Montag, 8. August 2011
Ausschnitte (Teil III)
Der Juli ist also in vielen Teilen Deutschlands ins Wasser gefallen. Man hört ja die dollsten Geschichten von Seen, wo vorher keine waren und von Orten, die nun leicht mit dem Boot zu erreichen sind und so weiter. Ich will ehrlich sein und nur das verkünden was sowieso jeder weiß: der August vermag da auch nicht mehr viel rauszuholen. Diesen Sommer kann man mit Sicherheit abschreiben, jedenfalls sofern man sich in den gebeutelten Regionen herumtreibt.
Auch Schweden hatte im Juli seine Rekordregengebiete. Der Süden soll immerhin mit 300 Prozent der sonst üblichen Regenmengen beglückt worden sein. Während es gleichzeitig in Stockholm fast überhaupt keinen Niederschlag gab.
Wie der Zufall es so will, hatten wir uns vorher entschlossen Stockholm zu verlassen und unseren Urlaub im Süden des Landes zu verbringen.
Um es kurz zu fassen, wir erlebten den einen oder anderen sonnigen Tag, aber auch Herbststürme mitten im Sommer und ausgiebige Regenfälle. Man könnte von Pech oder Unglück reden, aber das trifft es nicht. Wir erholten uns nämlich prächtig, sahen Ecken von Schweden, die wir noch nicht kannten und hatten viele Erlebnisse, die, zumindest in Teilen, an dieser Stelle in der Zukunft erwähnt werden. Und trotz der gelegentlich nassen Füße spielte das Wetter dabei nur eine geringe Rolle.
Heute möchte ich hier nur kurz über einige neue Erkenntnisse berichten, die sich mir aufdrängten, als wir ständig zwischen guten und grausigen Wetter, zwischen Wildnis und Zivilisation und zwischen den Kulturen hin und her pendelten.
In der Wildnis, dort wo ausgedehnte Schlaglöcher den Charakter der wenigen Straßen bestimmen, die Häuser schon lange keinen Falun-Rot-Anstrich erhalten haben und windschief dem erwähnten Sommerwetter trotzen, die Mobiltelefone wegen fehlendem Empfang nutzlos sind und wo in den dichten Wäldern die Trolle zu Hause sind, dort trafen wir fast ausschließlich Touristen aus Deutschland und Holland.
Bei einer Wanderung durch den schön anzusehenden Nationalpark Tiveden beispielsweise begegneten wir in regelmäßigen Abständen Bayern, Friesen, Sachsen und andere Menschen vom Kontinent, aber keinen einzigen Einheimischen. Erschreckend daran war die häufig vorkommende Gewohnheit dieser Nationalparkserwanderer die eigenen Gesichtszüge entgleiten zu lassen, sobald man gewahr wurde, dass der Mensch gegenüber ein Landsmann ist. Eben noch im Wald in deutscher Sprache herumschreiend, verstummten diese Zeitgenossen, wenn man freundlich grüßte und schafften es auch nicht den Mund zu öffnen, wenn man nach den Weg fragte.
Mitunter gewann ich den Eindruck, es müsse sich um eine Epidemie handeln, weil Ort und Zeit dabei keine Rolle spielten und kaum einmal jemand Freude zeigte mit Fremden in derselben Muttersprache zu reden. Ein bisschen will ich das verstehen. Man reist nach Schweden, will alles von Zuhause in den paar Urlaubstagen vergessen und seine verdiente Ruhe genießen. Das sollte aber noch lange kein Grund sein die gute Erziehung zu vergessen, denn andere erinnern sich trotzdem an die Gebote der Höflichkeit. Diese wenigen Ausnahmen seien hiermit gegrüßt.
Einheimische trafen wir dann wieder in den beschaulichen Urlaubsorten wie Hjo, Karlsborg, Mariestad, Gränna und anderen Städtchen rund um die großen Seen. Überall dort wo eine Infrastruktur existiert: Restaurationen, Eisläden, Hotels, Alkoholgeschäfte. Ansonsten herrschen in deren Umgebungen ansehnliche Kulturlandschaften vor. Felder, Wiesen, gepflegte Strände. Von den Trollen findet sich hier keine Spur mehr. Was Kinderseelen durchaus zu schätzen wissen.
Die Menschen sind hier vorwiegend in Urlaubslaune, gesprächig und sozial. Während Deutsche und Holländer an den Stränden nicht weit genug von einander weg sitzen konnten, auch wenn die Seeufer sonst menschenleer waren, setzten sich die Einheimischen stets in die Nähe der schon Anwesenden. Ganz nach dem Motto: wo schon jemand sitzt, kann es so schlecht nicht sein.
Da ist es nicht verwunderlich, dass die Einheimischen und auch die oben genannten Ausnahmen schnell in Kontakt zueinander kommen. Die alten Vorurteile von den kalten und gesprächsfaulen Schweden lösen sich da im Nichts auf, zumindest jetzt im Sommer.
Trotz allem wünsche ich allen Lesern wenigstens noch ein paar sonnige Tage.
Max Kenner, Stockholm.
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