Samstag, 15. Oktober 2011

Der schwarze Freitag- Wie Ikea die Welt schockiert



Der gestrige Tag wird für viele Schwedenliebhaber auf der ganzen Welt höchstwahrscheinlich als „Schwarzer Freitag“ in die Geschichte eingehen. Die Branchenzeitung Fri Köpenskap berichtete gestern über die Absicht von IKEA die bisher weltweit vertriebenen schwedischen Markenprodukte vollständig aus dem Sortiment zu nehmen.

Der Konzern möchte in seinen Lebensmittelabteilungen nur noch Produkte verkaufen, für die er selbst die Rezepte und die Rechte besitzt. Damit wird das Unternehmen auch nicht mehr gezwungen sein, die Produkte unbedingt von Schweden aus zu beziehen.
Hintergrund ist also eine Optimierung des Geschäftsmodells, wie es so schön auf Neudeutsch heißt, oder ein weiterer Versuch der Profitmaximierung, wie wir älteren Leute es benennen würden.

In Zukunft gibt es dort nur noch Produkte auf dem das IKEA-Zeichen prangt.
Grund genug für viele Auslandsschweden und Schwedenfans der Facebook-Gruppe
„Bring real food back to Ikea Swedeshop“ beizutreten.
Demonstrationen werden sicher folgen.
Ohne Sill (Hering) oder Kalles Kaviar von Abba oder Schokolade von Cloetta scheint das Leben für die Menschen außerhalb Schwedens tatsächlich um einiges grauer geworden zu sein.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Literatur-Nobelpreis



Das gab es lange nicht mehr. Im Jahr 1974 ging der letzte Literatur-Nobelpreis an einen schwedischen Autor. Es war also an der Zeit das Preisgeld in Höhe von 10 Millionen schwedischen Kronen auch einmal wieder im Land zu belassen.

An dieser Stelle herzlichen Glückwunsch an Tomas Tranströmer.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Ernennung der heutzutage zu Unrecht verschmähten Lyrik auf die Beine helfen wird. Schreibt und lest Gedichte, liebe Leute!

Montag, 26. September 2011

Der Troll und das Licht




Ein kugelrunder Troll eilte missmutig seinem Zuhause entgegen. Zu seinem Leidwesen hatte er sich zu sehr verquatscht. Dabei war es so spät geworden, dass es nun schon dunkel wurde.
Zudem stürmte es und der Nieselregen verwandelte sich gerade in einen wasserfallartigen Guss.
Der Troll fluchte etwas in seinen Bart hinein und übersah dabei eine Baumwurzel.
Er geriet ins Straucheln und landete mit dem Gesicht voran auf dem matschigen Boden.
Damit war seine Laune vollends im Eimer.
Mit den Ärmeln wischte er sich den Schlamm aus den Augen und bemerkte, erst da und mit einigem Erschrecken, die völlige Dunkelheit um sich herum.
Er drehte sich um sich selbst, und dann nochmal. Doch der richtige Heimweg war nirgendwo zu erkennen.
Einige Minuten verharrte der Troll auf der Stelle.
Sein Magen knurrte fürchterlich. Müde war er ohnehin schon.
Es musste endlich etwas geschehen.
Er entschloss sich gezwungenermaßen für eine Richtung ohne den geringsten Hinweis auf den richtigen Weg.
Es kam, wie es kommen musste. Der Troll verirrte sich nun vollständig, und wäre das nicht schon schlimm genug gewesen, fiel er in der absoluten Finsternis andauernd über irgendwelche Stöcke oder Steine oder Löcher und sammelte auf diese Weise etliche Beulen und einiges an Schmutz.
Irgendwann fing der Troll aus Verzweiflung an zu weinen.

Währenddessen saß ein kleines Mädchen in ihrer Hütte und fürchtete sich. Ihre Eltern hatten sie an diesem Abend zum ersten Mal allein gelassen. Ihre Freude darüber war wie weggeblasen.
Nun knarrte und zerrte der Sturm an der Hütte, während der Regen permanent auf das Dach trommelte. Zuerst versteckte das Mädchen ihren Kopf unter das Kopfkissen, doch blieb das völlig wirkungslos.
Die Geräusche drückten immer lauter auf ihr Gemüt.
Im Halbdunkel der Hütte fiel ihr Mut wie ein Kartenhaus zusammen und sie schluchzte laut los.
Wann kämen endlich ihre Eltern zurück? Sie waren schon viel zu lange unterwegs.
Bei einem ihrer ängstlichen Blicke zum Fenster kam ihr auf einmal der famose Einfall, die vermeintlichen Bösewichte mit Licht zu bekämpfen.
Aus der Küche holte sie in Windeseile einen Haufen Kerzen.
In jedes Fenster stellte sie eine von ihnen auf und zündete sie mit ein paar Streichhölzern an.
Sogleich erfasste sie das wohlige Gefühl von Sicherheit, jetzt wo alles in der Hütte hell erleuchtet und auch draußen vor den Fenstern einiges zu erkennen war.
Ihre Angst ließ sich so nun locker im Zaum halten.

Der Troll glaubte seinen Augen nicht. Da vorn leuchtete ein Licht auf, und dann noch eines.
Er rieb sich seine verheulten Augen. Die Lichter blieben bestehen. Da rannte der Troll los, bremste noch einmal ab, weil er in eine Falle zu geraten fürchtete. Oder irgendeine Zauberei.
Doch erinnerte ihn sein knurrender Bauch an die Dringlichkeit der Lösung seiner Probleme.
Er lief erneut im Laufschritt auf die Lichter zu.

Kurz darauf klopfte es an der Tür. Das Mädchen zuckte, wer sollte das um diese Uhrzeit sein?
Ihre Eltern besaßen doch einen Schlüssel.
Nach einigem Nachdenken entschloss sie sich zu handeln. Vorsichtig öffnete sie die Tür und erblickte niemanden.
Auf einmal schrie sie auf.
Bis zur Höhe ihrer Knie stand ein Troll vor ihr.
Auch wenn es ihm an Imposanz fehlte, war er immerhin ein Troll und ihre Reaktion verständlich.
Sie schlug die Tür zu und versteckte sich vor Angst bibbernd unter ihrem Kopfkissen.
Es klopfte erneut.
Das Mädchen lugte sachte hervor, die Tür fest im Blick.
Und wieder klopfte es.
Schon schlich sie zurück zum Eingang der Hütte und lauschte.
Der Troll klopfte weiter und da öffnete das Mädchen endlich und beinahe furchtlos.
Entschuldigen sie die Störung, sagte der Troll, ich habe mich verlaufen und habe einen Riesenhunger, könnten sie mir vielleicht helfen.
Das Mädchen wusste nicht so richtig, was zu tun war, aber das heftige Poltern des Bauches vom Troll überzeugte sie von seinen hehren Absichten.
Sie hielt ihm ein Stückchen Brot, ein bisschen Käse und auch etwas Wurst hin.
Sein zufriedenes Schmatzen beruhigte sie weiter und sie holte auch noch etwas zu trinken.
Das war dringend notwendig, sagte der Troll und leckte sich die Lippen ab, können sie mir auch noch sagen, wie ich nach Hause komme?
Das Mädchen ließ sich erklären, wo der Troll wohnte und wies ihm dann den richtigen Weg.
Er wollte sich eine Laterne erbitten, vorher wollte er dem Mädchen jedoch aus Dankbarkeit einen Wunsch erfüllen.
Das Mädchen überlegte kurz und sagte dann, die Wege sollten beleuchtet sein, damit sich niemand mehr verläuft und auch die Eltern immer den Weg nach Hause fänden.
Der Troll schlug sich vor die Stirn und schalt sich selbst.
Warum war er da nicht früher drauf gekommen?
Und nach ein paar Verrenkungen des Trolls, deren technische Details von uns Nicht-Trollen keinesfalls erfasst werden können, war fast jeder poplige Waldweg in diesem Land des Nächtens von schicken Laternen beleuchtet.



So oder so ähnlich muss es sich damals zugetragen haben, denn heute ist es bei vielen Familien üblich ab dem frühen Herbst Lampen in alle Fenster zu stellen bzw. anzuschalten. Begründet wird diese Tradition häufig damit, denen „da draußen“ den Weg zu weisen und sich selbst ein Gefühl der Gemütlichkeit zu schaffen.
Und auch viele Wald-, Forst-, oder Feldwege sind bei Dunkelheit beleuchtet. Was bei Besuchern vom Kontinent stets für Kopfschütteln sorgt. Die Einheimischen dagegen wissen diese Sache durchaus zu schätzen und nutzen die „beleuchtete Natur“ auch in den dunklen Jahreszeiten.
Dazu kommen noch voll beleuchtete Bürohäuser auch an Wochenenden, eine Menge Heizungen, die mit Strom funktionieren und andere stromfressende Dinge mehr.

Nicht ohne Grund verbraucht der Durchschnitts-Svensson
über 16 000 kWh Strom im Jahr, während sich der Otto Normalverbraucher mit seinem Wohnsitz in Deutschland und mit etwas über 7 000 kWh Verbrauch geradezu bescheiden gibt(Quelle EU), und dass trotz einer doch sehr energieintensiven Wirtschaft zumindest im Süden Deutschlands.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich an die schwedische Variante gewöhnt habe.
War ich anfangs ein Kritiker der hiesigen Zustände, gibt es für mich nun im Herbst und Winter kaum etwas Besseres als eine ordentliche Beleuchtung.
Am liebsten überall und ständig und nicht nur für den Heimweg.

Dabei wähne ich mich ohne jeglichen Zweifel auf derselben Wellenlänge mit dem Großteil der über neun Millionen Einwohner Schwedens und ich frage mich bestürzt, drohen die Skandinavier für die Resteuropäer hinsichtlich ihres Stromverbrauchs zu den neuen Griechen werden?
Gibt es Trolle auch in Griechenland?
Und am wichtigsten, wird es nach dem kommenden Winter noch ein Schweden geben, nun nach dem Eintritt des Verbots der herkömmlichen 60-Watt Glühlampen durch die Europäische Kommission?


Im Übrigen: Herzlich Willkommen im Herbst liebe Leser!

Dienstag, 13. September 2011

Die Nationalarena- oder: Korruption auf Schwedisch





Die regelmäßige Veröffentlichung des Korruptionsindex durch die Organisation Transparency International sorgt bei vielen Schweden ebenso regelmäßig für Stolz. Schweden tummelt sich seit Einführung des Index immer unter den Ländern mit der geringsten Korruption. Im Jahr 2008 belegte man sogar Platz 1. Auf dem Kontinent kann man da schon einmal etwas neidisch werden.

Von ähnlichem Stolz wurden 2009 die Verantwortlichen ergriffen, als sie zum Baustart der neuen Nationalarena ihr eigenes Projekt präsentierten. Endlich sollte Schweden eine würdige Nationalarena erhalten. Ein schickes Stadion für 1,9 Milliarden schwedische Kronen, mit 50 000 Sitzplätzen und mit einem Qualitätsstandart, der sich hinter der Crème de la Crème der europäischen Fußballstadien nicht zu verstecken braucht.

Das verschließbare Dach soll für notwendige Unabhängigkeit vom Wetter sorgen und Hotels und Restaurants den Besuch des Stadions zum Erlebnis machen. Die Betreiber planen für die Zukunft mit Konzerten, Shows, Spielen der Fußballnationalmannschaft und vielleicht sogar dem einen oder auch anderen Champions League-Finale.

Diese rosigen Aussichten ließen die Swedbank, eine der schwedischen Großbanken, schon im Jahr 2007 die Namensrechte für das Stadion erwerben. Im Dezember 2009 begannen dann in Solna, einer Kommune direkt neben Stockholm, die Bauarbeiten für dieses zukünftige Skandinavienwunder namens Swedbank-Arena.

Leider mussten die Bauherren bald die veranschlagten Baukosten nach oben korrigieren. Von anfangs 1,9 Milliarden (Mrd.) SEK, auf 2,4 Mrd. SEK und später sogar auf 2,8 Mrd. SEK. Das ist auf den ersten Blick nicht weiter schlimm, daran ist man gewöhnt, hält sich doch kaum ein Bauvorhaben an die ursprüngliche Kostenberechnung. Die Kommune Solna war deshalb bereits mehrfach gezwungen, Geld nachzulegen.


Der Beziehungs-Wirrwarr des Sune Reinhold


Stutzig wurde man, als der oberste Beamte der Kommune Solna, mit dem Namen Sune Reinhold, vom Bauherren eine Prämie von mindestens 900 000 SEK für seine eigene Beratungsfirma erhielt. Reinhold war in seiner Funktion als Stadtdirektor (stadsdirektör) unter anderem für die Vergabe und die Kontrolle von Bauaufträgen zuständig.

Als Vertreter der Kommune saß er ebenfalls im Aufsichtsrat der Arenagesellschaft, einer eigens für den Stadionbau gegründeten Firma, deren Teilhaber von verschiedenen Investoren (Fabege, Jernhusen), einem Baukonzern (PEAB) und der Kommune Solna gestellt wurden und die als eigentlicher Bauherr fungiert.

Nebenher war er noch Chef des Fußballvereins AIK Solna, der nach den Wünschen der Investoren seine Heimspiele im neuen Stadion austragen soll und der Chef der Stockholmer Sektion des nationalen Fußballverbandes. Damit nicht genug, soll er mit seiner oben genannten Beratungsfirma die Arenagesellschaft auch noch beraten haben und dafür entlohnt worden sein.

Ich gebe zu, das klingt ganz schön verwegen. Ein Stadtdirektor, der für eine Firma arbeitet, an die er vorher Aufträge vergeben hat, deren korrekte Ausführung er anschließend wiederum selbst kontrolliert und dafür auch noch Beratungshonorar bezieht und anschließend ,mit der von ihm geführten Fußballmannschaft für weitere Einnahmen sorgt. Das riecht nach einem Stoff für einen recht guten Film.

Auch wenn die Zahlungen an die Beratungsfirma des Stadtdirektors vom Gericht nicht als Korruption gewertet werden sollte, wird die Person Reinhold in Zukunft wohl als herausragendes und aberwitziges Beispiel für die möglichen Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und Sport in diesem Land zu gelten haben.

Dreist möchte ich behaupten, wäre Sune Reinhold nicht so gierig gewesen und hätte keine Beratungsfirma gegründet, hätte auch niemand Anstoß an dieser Ämteranhäufung genommen und alles hätte zur Zufriedenheit aller ein glückliches Ende genommen.

Im Juni wurde nun jedoch Anklage gegen Reinhold und fünf weitere Akteure erhoben. Unter ihnen auch der Besitzer des Baukonzerns PEAB. Das Gerichtsverfahren ist bisher noch nicht abgeschlossen. Wir werden sehen, was von den Anschuldigungen noch übrig bleiben wird.


Schwarzer Humor in Schweden


Eine Risikoanalyse hat derweil ergeben, dass die damaligen Berechnungen hinsichtlich der Auslastungen eines solchen großen Stadions für Stockholm viel zu positiv formuliert wurden und es zu befürchten ist, dass die Steuerzahler auch für die zu erwartenden Mehrkosten für den Betrieb des Stadions einstehen müssen.

Die Swedbank erwägt inzwischen ihre Namensnennung rückgängig zu machen und das Stadion in Friends Arena umzubenennen. An dieser Nachricht erkennt man, dass auch in Schweden schwarzer Humor geschätzt wird.

Der Bau des Stadions geht indes weiter. Man erwartet im Herbst 2012 fix und fertig zu sein. Im Sommer 2013 soll dort das Eröffnungspiel der Frauen-Fußball-Europameisterschaft ausgetragen werden und auch einige Qualifikationsspiele für die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien.

Daniel, mein bevorzugter Schwedenberater, rechnet sogar mit einem Sieg gegen Deutschland beim entscheidenden Heimspiel der Qualifikationsgruppe C. Angeblich würden die dann fast 50 000 schwedischen Fans ihre Mannschaft gnadenlos nach vorn treiben. Ob die Anhänger dann zur Swedbank-, zur Friends-, oder zur Nationalarena fahren werden, spielt da für ihn nur eine untergeordnete Rolle, ebenso ob Schweden im Index von Transparency International nun an erster (2008) oder an vierter (2010) Stelle steht.

Montag, 29. August 2011

Pension der Woche








An einem Sonntagabend am Ende des Sommers. Es regnet in Strömen. Der Wind treibt die tiefhängenden und prallgefüllten Wolken knapp über die kaum befahrene Straße im härjedalischen Fjällen. Irgendwo da oben verstecken sich wohl die vom Eis abgeschliffenen Gipfel, die so typisch sind für das schwedische Gebirge, und auch die weiten Hochebenen, auf denen sich die einzige Population von Moschusochsen in Schweden herumtreiben soll.

Wir aber sehen gerade nicht viel mehr, als die Straße und die herbstlich gefärbten Bäume am Rand.
Nach der langen Fahrt sind wir erschöpft und hungrig und wir halten deshalb unruhig Ausschau nach einer Gelegenheit der Rast noch vor der norwegischen Grenze.
Beim Erreichen einer Häuseransammlung namens Fjällnäs fällt uns endlich ein Schild ins Auge, das Speise und Übernachtung verspricht. Es weist den Berg hinab zur Pension Strandgården.
Ganz sachte rollt das Auto den steilen Hang hinunter.

Alles wirkt wie ausgestorben. Wir zögern einen Augenblick. Das Thermometer des Autos zeigt mittlerweile eine Außentemperatur von plus 8 Grad Celsius an. Auch hier oben hatten wir den Spätherbst überhaupt nicht erwartet. Der Hunger und die Neugier obsiegen. Wir schnappen uns unsere dünnen Regenjacken und eilen beherzt zum Eingang der Pension.

Auch im Inneren regt sich zuerst einmal nichts. Aber es ist warm und nach dem Betätigen der Klingel an der kleinen Rezeption werden wir freundlich empfangen.
Natürlich gäbe es noch genügend Platz zum Schlafen, da wir ja die einzigen Gäste seien, beantwortet man unser Begehr nach einer Übernachtungsmöglichkeit.
Als nächstes fragt man uns, ob wir noch Hunger hätten.
Als wir hoffnungsvoll bejahen, bittet man uns um Verständnis, da die Küche „kalt“ sei. In einer Stunde würde man jedoch was Gutes gekocht haben. Wir einigen uns auf irgendetwas mit Rentier.

Erleichtert besteigen wir die Treppe zu unserem Zimmer hinauf. Das Haus ist schon etwas älter, aber in einem sehr guten Zustand und augenscheinlich vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden.
Am Ende des Gangs liegt unser Zimmer für die Nacht. Wir nehmen es nur kurz in Besitz und ziehen uns dann warm an.

Um nämlich die Zeit bis zum Essen zu überbrücken, wollen wir einen Spaziergang wagen. Draußen pfeift der Wind und treibt uns die Regentropfen ins Gesicht. Außer ein paar Lemmingen und dem See Malmagen ist jedoch nicht viel zu erkennen. Angesichts des ekelhaften Wetters drehen wir nach einigen hundert Metern wieder um.

Tatsächlich ist das Abendessen bei unserer Rückkehr bereits bereitet. Im gemütlich eingerichteten Essensteil der Pension setzen wir uns ans Fenster mit Aussicht zum sturmgepeitschten See.
Der Koch hat die Zeit genutzt und aus Kartoffeln, Trüffel und Rentierfleisch ein vorzügliches Gericht gezaubert. Dazu serviert er uns verschiedene Biere aus der Region.

Während draußen weiter der Wind pfeift, wird uns nun schön warm und wir beginnen uns zu wundern, wie man im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet, in der härjedalischen Wildnis, auf 800 Metern über dem Meeresspiegel dermaßen engagiert kochen kann. Es wirkt wie eine entschlossene fjällländische Antwort auf Eskil Erlandssons berühmte Initiative zur Förderung des Gourmetlands Schweden.

Gesättigt, müde und froh verschwinden wir auf unser Zimmer. Mit Freude stellen wir fest, dass die Heizung der Pension auch im Sommer benutzbar ist. Das Bettzeug lädt zum Einmurmeln ein. Und dann sind wir auch schon eingeschlafen.



Aussicht von der Veranda der Pension



Am nächsten Morgen zeigt sich der Fjäll von seiner allerschönsten Seite. Der blaue Himmel ziert sich mit einigen weißen Wölkchen und die Sonne bescheint das ganze Tal. Endlich lassen sich die Gipfel der Umgebung bewundern. Noch vor dem Frühstück bietet sich für uns ein erfrischendes Bad im See Malmagen an, auch wenn die Wassertemperatur keinesfalls als angenehm zu bezeichnen ist.

Der Koch des Hauses hat in der Zwischenzeit das Frühstücksbuffet vorbereitet. Wir setzen uns wieder ans Fenster mit Aussicht. Das Buffet für die einzigen Gäste des Hauses hätte indes kaum größer und vielseitiger ausfallen können. Wir essen so viel wie wir können. Wären wir noch eine Woche länger geblieben, wer weiß, vielleicht hätten wir dann alles geschafft.

Aber leider ruft nach dem Frühstück schon wieder die Straße in Richtung Norwegen. Wir begleichen die für schwedische Verhältnisse annehmbare Rechnung für unseren Aufenthalt und nehmen die guten Wünsche des Gastgebers entgegen. Nach nur 8 Kilometern passieren wir schon die innerskandinavische Grenze. Vor uns liegt nun Norwegen.


Sollten Sie die Wahl haben, besuchen sie das Pensionat Strandgården in Fjällnäs direkt am Riksväg 84.
Von Dienstag bis Sonnabend führt man dazu ganz regulär ein Restaurant. Saison ist eigentlich der Winter. Die anderen Jahreszeiten haben sicher auch ihre Vorteile, zumal die Region Härjedalen landschaftlich sehr reizvoll ist.


Internetauftritt der Pension



Montag, 8. August 2011

Ausschnitte (Teil III)




Der Juli ist also in vielen Teilen Deutschlands ins Wasser gefallen. Man hört ja die dollsten Geschichten von Seen, wo vorher keine waren und von Orten, die nun leicht mit dem Boot zu erreichen sind und so weiter. Ich will ehrlich sein und nur das verkünden was sowieso jeder weiß: der August vermag da auch nicht mehr viel rauszuholen. Diesen Sommer kann man mit Sicherheit abschreiben, jedenfalls sofern man sich in den gebeutelten Regionen herumtreibt.

Auch Schweden hatte im Juli seine Rekordregengebiete. Der Süden soll immerhin mit 300 Prozent der sonst üblichen Regenmengen beglückt worden sein. Während es gleichzeitig in Stockholm fast überhaupt keinen Niederschlag gab.
Wie der Zufall es so will, hatten wir uns vorher entschlossen Stockholm zu verlassen und unseren Urlaub im Süden des Landes zu verbringen.

Um es kurz zu fassen, wir erlebten den einen oder anderen sonnigen Tag, aber auch Herbststürme mitten im Sommer und ausgiebige Regenfälle. Man könnte von Pech oder Unglück reden, aber das trifft es nicht. Wir erholten uns nämlich prächtig, sahen Ecken von Schweden, die wir noch nicht kannten und hatten viele Erlebnisse, die, zumindest in Teilen, an dieser Stelle in der Zukunft erwähnt werden. Und trotz der gelegentlich nassen Füße spielte das Wetter dabei nur eine geringe Rolle.

Heute möchte ich hier nur kurz über einige neue Erkenntnisse berichten, die sich mir aufdrängten, als wir ständig zwischen guten und grausigen Wetter, zwischen Wildnis und Zivilisation und zwischen den Kulturen hin und her pendelten.

In der Wildnis, dort wo ausgedehnte Schlaglöcher den Charakter der wenigen Straßen bestimmen, die Häuser schon lange keinen Falun-Rot-Anstrich erhalten haben und windschief dem erwähnten Sommerwetter trotzen, die Mobiltelefone wegen fehlendem Empfang nutzlos sind und wo in den dichten Wäldern die Trolle zu Hause sind, dort trafen wir fast ausschließlich Touristen aus Deutschland und Holland.

Bei einer Wanderung durch den schön anzusehenden Nationalpark Tiveden beispielsweise begegneten wir in regelmäßigen Abständen Bayern, Friesen, Sachsen und andere Menschen vom Kontinent, aber keinen einzigen Einheimischen. Erschreckend daran war die häufig vorkommende Gewohnheit dieser Nationalparkserwanderer die eigenen Gesichtszüge entgleiten zu lassen, sobald man gewahr wurde, dass der Mensch gegenüber ein Landsmann ist. Eben noch im Wald in deutscher Sprache herumschreiend, verstummten diese Zeitgenossen, wenn man freundlich grüßte und schafften es auch nicht den Mund zu öffnen, wenn man nach den Weg fragte.

Mitunter gewann ich den Eindruck, es müsse sich um eine Epidemie handeln, weil Ort und Zeit dabei keine Rolle spielten und kaum einmal jemand Freude zeigte mit Fremden in derselben Muttersprache zu reden. Ein bisschen will ich das verstehen. Man reist nach Schweden, will alles von Zuhause in den paar Urlaubstagen vergessen und seine verdiente Ruhe genießen. Das sollte aber noch lange kein Grund sein die gute Erziehung zu vergessen, denn andere erinnern sich trotzdem an die Gebote der Höflichkeit. Diese wenigen Ausnahmen seien hiermit gegrüßt.

Einheimische trafen wir dann wieder in den beschaulichen Urlaubsorten wie Hjo, Karlsborg, Mariestad, Gränna und anderen Städtchen rund um die großen Seen. Überall dort wo eine Infrastruktur existiert: Restaurationen, Eisläden, Hotels, Alkoholgeschäfte. Ansonsten herrschen in deren Umgebungen ansehnliche Kulturlandschaften vor. Felder, Wiesen, gepflegte Strände. Von den Trollen findet sich hier keine Spur mehr. Was Kinderseelen durchaus zu schätzen wissen.

Die Menschen sind hier vorwiegend in Urlaubslaune, gesprächig und sozial. Während Deutsche und Holländer an den Stränden nicht weit genug von einander weg sitzen konnten, auch wenn die Seeufer sonst menschenleer waren, setzten sich die Einheimischen stets in die Nähe der schon Anwesenden. Ganz nach dem Motto: wo schon jemand sitzt, kann es so schlecht nicht sein.

Da ist es nicht verwunderlich, dass die Einheimischen und auch die oben genannten Ausnahmen schnell in Kontakt zueinander kommen. Die alten Vorurteile von den kalten und gesprächsfaulen Schweden lösen sich da im Nichts auf, zumindest jetzt im Sommer.

Trotz allem wünsche ich allen Lesern wenigstens noch ein paar sonnige Tage.

Max Kenner, Stockholm.

Mittwoch, 3. August 2011

Ausschnitte (Teil II)



Südschweden im Sommer








Menschenleerer Strand in Skåne, genauer Ort: Geheim






Nicht Elch, sondern Bison. Bisonfarm in Gate, Västra Götaland






Einer von den "Roten", See Äbydammen in Finnerödja






Tiveden Nationalpark






Aussicht zur Ostsee, Löderup Strandbad in Skåne

Sonntag, 31. Juli 2011

Ausschnitte (Teil I)




Südschweden im Sommer







Berühmter Eisladen im Park von Hjo am See Vättern





Am See Unden





Tiveden-Nationalpark





Der See Stora Trehörningen





Stadtplatz von Hörby in Skåne

Sonntag, 26. Juni 2011

I survived midsommar 2011



Die vielen Warnungen waren unmissverständlich. An Mittsommer einen schwedischen Campingplatz zu besuchen, wäre unglaublich leichtsinnig. Die Regeln würden zu diesem Zeitpunkt außer Kraft gesetzt und die Zustände stets außer Kontrolle geraten. Daniel, mein Lieblingsschwede und Chefberater, meinte, nirgends gäbe es mehr Schlägereien und andere Gewaltverbrechen im Alkoholrausch als auf einem gewöhnlichen Campingplatz zur Sommersonnenwende.

In meinen Vorstellungen bewegte sich dieser dann auch auf einer Stufe mit Belfast im nordirischen Bürgerkrieg oder den traditionellen 1.Mai-Feierlichkeiten in Berlin oder sogar mit Rom zur Zeit seiner Plünderung von Geiserich dem Vandalen im Jahr 455. Also mit Plätzen, deren Nähe jeder mit halbwegs gesundem Menschenverstand meiden würde.

Zum Glück hörte man auch wenige andere Stimmen, die behaupteten, nirgends wäre Schweden authentischer. Und alles andere nur Vorurteile, die ständig durch die Skandalpresse geschaffen und befeuert würden. Das hörte sich schon viel besser an und ließ uns wieder zu Mut kommen.

Gegen Mittag erreichten wir am Freitag Waxholm Strand und Camping, ein Campingplatz auf der Insel Vaxholm in der Nähe Stockholms. Die Midsommarstång (die Mittsommerstange) war da bereits aufgebaut und die Menschen herausgeputzt und aufgekratzt.

Das Aufbauen des Zeltes zog sich ein wenig hin, aber pünktlich auf die Minute standen wir auf dem kleinen Festplatz neben der Rezeption. Um 14 Uhr begannen aus den Boxen die traditionellen Mittsommerlieder zu wummern. Massen von Kindern und ihren Mütter bildeten ein Kreis um die Mittsommerstange und setzten sich in Bewegung. Die Väter filmten derweil ihre Sprösslinge oder hielten sich an Bierflaschen fest. Gesang über kleine Frösche und andere Dinge schallte über die Insel und die bekränzten Kleinen änderten dazu andauernd und ziemlich wahllos die Laufrichtung des Kreises.

Nach zwanzig Minuten endete der Tanz und die Kinder vergnügten sich noch mit Eierlauf und anderen Spielereien, aber dann zogen sich alle plötzlich zurück vor ihre Hütten, Wohnmobile oder Zelte und fuhren das Mittsommerbuffet auf.

Die geschmackvoll angerichteten Tafeln bogen sich unter der Vielzahl von Speisen und Getränken. Die festtagsbekleideten Familien und Freundeskreise versammelten sich freudestrahlend darum. Unter dem Gesang von fröhlichen Liedchen verschluckten die Erwachsenen den einen oder anderen Schnaps und viele kleine Stücke vom Hering.

Andere, meist jüngere Campingplatzbesucher saßen auf dem Steg oder am Strand und feierten ihre sparsamere Version von Mittsommer. Neben dem Alkohol konnten diese Leute jedoch ebenfalls nicht ablassen von Festkleid, Schlemmerei und Wohlleben und machten dabei stets einen friedlichen Eindruck.

Wir hielten es ähnlich, grillten nun gemeinsam und aßen und tranken ein wenig und aßen und feierten und redeten und aßen und tranken ein wenig. Die Kinder forderten uns zum Ballspiel auf. Die Sonne schien und wir schossen Tore. Danach widmeten wir uns wieder dem Essen. Auf dem Tisch stand unsere persönliche Midsommarstång und die Kinder liefen wie aufgezogen um sie herum.

Kurz bevor die Sonne unterging erhoben wir uns noch einmal mit letzter Kraft aus den Campingstühlen. Das an dieser Stelle einem See ähnelnde Meer lud uns mit einer spiegelglatten Wasserfläche zum Baden ein. Kinder und Große amüsierten sich dabei prächtig und der anschließende Rückweg zu den Zelten gestaltete sich zu einer Art Prozession zu Ehren des Sommers.

Auf unserer Festtafel fanden sich leider nur noch ein paar Erdbeeren und etwas Matjessill. Das Buffet wurde jetzt geschlossen. Wenigstens die Bar blieb noch eine Zeitlang geöffnet.

Als dann die Dunkelheit herein brach, verließen viele Campingplatzgäste ihre Tafeln und verschwanden überraschend in ihren Schlafgelegenheiten. Stille kehrte jedoch noch nicht ein. In der Ferne vergnügten sich welche mit Karaoke und hier und da grölte jemand auf dem Weg zur Toilette. Doch von Geiserich fehlte immer noch jede Spur.

Wir kuschelten uns wenig später in die Schlafsäcke und gratulierten uns zum Überleben einer Mittsommerfeier auf einem schwedischen Campingplatz und zu dem gelungenen Fest. Aber da wussten wir noch nichts von den sinnflutartigen Regenfällen am nächsten Morgen.

Freitag, 17. Juni 2011

Vårdcentralen - Ein kleines Stück über und aus dem schwedischen Gesundheitswesen




Patient: Betritt zur Mittagszeit eine privat geführte Vårdcentral (Poliklinik, in Neudeutsch auch Krankenpflegestation) in Begleitung seines Kindes. "Hej, ich habe im Internet gelesen, man kann bei euch auch ohne Termin vorbei kommen (Drop-In)."

Empfangsdame: "Hej, ja, das ist richtig. Zurzeit kann dich aber nur eine Krankenschwester empfangen und kein Arzt. Ist das für dich in Ordnung?"

Patient: "Ja. Ich habe Ohrenschmerzen. Geht das trotzdem?"

Empfangsdame: Nickt, bleibt aber wortlos. Sie tippt die Daten des Patienten in ihren Rechner ein und möchte daraufhin den Besuch in der Vårdcentral bezahlt bekommen, so wie in Schweden bei jedem Arztbesuch Eintrittsgeld bis zu einem jährlichen Höchstbetrag zu leisten ist. Der Patient kann jedoch zu ihrer Überraschung und glücklicherweise eine Freikarte vorlegen und spart in diesem Fall 150 Kronen. "Nimm bitte Platz!"

Patient: Setzt sich und bewundert zusammen mit dem Kind die schönen Goldfische im Aquarium. Nach etwa zehn Minuten ruft ihn die Krankenschwester in ihr Behandlungszimmer.

Krankenschwester: "Hej! Wie süß dein Kind ist! Also so etwas von süß!" (Verzückungsrufe.)

Patient: "Hej! Vielen Dank! Ich habe Ohrenschmerzen. Ich habe in letzter Zeit viel gebadet und nun scheinen sie sich entzündet zu haben."

Krankenschwester: Guckt bekümmert. "Ooohhh, tut es denn weh?"

Patient: "Ja, deshalb bin ich ja hier."

Krankenschwester: Nickt. "Naja. Unsere Ärzte haben alle viel zu tun." Sie sieht im Computer nach. Ihre Blicke verfinstern sich. "Und es tut weh?"

Patient: Begreift noch nicht. "Ja, seit drei Tagen und es wurde immer schlimmer."

Krankenschwester: "Also unsere Ärzte haben leider keinerlei Termine mehr frei."

Patient: Begreift langsam.

Krankenschwester: "Einen Augenblick bitte!" Sie verschwindet für 5 Minuten aus dem Zimmer. Bei ihrer Rückkehr lächelt sie verständnisvoll. "Tut es denn sehr weh?"

Patient: "Ja, es tut sehr weh."

Krankenschwester: "So richtig weh?"

Patient: Ist sich jetzt nicht mehr so sicher, sagt aber: "Jaaahhaaaa!"

Krankenschwester: "Dann fahre bitte nach X zur Notfall-Poliklinik! Die öffnen aber erst um 17:00 Uhr, vorher brauchst du da nicht aufzutauchen. Wenn du es noch aushälst, kannst du auch morgen früh hier anrufen und dich nach einem freien Termin erkundigen."

Patient: Fehlen die Worte. Ist verstört. Hat Ohrenschmerzen. Zum ersten Mal in seinem zugegebenermaßen noch jungen Leben widerfährt ihm ein Rauswurf aus einer ärztlichen Behandlungsstelle.

Krankenschwester: "Du weißt ja, es ist Sommer." Sie hebt die Hände beschwichtigend. Dann legt sie ihr Kummergesicht ab und ihr Lachendes wieder auf. So winkt sie dem Kind zum Abschied zu.

Patient: Denkt: "Sommer?"

Mittwoch, 8. Juni 2011

Bericht über die ewige Suche nach dem perfekten….



Zwei sehr junge Elche auf einer Nebenstraße in der Nähe des Öljaren.



Nun ist es schon wieder vorbei, das schwedische Extrem-Superwochenende des Jahres 2011. Christi Himmelfahrt, Brückentag (schwed. Klämdag), Wochenende und der schwedische Nationalfeiertag in direkter Folge, bedeuteten im besten Fall fünf lange Tage Erholung, Müßiggang und Freiheit. Auch das Wetter passte sich den Erfordernissen an und überraschte mit sommerlichen Temperaturen und viel Sonnenschein.

Die Stockholmer ließen sich nicht lange bitten, bereits am Donnerstagvormittag bildete sich auf der Autobahn in Richtung Süden ein 30 Kilometer langer Stau aus erlebnishungrigen Hauptstadtbewohnern. (An dieser Stelle viele bissige Grüße an die Gegner der Förbifart Stockholm.)

Sie strömten zu ihren Sommerhäuschen, zu den Campingplätzen, besuchten Familienmitglieder und oder fuhren zurück zu den Orten ihrer Geburt und des Heranwachsens und störten mich in ignoranter Weise bei der Ausübung einer meiner Lieblingstätigkeiten: der Suche nach dem perfekten See.

Andere Leute sammeln Muscheln, Geld oder Sexualpartner, suchen den Kick durch Runterspringen von hohen Dingern oder strampeln sich auf Fahrrädern ab. Manche Leute können sich nichts Schöneres vorstellen, als ihr Leben einer Fußballmannschaft oder anderen Drogen zu widmen. Und tatsächlich, so hört man, soll es auch Menschen ohne jegliche Sperenzien geben. Aber das alles nur zur meiner Rechtfertigung.

In meiner Vorstellung ist der perfekte See idyllisch zwischen Wald und Bergen oder Hügeln gelegen, doch unbedingt mit Einblick zum Horizont. Sein Wasser ist stets klar und farblos. Beim Schwimmen ist er nicht zu kalt, und niemals zu warm, je nach Befinden. In diesem Gewässer leben selbstverständlich keinerlei gefährliche Tiere oder Pflanzen. Es ist stets ruhig. Und, um es nicht zu vergessen, muss er auch einen angenehmen Zugang vorweisen können. Wer will beim Baden gehen, zuerst einmal eine Machete benutzen müssen?

Das klingt alles nicht schlecht. So schwer kann die Suche nach diesem See nicht sein, so will man jedenfalls meinen. Zumal man mit einem Wohnsitz in Schweden, dem Land mit der höchsten Seendichte der Welt (den Lieblingskonkurrenten Finnland mal außen vor gelassen), optimale Voraussetzungen für eine solche Suche vorweisen kann. Zumindest auf dem Papier.

Am Donnerstag ließen wir nach nur 3 Stunden Stau das Nadelöhr Södertälje hinter uns. Die anderen Autos verschwanden im Nichts und Södermanland lag vor uns. Die Stimmung stieg und wenig später erreichten wir den Hjälmaren, Schwedens viertgrößten See, und nahmen frohen Mutes Quartier.

Das erste Bad wusch uns sozusagen den Kopf. Das Wasser des Sees blieb klar, Horizont und Wald sah man ohne Probleme, nur die Wassertemperatur überzeugte überhaupt nicht. Oder, um es mit anderen Worten zu sagen, es war ekelhaft kalt.

Na gut. Eingetaucht, ein paar Alibischwimmzüge und wieder raus. Schwedens Seen sind außerhalb der Saison kein Zuckerschlecken. Und viele von ihnen, das ist kein Geheimnis, auch nicht innerhalb der Saison. Genauso ging es dann die nächsten Tage weiter. Seen und Badestellen gefunden, hinein gehüpft, meist gelitten. Wieder abgetrocknet.

Södermanland genießt den Vorteil einer atemberaubenden Auswahl an Seen. Nicht ohne Grund dreht man in dieser Gegend gern Inga-Lindström-Filme. Und auch wenn die jeweiligen Seen kalt, oder nicht klar oder ohne ordentlichen Zugang waren, finden sich stets genügend neue Möglichkeiten in der nächsten Nähe. So kommt kein Verdruss auf und so lernt man die Gegend kennen. Hjälmaren, Öljaren, Aspen, Näshultasjön und so weiter und so sjön.

Am dritten Tag fanden wir dann in der Nähe von Hälleforsnäs den Stora Tallsjön, einen kleinen Waldsee ohne Horizont, aber mit angenehmer Temperatur. Es folgte ein ausgiebiges Bad. Auch einige Einheimische wussten die Wärme des Wassers zu würdigen und drehten schwimmend ihre Runden. Und wieder entstand so etwas wie ein Stau.
Der Tallsjön blieb dann auch für dieses Wochenende der einzige See, in dem man ausgiebig schwimmen konnte, ohne dass dabei ein Körperteil abfror.

Was an Horizont zu wenig, war an Farbe zu viel. Ich nenne es Rotfärbung des Wassers, die Experten beschreiben es als Braunfärbung. Wer auch immer hier farbenblind ist, es ist nicht schön anzusehen, nach vorherrschender Meinung aber ungefährlich. Ursache dafür ist die Ansammlung organischer Reste in diesen relativ flachen und oft abgeschlossenen Waldseen.
Warm, aber gefärbt, man fühlte sich beim Schwimmen hin und her gerissen.

Dabei zählt der Tallsjön zu den harmloseren Varianten dieser recht häufigen Seenspezies Schwedens. Zum Beispiel ist der Rolsmosjön im småländischen Linneryd von einem ganz anderen Kaliber. Dort muss man nach dem Baden ausdauernd Schrubben, um die rotleuchtende Haut wenigstens einigermaßen wieder sauber zu bekommen. Nach dem Schwimmen in diesem See war das jedoch nicht notwendig.

Auf dem Weg nach Hause fuhren wir den westlichen Mälarsee entlang und entdeckten noch zwei stille und kaum überzeugende Badestellen. Die Kälte stach fürchterlich, ebenso die Mücken, aber danach zählten wir wieder als saubere Exemplare der Gattung Mensch. Am späten Abend trafen wir nach einem ereignisreichen Kurzurlaub müde in Stockholm ein.

Als Fazit bleibt festzuhalten: 10 verschiedene Badestellen, an 7 verschiedenen Seen, 2 weitere ließen wir aus ästhetischen Gründen links liegen. Den perfekten See fanden wir dabei nicht, das lässt genügend Spielraum für die Zukunft. Aber dem perfekten Extrem-Superwochenende kamen wir doch ziemlich nahe.


Gestern gewann Schweden im Fußball das Prestigeduell gegen Finnland mit 5:0. Sollte sich Schweden im Herbst in Helsinki, Budapest und San Marino keine Blöße geben, steht einer Teilnahme an der Europameisterschaft im nächsten Sommer nichts mehr im Weg.

Dienstag, 17. Mai 2011

Die letzte Invasion oder Über die finnische Art des Feierns



Der schönste Weg nach Inari geht über Nordschweden, über Haparanda.

-Zitat aus dem Film „Zugvögel…Einmal nach Inari“-




Da staunten die Einheimischen wohl nicht schlecht. Auf einmal fuhren und zogen tausende Finnen durchs beschauliche Haparanda in Nordschweden und brüllten sich heiser. So oder so ähnlich musste es auch ausgesehen haben, als vor bald 200 Jahren das letzte Mal eine ausländische Macht in Schweden einfiel.

Aber was war am Sonntag geschehen? Die finnische Nationalmannschaft im Eishockey hatte gerade ihr schwedisches Pendant im Finale der Weltmeisterschaft besiegt. Es war aber nicht nur einfach ein Sieg, das 6:1 war eine noch nie dagewesene Demütigung in einem WM-Finale. Die Außergewöhnlichkeit des Ereignisses ließ dann wohl die Tausenden im Nachbarland übermütig werden.

Wer schon einmal im menschenarmen Lappland weilte, fragt sich jetzt sicher, woher die tausenden Finnen herbeiströmten? In Anbetracht des Fehlens genauerer Schätzungen, bleibt uns nichts anderes übrig, als der hiesigen Presse, die sich wohl auf den haparandischen Polizeichef beruft, zu glauben.

Und sie führten sich nicht nett auf, die tausenden Finnen. Sie hielten ihre nackten Hinterteile den Einheimischen entgegen, verhöhnten die Schweden in Spottgesängen und hissten die Blaukreuzflagge an verschiedenen Fahnenstangen der Stadt. An der Shelltankstelle zu Haparanda soll es sogar zu Verbrennungen der schwedischen Flagge gekommen sein. Später brachen auch noch Prügeleien zwischen Einheimischen und Invasoren aus.

Trotz der eiligst herbei gerufenen Polizeiverstärkungen aus Kalix (50 KM entfernt), Luleå (130 KM) und Boden (132 KM) gelang es den vereinten Einsatzkräften nicht, die Invasoren zurückzudrängen. Bis in die Morgenstunden setzten sich Ruhestörung und Vandalismus fort. Erst dann zogen sich die Finnen auf ihre Seite der Grenze zurück. Schließlich war der Montag wieder Arbeitstag.

Die schwedische Volksseele kocht. Das Gebaren der feierwütigen Finnen halten viele für ehrverletzend. Einige sind so empört, dass sie nun zu Sanktionen finnischer Waren aufrufen. Wobei nicht ganz ersichtlich ist, welche Produkte Suomis in der Praxis gemeint sein könnten und wie bei solchen Ereignissen üblich, melden sich nun auch manche Bekloppte zu Wort und glauben sich mit der Beleidigung aller Finnen schadlos halten zu können.

Doch gibt es auch Ermutigendes zu berichten. Soweit man weiß, wurde der finnische Botschafter bisher nicht zum Rapport bei der schwedischen Regierung einbestellt. Sollte sich die Lage aber weiter verschärfen, beispielsweise Grenzkontrollen wieder eingeführt werden, halte ich sie selbstverständlich auf dem Laufenden.

Max Kenner, Stockholm


PS: Beste Grüße gehen nach Norwegen, wo man heute seinen Nationalfeiertag feiert.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Alles Müll!



Der See unterm Balkon zeigt sich nun endlich in alter Pracht. Seit ein paar Wochen ist das Eis aus allen seinen Winkeln verschwunden und die Wellen schwappen wieder mit der lange vermissten Regelmäßigkeit gegen den Strand. Ganz „bebadebar“ ist er noch nicht, der Mälarsee, aber mehr als ein oder zwei oder drei Wochen bekommt er nicht mehr, dann ist er fällig. Versprochen!

Das Verschwinden des Eises hat jedoch nicht nur angenehme Seiten. An den Ufern des Sees sammelt sich zurzeit der Müll.
Dosen, Plastiktüten, Plasteflaschen und viele andere Dinge, die nicht so leicht untergehen, verschandeln die Landschaft. Auch im Wald müssen sich einige Zeitgenossen übermäßig ausgetobt haben. Zwischen Frühlingsblumen stolpert man überraschend häufig über Metallteile oder verfängt sich in den bekannten Systembolagettüten. Irgendwie passt der Anblick der Überreste der Zivilisation nicht zusammen mit dem Anblick der aufwachenden Natur und dem blauen Himmel.

Wie gut, dass die Stiftung „Håll Sverige Rent” (Halte Schweden sauber!) nun zu den nationalen Müllsammeltagen aufgerufen hat. Nicht nur Schulklassen und Kindergartengruppen sollen in ihren jeweiligen Kommunen den Dreck beseitigen.
Der Aufruf gilt ausdrücklich auch den Erwachsenen.

Nicht jeder wird sich angesprochen fühlen. Aber im letzten Jahr sollen sich immerhin 400 000 Schweden an der Vorgängeraktion beteiligt haben. Viele Firmen und Vereine unterstützen die Aktion tatkräftig und mit Werbung. In den letzten Wochen trafen wir tatsächlich mehrfach Leute im Wald, die fleißig Müll aufsammelten. Es scheint also eine Aktion mit gewissem Gewicht zu sein. Die Säcke dafür gibt es Übrigends kostenlos von der Kommune.

Vor ein paar Tagen erzählte uns dann unser Kind, dass die ganze Meute aus dem Kindergarten zu den Wiesen am Ufer spazierte um ihren Teil für ein sauberes Schweden beizutragen, in dem sie eine Stunde lang jeden Dreck auflasen. Es klärte uns auf, wie wichtig es wäre, den Müll stets in die Mülltonne zu werfen und nicht auf die Wiese, damit sich die Tiere und die Blumen wohlfühlten. Wir konnten dem natürlich nur zustimmen und freuten uns über die umweltbewusste Erziehung im Kindergarten.

Am Nachmittag saßen wir danach gemeinsam auf einem Steg und sahen den ersten Booten des Jahres beim Umherschippern zu. Die Sonne brannte auf der Haut, der Wind war angenehm mild.

Auf einem besonders schicken Motorboot waren zwei ältere Herren anscheinend gerade mit dem Frühlingsputz beschäftigt. Mit viel Elan warfen sie Kaffeebecher und Bierdosen über Bord. Als sie schon lange hinter einer Landspitze verschwunden waren, trieb ihr Müll immer noch vor uns herum.

Im Kind rumorte es erst und dann zeigte es sich empört über die Erwachsenen, die nicht an die Tiere dachten. Uns fehlten die Worte, bis wir erklärten, dass die Männer später bestimmt eine Strafe von der Polizei erhalten würden. Damit retteten wir zumindest vorerst das Antimüllkonzept und ernteten vom Engelchen ein energisches Kopfnicken.
Ich bin zutiefst überzeugt, die nächste Generation wird es sicher noch besser machen.

Freitag, 25. März 2011

Ein Kriegsargument



Schweden exportierte im vergangenen Jahr Waffen im Wert von 13,7 Milliarden schwedischen Kronen, berichtete neulich SIPRI, das internationale Friedensforschungszentrum mit Sitz in Stockholm Östermalm. Schweden befindet sich damit auf Platz 7 der weltweiten Charts der Waffenexporteure. Ein Platz nach Frankreich und ein Platz vor Italien.


Produzenten von Rüstungsgütern haben es nicht leicht. Deren Ruf liegt ohne Zweifel auf demselben Niveau wie der von Tabakkonzernen oder Atomkraftwerkbetreibern. Dazu kommt die relative Begrenztheit des Marktes. Es gibt auf dieser Welt nur 193 souveräne Staaten, plus einiger nicht von allen anerkannter Länder, und einige Konfliktparteien in Bürgerkriegen. Zusätzlich halten manche Länder wie Costa Rica Armeen für überflüssig und fallen als Kunden weg. Man muss sich also als erfolgsorientierter Rüstungsgüterproduzent wahnsinnig anstrengen, um seine Ware an den Mann zu bringen.

Kommt man aus einem kleineren Land verschärft sich das Problem weiter. Ohne einen großen staatlichen Apparat in der Hinterhand, der die Geschäfte seiner eigenen Industrie unterstützt, fällt man im Konkurrenzkampf weiter zurück. Ein schönes Beispiel hierfür sind die Militärkredite der USA an Ägypten oder Kolumbien, für die ausdrücklich us-amerikanische Waffensysteme gekauft werden mussten.

Aus diesem Hintergrund lässt sich leichter verstehen, warum die schwedische Firma Saab (unter Beteiligung weiterer einheimischer Konzerne) ihre Kampfflugzeuge vom Typ Jas 39 „Gripen“ nicht so richtig los wird. Bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt, wird dieses Flugzeug vorallem von den schwedischen Luftstreitkräften geflogen. Ungarn, Tschechien, Südafrika und Thailand haben auch einige Exemplare in Betrieb. Ansonsten war es das auch schon.

In Südafrika laufen zurzeit Ermittlungen gegen einige Regierungsmitarbeiter wegen Korruption. Sie sollen für die Entscheidung zum Kauf der Flugzeuge aus Linköping in Östergötland ausreichende Millionenbeträge entgegen genommen haben. Ob, die voreilige Verurteilung sei mir verziehen, die Verantwortlichen von Saab mit diesem allseits beliebten Verkaufsargument damit eine endgültige Lösung für ihre Absatzprobleme gefunden haben, scheint mehr als fragwürdig.

Die Entwicklung des Flugzeugs hat nach verschieden Angaben bisher 120 Milliarden Kronen gekostet. Nach über 20 Jahren des Feilbietens soll Saab nun endlich hinsichtlich ihres Produktes die Verlustzone verlassen haben. Immerhin. Ab jetzt bedeutet der Verkauf jedes Flugzeugs das Einstreichen von Gewinn.

Man verhandelt derzeit in Brasilien und Indien über den Verkauf seines Produkts, steht aber in direkter Konkurrenz zu französischen und us-amerikanischen Flugzeugherstellern.
Als schwerwiegender Nachteil für Saab, wurde in den letzten Tagen in einigen Medien berichtet, gilt das Fehlen eines Beweises für die Kriegstauglichkeit des Jas 39 „Gripen“. Das bestätigte auch der Verantwortliche von Saab P.Nilsson zur Zeitung Metro mit mehr als blumigen Worten und andere „Experten“ in weiteren Medien. Tatsächlich haben die Jas 39 noch niemals an Kampfhandlungen teilgenommen, der Beweis ihrer Fähigkeiten zur Erfüllung der eigentlichen Aufgaben ist noch nicht erbracht worden.

Die schwedischen Parteien im Reichstag, mit Ausnahme der Ausländerfeinde von den Schwedendemokraten, haben sich für eine Teilnahme der schwedischen Luftstreitkräfte an den Kämpfen in Libyen ausgesprochen. Der schwedische Außenminister Carl Bildt erklärte dazu, die Nato hätte noch keine Anfrage bzw. Hilfeersuchen an Schweden gestellt, aber am kommenden Dienstag wäre das sicher der Fall.

Da Herr Bildt nun in die Zukunft schauen kann und alle Verantwortlichen sich einig sind, wird das neutrale Schweden ab nächster Woche wohl an einem weiteren Krieg teilnehmen. Man möchte bis zu 8 Stück Jas 39 „Gripen“ über Libyen einsetzen. Für Saab selbst handelt es sich wahrscheinlich nur um einen glücklichen Zufall , dass der in Schweden weitverbreitete Wille zum Schutz von Menschenrechten, mit dem Verkaufsinteressen der eigenen Firma zusammentrifft.

Max Kenner, Stockholm

Mittwoch, 23. März 2011

Hello again!



Es ist immer der gleiche Vorgang. Irgendwann zwischen Herbst und Winter verschwinden die Gerüche. Nicht das ich das unbedingt bedauern würde, eigentlich geht der Augenblick an mir stets unbemerkt vorüber.
Doch wenn die Eisfläche unten auf dem See verdächtig zu knirschen beginnt, um dann mit lautem Knacken fortzufahren, die Vögel permanent ihre Gefühle kund tun, die Nachbarn auch unbeobachtet lächeln, dann ist der Moment gekommen, an dem mir bewusst wird, was mir das gefühlte letzte halbe Jahr gefehlt hat: Die Gerüche unserer Welt.
Nun brechen sie alle auf einmal auf mich ein. Der Duft von modriger Erde, ein Hauch von Seewasser, herangetragen vom milden Südwind, der unbestimmbare Geruch von frischen Brötchen, der Wohlgeruch der Kiefern, liebliche Brisen von Frühlingsblumen, sie alle dringen zu meiner Freude in den Riechgang ein.
An manchen Stellen gesellt sich der Gestank von Verwesung oder Kot dazu und bremst die Euphorie ein Stück weit. Der Schnee überdeckte wohl das eine oder andere Malheur. Jedoch spätestens nach der nächsten Wegbiegung hat sich das erledigt und das in der Gegend herumschnüffeln macht mir wieder Spaß.
Ich weiß nicht, wo sie sich so lange versteckt hielten, die Gerüche dieser Welt.
Doch was ich weiß ist, der Frühling ist zurück in Schweden.
Herzlich Willkommen!

Mittwoch, 16. März 2011

Vattenfall- und die europäische Art von Haftung bei einem Super-GAU



In Råcksta, beinahe im äußersten Westen Stockholms, steht überraschend ein Betonblock in der ansonsten ansehnlichen Landschaft herum. Es handelt sich um den unästhetischen Firmensitz von Vattenfall, einem der größten Energiekonzerne Europas. Eingeweiht wurde das Haus bereits im Jahr 1964 und galt seiner Zeit sicherlich als modern und ungemein hübsch.

Damals war Vattenfall ein nur in Schweden tätiger Stromproduzent, der vorwiegend Energie aus Wasserkraft gewann, wie auch der fast poetische Name noch heute vermuten lässt. Seit seiner Gründung im Jahr 1909 befindet sich das Unternehmen zu 100 % im Eigentum des schwedischen Staates.

Aufgrund des Beitritts zur Europäischen Union öffnete auch Schweden seinen Strommarkt für ausländische Konkurrenten. In Folge dessen lag es für Vattenfall nahe, die neue Bedrohung auf dem Heimatmarkt mit einer eigenen europaweiten Expansion zu beantworten. Die Ausweitung der Geschäftstätigkeit ins Ausland begann dann 1996 und scheint heute noch nicht abgeschlossen zu sein. Schließlich will man bei der in Zukunft erwarteten Konsolidierung des Strommarktes, als einer der wenigen Überlebenen dabei sein.

Seitdem entwickelte man sich vom reinen Strom-, auch zum Wärmeproduzent, und neben den Wasserkraftwerken, betreibt man nun Atom-, Kohle-, Wind-, Gas- und Biomassekraftwerke. Vertreten ist man mittlerweile u.a. in Dänemark, Norwegen, Finnland, Niederlande, Großbritannien, Polen, Frankreich und in Deutschland.

Die erfolgreiche Expansion ist zu einem Gutteil auf Lars G. Josefsson zurückzuführen. Er übernahm im Jahr 2000 die Führung des Unternehmens und trieb den Erwerb von ausländischen Stromerzeugern und Stromversorgern zur Zufriedenheit der jeweiligen schwedischen Regierungen weiter energisch voran. Auch eine Frau Merkel weiß im Übrigen die Stärken des Herrn Josefsson zu schätzen. Seit 2006 zählt er zu den Klimabeauftragten der Bundesregierung.

Heute hält man sich selbst für gut aufgestellt. Kein Wunder, ist doch Vattenfall heute einer von den drei großen Stromkonzernen in Schweden (EON, Fortum aus Finnland, Vattenfall), in Deutschland einer der vier Großen (EON, RWE, EnBW, Vattenfall). In den anderen Ländern sieht es für den Konzern nur wenig schlechter aus.

Die oligopolähnlichen Verhältnisse sind nicht schlecht für das Geschäft. So fällt es leichter die Strompreise zu bestimmen, so bleibt der Profit gesichert. 2009 blieb nach Steuern immerhin ein Gewinn von 13,4 Milliarden schwedischen Kronen übrig. Ein Betrag, der jedem Finanzminister und seinem Staatshaushalt viel Freude bereiten würde.

Das Deutschlandgeschäft brachte Vattenfall aber nicht nur Freude. In der schwedischen Öffentlichkeit kritisierte man gelegentlich die umweltfeindliche Stromgewinnung aus Braunkohle in Ostdeutschland. Doch ging man von seitens der Konzernleitung kaum auf diese Kritik ein.

Schlimmer wurde es mit dem Verschweigen von Vorfällen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel im Jahr 2007. Damit erzielte Vattenfall in Deutschland nicht nur einen kaum wieder gutzumachenden Imageschaden, sondern wohl auch einen der größten Minusgeschäfte der Geschichte. Abgesehen von Hunderttausenden, die im Anschluss an die Vorfälle ihren Stromanbieter wechselten, produzieren die Atomkraftwerke weiterhin statt Strom nur Kosten (nach Firmenangaben 445 Millionen EUR per Jahr) Nach den Vorfällen in Japan wird abzuwarten sein, ob sie überhaupt jemals wieder Energie herstellen werden.

Das war aber nicht der Grund, warum der verdienstvolle Josefsson im letzten Jahr in Rente gehen musste. Der lag darin, dass dieser, angeblich ohne Wissen der schwedischen Regierung, in Deutschland einen Haftungsvertrag unterzeichnete, der Vattenfall bei einem Störfall in einem seiner Atomkraftwerke unbegrenzt haftbar machen würde.

Dieser Vertrag ist sicherlich keine schlechte Idee, da keine Versicherung der Welt ein Atomkraftwerk versichert. Irgendjemand muss ja im Schadensfall für die entstandenen Kosten gerade stehen. Wer würde sich da besser anbieten, als der Betreiber selbst?

Das entscheidende Problem für die schwedische Öffentlichkeit war dann, dass damit der schwedische Staat als Alleineigentümer von Vattenfall für einen atomaren Unfall zu haften hätte, der auch noch in irgendeinem Ausland stattfände. Aufgrund der vorher aufgetretenen Störfälle in den Werken, schien man sich seiner Sache nicht mehr so sicher, zumal so ein GAU wahrscheinlich den Staatsbankrott Schwedens zur Folge hätte.

„Verträge sind einzuhalten“, sagen die Juristen. Josefsson hat seinen Hut und eine üppige Abfindung genommen. Der Konzern Vattenfall hat jedoch weiterhin den abgeschlossenen Vertrag am Hals. Wie man hört, versucht das Unternehmen die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel seit geraumer Zeit loszuwerden, findet aber keinen Käufer. Es ist daher zu erwarten, dass die endgültige Schließung der Kraftwerke nicht nur von Atomkraftgegnern gefeiert werden wird.

Auch noch unter Josefsson beschloss man den Firmensitz von Råcksta nach Solna zu verlegen, näher an die Stockholmer Innenstadt und direkt neben die neue Nationalarena Schwedens. Das Hochhaus im Westen der Stadt genügt anscheinend nicht mehr den Anforderungen an den Firmensitz eines international tätigen Konzerns. Spätestens 2013 wird man Råcksta verlassen haben. Auf dem Vattenfall-Areal wird man ein schönes neues Wohngebiet bauen, sofern bis dahin nicht ein Haftungsgrund eintritt.

Seit 113 Tagen liegt nun eine geschlossene Schneedecke im Stockholmer Stadtgebiet. Nochmal eine Steigerung zu den letztjährigen 105 Tagen. Die Historiker unter den Meteorologen haben festgestellt, dass dies seit 41 Jahren nicht mehr der Fall war.
M.E. darf der Frühling jetzt endlich kommen!

Donnerstag, 3. März 2011

Flaggentag- oder: neue Gesetze für Papierlose



Heute ist ein Tag, an dem ich mit Freude und auch sehr kräftig mit der schwedischen Fahne winken muss. Die hiesige Regierung beschloss gestern bei einer Kabinettssitzung die kostenlose Krankenversorgung für Papierlose, also Einwanderern ohne Aufenthaltsgenehmigung, einzuführen. An anderer Stelle wurde schon mal über das Thema berichtet. Die neuen Regeln sollen auch ein Recht auf Schulbesuch und das Recht auf Gründung einer Firma beinhalten. Als Haar in der Suppe ist der Beschluss zu sehen, die Gesetze erst im nächsten Jahr im Reichstag zur Abstimmung zu stellen.

Dass ausgerechnet die bürgerliche Allianz, also der rechtere Block im Reichstag, eine solche Regelung einführen wird, ist beinahe als historisch zu betrachten und meiner bescheidenen Meinung nach wohl als Verhandlungsangebot an die linkere Opposition zu verstehen. In nächster Zeit sollen die neuen Einwanderungsgesetze beschlossen werden. Wegen der Existenz der fremdenfeindlichen Schwedendemokraten im Parlament und der fehlenden eigenen Mehrheit ist die Regierung dabei auf Stimmen der Opposition angewiesen. Die Grünen haben dann auch schon heute signalisiert, die Regierung in dieser Frage zu unterstützen.

Zusammengefasst handelt es sich also um einen Kuhhandel, der vielen Menschen in diesem Land das Dasein erleichtern wird.

Max Kenner, Stockholm

Dienstag, 22. Februar 2011

Paradies für Gourmets- Schwedens Weg zum Feinschmecker-Mekka oder : Rentierfilet an Balsamicosauce




Eskil Erlandsson hat eine Vision. Aber wie es leider manchmal so ist bei großen Männern und ihren Visionen, es hört erst einmal niemand so richtig hin.

Der Landwirtschaftsminister aus dem südschwedischen Skåne möchte Schweden zu DER führenden Essensnation Europas machen. Bereits im August 2008 hielt er deshalb eine wenig beachtete Rede im Institut für Lebensmittel und Biotechnik zu Göteborg und präsentierte dabei seine Vorstellungen vom „Matlandet Sverige“ (Essen- oder Speiseland Schweden). Getragen werden seine Ideen dabei nicht von seiner Vorliebe für besonders gutes Essen, sondern von seiner väterlichen Sorge um die einheimische Landwirtschaft.

„Meine Vision von Schwedens Vorreiterrolle bei der Zubereitung von Lebensmitteln in Europa, ist eine von der Schaffung von Arbeitsplätzen, die rund um das Essen entstehen werden und der Förderung des Tourismus und der Steigerung des schwedischen Exports,“ sagte er. Und weiter: „.. daher sei es wichtig, die Produzenten zu fördern und Netzwerke für den Erfahrungsaustausch zu knüpfen. Es gehe dabei nicht nur um die Hersteller von Lebensmitteln, sondern auch um Köche, Restaurants und die vielfältigen Veredler von Nahrung.“

Im später veröffentlichten Handlungsplan formulierte man dann einige Ziele, u.a. die Steigerung von Übernachtungen auf dem Lande um bis zu 20 Prozent bis zum Jahr 2020, dann soll es auch mehr Restaurants mit Sternen im Guide Michelin geben, die Lebensmittelproduzenten sollen es einfach, lustig (!) und rentabel in Schweden haben und das Essen im öffentlichen Sektor (Kindergärten, Schulen, Altersheimen) soll von Qualität und Essensfreude geprägt sein.

Im Jahr 2008 verhallten seine ehrgeizigen Worte beinahe ohne Wirkung. Hier und da erntete der pausbäckige Mann ein bisschen Beifall, aber auch bissige Kommentare. In einem Land, in dem industriell gefertigte Fleischklößchen, sprich Köttbullar, als heiliges Nationalgericht gilt, mutete seine Initiative beinahe zwangsläufig komisch an.

Der Minister bleibt dran


Doch der fast glatzköpfige Mann blieb dran. Er ernannte Botschafter für die verschiedenen Regionen Schwedens (Matlandetambassadörer), deren Aufgabe es ist, die Essens- und Naturerlebnisse in ihrer jeweiligen Region in der Öffentlichkeit bekanntzumachen und die regionalen Produzenten zu unterstützen.

Weiterhin lobte das zuständige Ministerium einen jährlichen Preis (Årets Matlandethuvudstad) für die Kommune aus, die am besten vermag Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum durch Essens-und Lebensmittelproduktion in Kombination mit Tourismus zu schaffen. Aktueller Preisträger ist übrigens Östersund in Jämtland.

Aber entscheidend war und ist wohl die Überprüfung und Überarbeitung sämtlicher Regeln für die betroffenen Branchen. So wird es in Zukunft eine Aufweichung des Alkoholmonopols bei Verkauf von selbstproduzierten Getränken auf Bauernhöfen geben, um noch mehr Kunden aufs Land zu locken. Auch wurden mehr Genehmigungen für regionale Schlachter vergeben und vieles mehr.

Die Kampagne des Ministers gewinnt also an Fahrt. Das ist nicht unbedingt ein Wunder, die Voraussetzungen für Schweden sind nicht schlecht. Für eine gute Küche benutzt man im besten Fall Zutaten nach Region und Jahreszeit und da kann Schweden durchaus punkten. Es gibt Fische und Krustentiere an der Westküste, Schafe und Trüffel auf Gotland, Lachse und Rentiere im Norden, Krebse in vielen Seen, Wild, glückliche Kühe und Pilze im ganzen Land. Nur die begrenzte Vegetationszeit ist eindeutig ein Standortnachteil im Kampf gegen die alten Essensnationen am Mittelmeer. Aber dafür lässt man sich bestimmt noch etwas einfallen.

Gourmetessen im Kindergarten

Der mit dem harten schonischen Dialekt sprechende Minister selbst scheut keine Anstrengungen. Er fuhr bereits zur Kochweltmeisterschaft nach Frankreich oder zur Grünen Woche nach Berlin, wie am 21 Januar dieses Jahres, nur um dort für seine und Schwedens Sache zu werben. Er stellte letztes Jahr 170 Millionen Kronen aus seinem Etat für die Kampagne zur Verfügung. Unermüdlich hält er Rede um Rede und nach fast drei Jahren muss man festhalten, dass sich schon einiges zum Guten gewendet hat.

Seit der visionären Ansprache in Göteborg erhielt Schweden für seine Restaurants einige neue Sterne im Guide Michelin. Auch wenn das eher auf das Engagement der Köche zurückzuführen ist, passt es sehr gut als Beleg über eine allgemeine veränderte Denkweise hinsichtlich der Essenszubereitung. Bis dato gibt es in diesem Land 11 Restaurants, die sich mit mindestens einem Stern schmücken dürfen. 6 in Stockholm, 5 in Göteborg.

Auch die Umsätze im Touristensektor steigen von Jahr zu Jahr. Vielleicht liegt das ja teilweise am guten Essen und den entsprechenden feinschmeckenden Gästen. Die Krebssaison ab August und ihre Auswirkungen auf den Tourismussektor ist dafür treffendes Beispiel. Oder auch die Hummersaison an der Westküste ab Ende September.

Im Kindergarten unseres Kindes jedenfalls finden sich nur noch selten ordinäre Köttbullar auf dem Speiseplan, stattdessen bekommen die kleinen Engel nun Buletten aus Lammfleisch oder Lachs auf Gemüse. Da gibt es wohl nichts zu meckern, außer vielleicht, dass die Kinder zu sehr verwöhnt werden.

Es ist also offensichtlich. Frankreich, Spanien oder auch Deutschland müssen sich warm anziehen. Schweden holt auf und Eskil Erlandsson wird nicht aufgeben bis Schweden Europas Gourmetland Nr.1 ist.

Rezept: Rentierfilet an Balsamicosauce

Guten Ideen sollte man sich nicht widersetzen, vielmehr, sie sollten unterstützt werden. Die Schönste und ich fühlen uns daher berufen als gute Mitbürger dieses Landes mitzuhelfen die hiesige Kochkunst voranzubringen. Direkt aus unserer Küche stammt daher das folgende Rezept: Rentierfilet an Balsamicosauce.

Rentierfleisch ist im Gegensatz zum Elchfleisch sehr mild, fettarm (nur 2 % bis 4 %) und wegen vielerlei Vitamine gesund. Das Fleisch wird zu Beginn von allen Seiten angebraten. Danach bei lediglich 80 Grad für 2 Stunden in den Ofen. Später den Bratensatz mit Schalotten und Knoblauch braten. Dazu Rotwein, Kalbs- oder Rinderfond, Salz und Pfeffer, ein Schuss Olivenöl und dann köcheln lassen. Alles durch ein Sieb und mit 3 Esslöffel Aceto Balsamico di Modena verfeinern. Das nun sehr zarte und wohlschmeckende Fleisch mit der Soße servieren, dazu passen gebratene Bohnen im Speckmantel und Kohlenhydrate nach eigener Wahl, vielleicht als Kroketten oder Kartoffelbrei.

Für die Nutzer von Systembolaget empfehlen wir zu diesem Gericht den Rotwein Inurrieta Norte 2007, Navarra, Spanien. Für die Menschen mit anderen Möglichkeiten Sideral 2005, Chile. Smaklig måltid!

Unsere gerade wieder abgereisten Versuchskaninchen gaben ihre vollste Zufriedenheit über dieses Gericht zum Ausdruck und werden wohl unsere Heimat in naher Zukunft schon wieder als Touristen beehren. Wüsste das Eskil Erlandsson, würde er sich sicher freuen.

Max Kenner, Stockholm

Dienstag, 15. Februar 2011

Berlin lässt grüßen- oder: Es schneit in Stockholm



Am letzten Donnerstag begann es bei kräftigem Nordwind zu schneien. 24 Stunden später bedeckte bis zu 40 Zentimeter Neuschnee die Hauptstadt Skandinaviens. Wer es verpasste rechtzeitig aufzustehen, erlebte sein weißes Wunder. Der Busverkehr war stadtweit eingestellt, die U-Bahn fuhr bestenfalls unregelmäßig, auf einigen Strecken überhaupt nicht mehr und vom Straßenräumdienst konnte man weit und breit nichts sehen. Die Wege zur Arbeit gestalteten sich für Hunderttausende zum Albtraum. Wenn man nicht gleich zu Hause blieb.

Dann kam das Wochenende und die Lage beruhigte sich. Vorerst. Denn am gestrigen Montagmorgen wiederholten sich die Vorgänge. Nicht mehr in dem Ausmaß, wie am vergangenen Freitag, aber wieder fielen ganze Buslinien aus und viele Stockholmer saßen erneut fest. Der Großteil der Straßen ist weiter mit Schnee bedeckt, obwohl sonst nicht mit Salz gegeizt wird. Der Autoverkehr gestaltete sich entsprechend zäh und man zählte ungewöhnlich viele Verkehrsunfälle.

Die Nerven der Stockholmer lagen blank. Überall traf man wütende und zeternde Betroffene. So etwas habe man hier noch nicht erlebt, hieß es allenthalben und die Leute fragten sich, wie so etwas in der Hauptstadt Skandinaviens passieren konnte.

Von den Betreibern der öffentlichen Verkehrsmittel hieß es, dass die Allwetterreifen der Busse wohl nicht ausreichend schneetauglich wären und deshalb vorsorglich in den Depots verblieben. Außerdem betonte man, dass der Verkehr am Freitag wegen Schnees eingestellt wurde, am Montag aber wegen der Kälte. Im gesamten Stadtgebiet befänden sich alle 120 Räumfahrzeuge auf der Straße, verlautbarte kurz danach das Trafikverket.

Man tat also etwas, sollte das wohl heißen. Mir flüsterte dann jemand zu, bis vor 10 Jahren hätte es sechs Mal so viele Räumfahrzeuge gegeben.

Ein Sprecher der Regierung bestand darauf, dass noch nie in der schwedischen Geschichte so viel Geld für Infrastruktur ausgegeben wurde wie in den letzten Jahren. Blöd nur, dass kurz danach der eigene Koalitionspartner, in Person der Wirtschaftsministerin Maud Olofsson, die Kürzungen bei den Investitionen für die Infrastruktur kritisierte. Es darf nicht sein, dass bei 20 Zentimeter Neuschnee die Leute nicht zur Arbeit kommen, das sei unhaltbar, beschwerte sie sich über einige Medien und kam damit ihrer Aufgabe als Wahrerin der Interessen der schwedischen Wirtschaft nach.

Andere Politiker schwadronieren derweil öffentlich von grünen Wintern in der Zukunft. Die leidtragenden Stockholmer können da nur noch mit den Kopf schütteln. Von meinem alten Freund und Vollzeitschweden Daniel hörte ich den Vorschlag, dass die Verantwortlichen schleunigst eine Studienreise nach Sibirien oder Alaska unternehmen sollten, um dort zu lernen, wie Verkehrsmittel bei Schnee und Kälte funktionieren. Einen ähnlichen Spruch hörte ich schon im Dezember in Berlin, als dort der S-Bahnverkehr zum Stocken kam. Mit dem Unterschied, dass man damals den deutschen Verantwortlichen Schweden als Ziel der Studienreise nahelegte.

Die Eisdecke auf den Seen und der See in Stockholms Umgebung soll mittlerweile 50 Zentimeter dick sein. Fragt man sich, was die Einheimischen in ihrer Freizeit so tun, muss man nur auf die Seen schauen. Abertausende vergnügen sich bei Sonnenschein und Eiseskälte fahrend, schlitternd oder gehend auf dem Eis. Ganz Verwegene liefern sich Rennen auf ihren Motorrädern und die Abgehärtesten sitzen einfach nur da und angeln.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Partnerschaften in Zeiten des Wohnungsmangels



Die Beweggründe zum Eingehen einer Partnerschaft sind noch vielfältiger, als die Beweggründe nach Schweden zu verziehen. Das ganze Spektrum reicht von den glücklichen Paaren, die sich aus bedingungsloser Liebe aneinander binden, über die mit bestimmten sexuellen Vorlieben, oder die mit Sehnsucht nach Nestwärme in den Unbilden des Lebens, bis zu denen, die sich irgendeinen Vorteil, meistens materieller Art, versprechen. Um uns das Einordnen in Schubladen zusätzlich zu erschweren, finden sich dazwischen natürlich viele gräuliche Schattierungen.

Einer moralische Wertung über die Welt der Partnerschaften möchte ich mich enthalten. Das können andere Leute mit noch mehr Weitblick tun. Das Entscheidende, um an dieser Stelle erwähnt zu werden, ist ein vorhandener Unterschied zu deutschen Verhältnissen. Das Auslassen von glücklichen Paaren und denen mit sexuellen Vorlieben soll mir heute deshalb verziehen sein.

Während in Deutschland, soweit ich mich erinnern kann, gelegentlich eine Ehe eingegangen wird, um den berechnenden Partner einen gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen oder Vermögen zu erwerben, und diese Vorgänge auch durchaus in Schweden geschehen können, bereichern uns die Stockholmer mit einer weiteren Möglichkeit eine Verbindung einzugehen, nur um sich einen materiellen Vorteil zu sichern.

Wir haben hier ein Wohnungsproblem, manche benennen es Wohnungsnot. Ich nenne es Frechheit und Verstoß gegen ein Menschenrecht. Stockholms Stadtbevölkerung wächst durchschnittlich um 17000 Menschen im Jahr, auf heute etwa 848´000, ohne den Speckgürtel hinzuzurechnen. Die Hauptstadt Schwedens bewegt sich damit auf einem Level mit Städten wie Marseille und Diyarbakir.
Doch dessen ungeachtet bleibt festzuhalten, dass die Anzahl der Neubauten mit diesem Wachstum bei weitem nicht Schritt hält.

Bereits seit der Krise Anfang der Neunziger Jahre, als man begann gegen das staatliche Defizit vorzugehen, wurden nicht mehr, der wachsende Zahl der Menschen entsprechend, ausreichend Wohnungen gebaut. Hinzu kommt die massive Privatisierung von Immobilien seit dieser Zeit. Die Schere zwischen Leuten die Wohnraum suchen und dem tatsächlichen Angebot tut sich zum Unglück für viele deshalb immer weiter auf.

Die Folgen sind bekannt: die Preise für Bostadsrätter, der schwedischen Version von Eigentumswohnungen, steigen. Vorallem im Innenstadtbereich, wo viele hinziehen möchten, schossen die Preise nach oben und bewegen sich heute bei beachtlichen 60000 Kronen (rund 6740 EUR) per Quadratmeter. Innerstädtische Mietwohnungen sind sehr rar und erst nach langer Wartezeit, die sich nach Jahrzehnten misst, zu erhalten. Bleibt dem Unvermögenden nur in den sauren Apfel zu beißen und eine Wohnung bzw. ein Wohnrecht auf Kredit zu kaufen.

Doch auch in Schweden ist es nicht leicht die prüfenden Angestellten einer Bank von seiner finanziellen Unbescholtenheit zu überzeugen. Diese Leute sehen es überaus gern, wenn man in geordneten Verhältnissen lebt, zum Beispiel verheiratet ist oder in einer eheähnlichen Beziehung lebt. Der Partner darf gern auch genügend verdienen, schließlich sollen die 5 Millionen Kronen für eine Wohnung mit 3 Zimmern wenigstens dem Anschein nach irgendwann abbezahlt werden.

Es ist also kein Wunder, dass man gelegentlich gezwungen ist, über seinen eigenen Schatten zu springen, wenn das die eigenen Träume und Vorstellungen erfordern. Oder noch besser gesagt, dass man ungewöhnliche Ideen entwickeln muss, um an eine neue Behausung in Zentrumsnähe zu gelangen. Und so trifft man manchmal in dieser Stadt ein Pärchen, das zwar eine Wohnung in zentraler Lage sein eigen nennt, aber sonst nicht unbedingt dem Bild einer glücklich eingegangenen Beziehung entspricht.

Denn auf auffälliger Weise besteht deren Zusammenleben vorwiegend auf gegenseitige Abtrennung. Diese Partner haben ein getrenntes Budget (die Schweden nennen das Ekonomi), verschiedene Freundeskreise, verschiedene Freizeitvergnügen und Hobbys, verschiedene Vorlieben für dies und das. Ins Auge fällt die fehlende Zärtlichkeit und Verbundenheit zwischen den Beiden. Mitunter gewinnt man den Eindruck von Kälte und Abneigung. Was ist da von Partnerschaft noch übrig?

Genau! Als Gemeinsamkeit bleibt nur die ansehenserheischende Wohnung in der Innenstadt. Und natürlich der gemeinsam erhaltende und abzuzahlende Kredit. Die materiellen Vorteile dieser Art von Beziehung sind unübersehbar, verständlich und erklärbar. Die offensichtlichen Defizite in diesen Zweckgemeinschaften aber auch.
Als unabhängiger Beobachter liegt es daher nahe, den einzigen Grund für diese Art von Beziehung in der gegenseitigen Hilfe beim Erlangen einer Innenstadtwohnung zu erkennen.

Fairerweise sind die anfangs erwähnten Grauschattierungen nicht einfach unter den Tisch zu kehren. Die einen gehen schon mal gemeinsam Essen, manche machen Urlaub zusammen. Vielleicht entwickelt sich ja in den Jahren oder Jahrzehnten der gemeinsamen Nutzung der Wohnung so etwas wie Zuneigung oder sogar Liebe. Das „Aneinander vorbei leben“ ist jedoch stets nicht zu übersehen. Ebenso die fehlenden Kinder. Und es stellt sich die Frage, wie lange geht so etwas gut? Schließlich ist man auf Geld und Vermögen für ewig aneinander gebunden.

Zum großen Problem des Wohnungsmangels fallen Wohnungsminister Stefan Attfall nur die üblichen Sprechblasen ein. Der Profit einiger, wie zum Beispiel der Banken und der Makler, ist damit für die folgenden Jahre sichergestellt.
Die Ankündigung von Experten, Stockholm wachse bevölkerungsmäßig in den nächsten 20 Jahren um die Größe eines Göteborgs, erzeugt bei kleingeistigen Urstockholmern viel Stolz, bei den schon jetzt beengt Wohnenden viel Schweiß auf der Stirn und bei dem einen oder anderen Wohnungssuchenden den Gedanken, warum sich nicht mit jemanden zusammen tun um sich eine schicke Wohnung zu kaufen. Es könnte ja noch teurer werden. Der Nachwuchs für merkwürdige Partnerschaften scheint da ebenfalls gesichert.


Nachtrag vom 27.01.11: Die Zeitung Stockholm City veröffentlichte heute die aktuelle Statistik.
In der Stockholmer Innenstadt gibt es noch 67443 Mietwohnungen. Das sind 37 Prozent des Gesamtbestandes an Wohnungen. Die anderen 63 Prozent sind demnach Bostadsrätter bzw. Eigentumswohnungen.
Und noch eine weitere Zahl: die privaten Haushalte Schwedens sind mit 2369 Milliarden Kronen verschuldet. Ganze 80 Prozent dieses Betrages bestehen aus Immobilienkrediten.

Dienstag, 11. Januar 2011

Steuern! Steuern! Steuern! - Die Realität im Steuerland Schweden



…Skatt är S T Ö LD… (Steuern sind Diebstahl)

Kommentar eines Lesers der Zeitung Dagens Industri zum Regierungsvorschlag die befürchtete Immobilienblase mit geringeren Steuern auf Kapitalerträge zu bekämpfen.




Nach meiner Erfahrung fürchtet der gemeine Schwede, der da in seinem gemütlichen Eigenheim sitzt, eigentlich nur zwei Dinge auf Erden. Zum einen wäre das der Kommunismus. Diese dunkle Bedrohung, bevorzugt aus dem großen Land im Osten, die scheinbar jederzeit die schwedischen Idylle bedroht und immer noch als Gespenst in vielen Köpfen umgeht. Und zum anderen wäre da das Finanzamt, das aus dem eigenen Land versteht sich.

Nun gibt es in Schweden keine nennenswerte kommunistische Bewegung mehr. Die ehemalige kommunistische Partei hat sich schon 1990 zur Linkspartei umbenannt und sich danach ein neues Programm verpasst, in dem nicht mehr viel vom Klassenkampf zu lesen ist. Die Partei ist immer noch im Reichstag vertreten, kämpft aber in zunehmenden Maß gegen die 4 Prozent-Hürde an. Auch das große Land im Osten wird im Kriegsfall kaum unter der roten Fahne einmarschieren. Eine tatsächliche Bedrohung scheint mir da nicht vorhanden zu sein und die Furcht daher etwas übertrieben.

Ganz anders verhält es sich da mit dem Skatteverket (Finanzamt). Die weitverbreitete Angst scheint in diesem Fall nicht immer unbegründet zu sein. In den Zeitungen liest man regelmäßig von Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen wegen Steuerhinterziehungen, bevorzugt gegen Prominente. Unvergessen ist beispielsweise die Anzeige des Finanzamts gegen Daniel Westling, nunmehr Herzog von Västergötland, als er es wagte, eine Golfausrüstung und Umzugskosten als Ausgaben für seine Fitnessfirma geltend zu machen und mit einer nicht geringen Strafzahlung bedacht wurde.

Ich glaube nicht, dass die Schweden im Vergleich zu den Deutschen viel mehr Steuerbetrug begehen. Die Gründe dafür liegen wohl eher in einer konsequenteren Strafverfolgung und in der forcierten Berichterstattung darüber. Kein Wunder, dass dann gewisse Vorbehalte gegen diese staatliche Institution entstehen. Allenthalben hört man außerdem die Klage, man lebe im Land mit den höchsten Steuersätzen der Welt. Das dringt einen beinahe häufiger zu Ohren, als Klagen über das schlechte Wetter. Man könnte meinen, die Bewohner Schwedens litten unter unmenschlichen Bedingungen.

Daher ist es angebracht an dieser Stelle die Fakten sprechen zu lassen. Die gesamten entrichteten Steuern beliefen sich im Jahr 2009 auf 1450 Milliarden (Mrd.)schwedischen Kronen, also auf rund 161 Mrd. Euro. Für den selben Zeitraum veröffentlichte das Statistische Bundesamt zu Wiesbaden für Deutschland ein Gesamtbetrag in Höhe von 524 Mrd. EUR. Grob überschlagen entrichtete ein Mensch in Schweden vorletztes Jahr also durchschnittlich 17500 EUR an Steuern, der Mensch in Deutschland 6469 EUR. Auf den ersten Blick ein erschütternder Befund aus schwedischer Sicht. Die hilflose Wut mancher Leute scheint daher nun verständlich. Aber auf den zweiten Blick relativiert sich die Sache. Denn so einfach ist dieser Vergleich nicht.

Denn kein Arbeitnehmer zahlt Sozialversicherungsbeiträge in diesem Land. Niemand entrichtet Beiträge an eine Krankenkasse oder an die Rentenversicherung. Die Wohnsitzaufnahme im Land reicht normalerweise aus, die zugegebenermaßen nicht optimale Krankenversorgung in Anspruch zu nehmen. Auch die Renten werden aus diesem großen Steuertopf entnommen und ausgezahlt.

Leider liegen für 2009 keine ausreichenden aktuellen Daten zu den Sozialversicherungsbeiträgen aus Deutschland vor. Sie werden sicherlich mindestens 500 Mrd. Euro betragen haben. Rechnet man diese Zahl in unsere Rechnung mit ein, sieht der Vergleich nicht mehr ganz so düster für den Steuerpflichtigen in Skandinavien aus.

Nichtsdestotrotz ist der Unterschied weiter vorhanden. Das liegt sicherlich an vielerlei Dingen. Aber vorallem an den politischen Willen Steuern konsequent einzufordern und auch einzutreiben. Auch wenn man in den letzten Jahren bei den Regierungsparteien den Versuch beobachten kann, die Steuersätze zu vermindern, ist es noch weit verbreitete Meinung, dass zur Aufrechterhaltung der staatlichen Aufgaben ein gewisser Steuerzufluss notwendig ist.

Schweden ist ein großes und dünnbesiedeltes Land mit der ein oder anderen geographischen Herausforderung. Die Kosten zum Bau oder der Pflege der Infrastruktur und anderen Dingen liegen oft höher als auf dem Kontinent. Die Kommunalsteuersätze in den weniger dicht bevölkerten Gebieten sind daher auch häufig höher, als in den Ballungszentren um Stockholm, Malmö und Göteborg. Wer neulich mit mir die kostenlose Fähre nach Holmön nahm, versteht den Zusammenhang ohne weiteres. Nicht korrekt ist hingegen das Vorurteil das Land Schweden erbrächte höhere Sozialausgaben als Deutschland und müsste deshalb die Steuerschraube hochhalten. Nach den Statistiken der EU halten sich diese Ausgaben in beiden Ländern in etwa die Waage.

Eine Auffälligkeit in der hiesigen Steuergesetzgebung ist die nur selten anzutreffende Möglichkeit von Steuererleichterung oder Abschreibungsmöglichkeiten für gewisse Bevölkerungsgruppen. Es existiert kein Ehegattensplitting, keine Lohnsteuergruppen, keine Werbungskosten. Jeder steht für sein eigenes Einkommen in der Verantwortung. Dabei steigt der Steuersatz ab bestimmten Grenzbeträgen weiter an. Bis zu einem Spitzensteuersatz von 56,6 % (Deutschland 47,5%). Der Durchschnittsverdiener entrichtet etwa 30-34 % (je nach Kommune) seines Einkommens an das Finanzamt. Eine weitere Besonderheit, auch auf Sozialleistungen wie Krankengeld, Arbeitslosengeld, etc. werden Steuern erhoben.

Die Einfachheit des Systems hat den Vorteil, dass das Finanzamt in den meisten Fällen den Vorsteuerbescheid im Folgejahr direkt an den „Kunden“ verschickt. Der braucht dessen Richtigkeit nur noch bestätigen, gern per SMS oder im Internet, und erhält etwas später den endgültigen Bescheid und evtl. eine Steuerrückzahlung. Mühsame Tage mit dem Ausfüllen von Steuererklärungen kennen Schweden daher nicht.

Über Abschreibungsmöglichkeiten kann sich hauptsächlich und auf wundersamer Weise nur der größte Kritiker des Skatteverket freuen. Denn für Eigenheimbesitzer besteht bisher die Möglichkeit die Zinsen für die Kreditaufnahme zum Immobilienkauf zumindest teilweise von der Steuer abzusetzen. Der überhitzte Immobilienmarkt lässt die derzeitige Regierung überlegen diese Regelung einzuschränken und stattdessen die Kapitalsteuer zu senken.

Weiterhin kann der Schwede, der da in seinem Eigenheim sitzt, allerlei Umbaumaßnahmen an seinem Häuschen von der Steuer absetzen, genauso wie haushaltnahe Dienste. Da weitere Abschreibungsmöglichkeiten in der schwedischen Steuergesetzgebung fehlen, ist es schon erstaunlich, dass gerade dieser Personenkreis in meinen Ohren am lautesten über das Finanzamt schimpft.

Ungeachtet aller Beschwerden oder der Furcht vor ungerechten Steuerbescheiden bleibt festzustellen, dass Schweden mit einem Defizit von 0,5 % beinahe einen ausgeglichenen Haushalt besitzt (Deutschland 3,3 %, mit steil steigender Tendenz) und sich deshalb mit vollem Stolz als europäischer Spitzenreiter bezeichnen darf.
Vielleicht hilft das ja den einen oder anderen Schweden in seinem Eigenheim mit mehr Gelassenheit an das Thema heranzugehen, ebenso wie den einen oder anderen klagenden Bürger Deutschlands. God fortsättning!