dadurch von vielen anderen ländlichen Gemeinden Schwedens. Beim Spaziergang auf den ebenfalls mit Touristen vollgestopften Fußwegen fällt sofort ins Auge, dass sich auch hier Polkagrisladen an Polkagrisladen aneinander reiht. Die Kinder zieht es natürlich in alle hinein. Die daraus rührenden Meinungsverschiedenheiten belasten bald den Familienfrieden. Die Eltern schwitzen und sind eigentlich nur damit beschäftigt, ihre Augäpfel, ihre Sprösslinge oder ihre Gören zu bremsen. Ganz nebenbei gewinnt man bei diesem Kampf einen Überblick über Angebot und Preise. Das erleichtert mit der Zeit die Verhandlungen mit den Kleinen. Mit ein bisschen Überredungskunst kommt man leichter über die Art des Inhalts des Einkaufskorbes überein und am Ende verlassen dann alle glücklich den Laden mit einer kleinen, aber genau richtigen Auswahl an Polkaschweinen.
Nach dem die Geschäfte geschlossen und die Tagestouristen das Städtchen verlassen haben ist der richtige Zeitpunkt gekommen um durchzuatmen. In Gränna ist es nicht schwer ein grünes Plätzchen zu finden, von dem man aus den Vättern sehen kann. Beinahe bis zum Ende des Horizontes erstreckt sich der dunkelblaue See. Direkt gegenüber liegt Visingsö, die flache und geschichtsreiche Insel, wie ein schwimmender Teppich auf der Wasserfläche. Als die Sonne sich anschickt unterzugehen, fängt der See an zu glitzern. Die Stadt und dahinter die Berge färben sich rot. Die Kinder lecken derweil zufrieden an ihrer Polkagrisstange, mit nichts anderen beschäftigt. Es wird klar, Gränna hat noch mehr zu bieten, als nur Süßigkeiten. Der Urlaub kann nun endlich beginnen.
Grännas Seite im Internet
www.http://www.grm.se/turistinfo/
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