Montag, 29. August 2011

Pension der Woche








An einem Sonntagabend am Ende des Sommers. Es regnet in Strömen. Der Wind treibt die tiefhängenden und prallgefüllten Wolken knapp über die kaum befahrene Straße im härjedalischen Fjällen. Irgendwo da oben verstecken sich wohl die vom Eis abgeschliffenen Gipfel, die so typisch sind für das schwedische Gebirge, und auch die weiten Hochebenen, auf denen sich die einzige Population von Moschusochsen in Schweden herumtreiben soll.

Wir aber sehen gerade nicht viel mehr, als die Straße und die herbstlich gefärbten Bäume am Rand.
Nach der langen Fahrt sind wir erschöpft und hungrig und wir halten deshalb unruhig Ausschau nach einer Gelegenheit der Rast noch vor der norwegischen Grenze.
Beim Erreichen einer Häuseransammlung namens Fjällnäs fällt uns endlich ein Schild ins Auge, das Speise und Übernachtung verspricht. Es weist den Berg hinab zur Pension Strandgården.
Ganz sachte rollt das Auto den steilen Hang hinunter.

Alles wirkt wie ausgestorben. Wir zögern einen Augenblick. Das Thermometer des Autos zeigt mittlerweile eine Außentemperatur von plus 8 Grad Celsius an. Auch hier oben hatten wir den Spätherbst überhaupt nicht erwartet. Der Hunger und die Neugier obsiegen. Wir schnappen uns unsere dünnen Regenjacken und eilen beherzt zum Eingang der Pension.

Auch im Inneren regt sich zuerst einmal nichts. Aber es ist warm und nach dem Betätigen der Klingel an der kleinen Rezeption werden wir freundlich empfangen.
Natürlich gäbe es noch genügend Platz zum Schlafen, da wir ja die einzigen Gäste seien, beantwortet man unser Begehr nach einer Übernachtungsmöglichkeit.
Als nächstes fragt man uns, ob wir noch Hunger hätten.
Als wir hoffnungsvoll bejahen, bittet man uns um Verständnis, da die Küche „kalt“ sei. In einer Stunde würde man jedoch was Gutes gekocht haben. Wir einigen uns auf irgendetwas mit Rentier.

Erleichtert besteigen wir die Treppe zu unserem Zimmer hinauf. Das Haus ist schon etwas älter, aber in einem sehr guten Zustand und augenscheinlich vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden.
Am Ende des Gangs liegt unser Zimmer für die Nacht. Wir nehmen es nur kurz in Besitz und ziehen uns dann warm an.

Um nämlich die Zeit bis zum Essen zu überbrücken, wollen wir einen Spaziergang wagen. Draußen pfeift der Wind und treibt uns die Regentropfen ins Gesicht. Außer ein paar Lemmingen und dem See Malmagen ist jedoch nicht viel zu erkennen. Angesichts des ekelhaften Wetters drehen wir nach einigen hundert Metern wieder um.

Tatsächlich ist das Abendessen bei unserer Rückkehr bereits bereitet. Im gemütlich eingerichteten Essensteil der Pension setzen wir uns ans Fenster mit Aussicht zum sturmgepeitschten See.
Der Koch hat die Zeit genutzt und aus Kartoffeln, Trüffel und Rentierfleisch ein vorzügliches Gericht gezaubert. Dazu serviert er uns verschiedene Biere aus der Region.

Während draußen weiter der Wind pfeift, wird uns nun schön warm und wir beginnen uns zu wundern, wie man im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet, in der härjedalischen Wildnis, auf 800 Metern über dem Meeresspiegel dermaßen engagiert kochen kann. Es wirkt wie eine entschlossene fjällländische Antwort auf Eskil Erlandssons berühmte Initiative zur Förderung des Gourmetlands Schweden.

Gesättigt, müde und froh verschwinden wir auf unser Zimmer. Mit Freude stellen wir fest, dass die Heizung der Pension auch im Sommer benutzbar ist. Das Bettzeug lädt zum Einmurmeln ein. Und dann sind wir auch schon eingeschlafen.



Aussicht von der Veranda der Pension



Am nächsten Morgen zeigt sich der Fjäll von seiner allerschönsten Seite. Der blaue Himmel ziert sich mit einigen weißen Wölkchen und die Sonne bescheint das ganze Tal. Endlich lassen sich die Gipfel der Umgebung bewundern. Noch vor dem Frühstück bietet sich für uns ein erfrischendes Bad im See Malmagen an, auch wenn die Wassertemperatur keinesfalls als angenehm zu bezeichnen ist.

Der Koch des Hauses hat in der Zwischenzeit das Frühstücksbuffet vorbereitet. Wir setzen uns wieder ans Fenster mit Aussicht. Das Buffet für die einzigen Gäste des Hauses hätte indes kaum größer und vielseitiger ausfallen können. Wir essen so viel wie wir können. Wären wir noch eine Woche länger geblieben, wer weiß, vielleicht hätten wir dann alles geschafft.

Aber leider ruft nach dem Frühstück schon wieder die Straße in Richtung Norwegen. Wir begleichen die für schwedische Verhältnisse annehmbare Rechnung für unseren Aufenthalt und nehmen die guten Wünsche des Gastgebers entgegen. Nach nur 8 Kilometern passieren wir schon die innerskandinavische Grenze. Vor uns liegt nun Norwegen.


Sollten Sie die Wahl haben, besuchen sie das Pensionat Strandgården in Fjällnäs direkt am Riksväg 84.
Von Dienstag bis Sonnabend führt man dazu ganz regulär ein Restaurant. Saison ist eigentlich der Winter. Die anderen Jahreszeiten haben sicher auch ihre Vorteile, zumal die Region Härjedalen landschaftlich sehr reizvoll ist.


Internetauftritt der Pension



Montag, 8. August 2011

Ausschnitte (Teil III)




Der Juli ist also in vielen Teilen Deutschlands ins Wasser gefallen. Man hört ja die dollsten Geschichten von Seen, wo vorher keine waren und von Orten, die nun leicht mit dem Boot zu erreichen sind und so weiter. Ich will ehrlich sein und nur das verkünden was sowieso jeder weiß: der August vermag da auch nicht mehr viel rauszuholen. Diesen Sommer kann man mit Sicherheit abschreiben, jedenfalls sofern man sich in den gebeutelten Regionen herumtreibt.

Auch Schweden hatte im Juli seine Rekordregengebiete. Der Süden soll immerhin mit 300 Prozent der sonst üblichen Regenmengen beglückt worden sein. Während es gleichzeitig in Stockholm fast überhaupt keinen Niederschlag gab.
Wie der Zufall es so will, hatten wir uns vorher entschlossen Stockholm zu verlassen und unseren Urlaub im Süden des Landes zu verbringen.

Um es kurz zu fassen, wir erlebten den einen oder anderen sonnigen Tag, aber auch Herbststürme mitten im Sommer und ausgiebige Regenfälle. Man könnte von Pech oder Unglück reden, aber das trifft es nicht. Wir erholten uns nämlich prächtig, sahen Ecken von Schweden, die wir noch nicht kannten und hatten viele Erlebnisse, die, zumindest in Teilen, an dieser Stelle in der Zukunft erwähnt werden. Und trotz der gelegentlich nassen Füße spielte das Wetter dabei nur eine geringe Rolle.

Heute möchte ich hier nur kurz über einige neue Erkenntnisse berichten, die sich mir aufdrängten, als wir ständig zwischen guten und grausigen Wetter, zwischen Wildnis und Zivilisation und zwischen den Kulturen hin und her pendelten.

In der Wildnis, dort wo ausgedehnte Schlaglöcher den Charakter der wenigen Straßen bestimmen, die Häuser schon lange keinen Falun-Rot-Anstrich erhalten haben und windschief dem erwähnten Sommerwetter trotzen, die Mobiltelefone wegen fehlendem Empfang nutzlos sind und wo in den dichten Wäldern die Trolle zu Hause sind, dort trafen wir fast ausschließlich Touristen aus Deutschland und Holland.

Bei einer Wanderung durch den schön anzusehenden Nationalpark Tiveden beispielsweise begegneten wir in regelmäßigen Abständen Bayern, Friesen, Sachsen und andere Menschen vom Kontinent, aber keinen einzigen Einheimischen. Erschreckend daran war die häufig vorkommende Gewohnheit dieser Nationalparkserwanderer die eigenen Gesichtszüge entgleiten zu lassen, sobald man gewahr wurde, dass der Mensch gegenüber ein Landsmann ist. Eben noch im Wald in deutscher Sprache herumschreiend, verstummten diese Zeitgenossen, wenn man freundlich grüßte und schafften es auch nicht den Mund zu öffnen, wenn man nach den Weg fragte.

Mitunter gewann ich den Eindruck, es müsse sich um eine Epidemie handeln, weil Ort und Zeit dabei keine Rolle spielten und kaum einmal jemand Freude zeigte mit Fremden in derselben Muttersprache zu reden. Ein bisschen will ich das verstehen. Man reist nach Schweden, will alles von Zuhause in den paar Urlaubstagen vergessen und seine verdiente Ruhe genießen. Das sollte aber noch lange kein Grund sein die gute Erziehung zu vergessen, denn andere erinnern sich trotzdem an die Gebote der Höflichkeit. Diese wenigen Ausnahmen seien hiermit gegrüßt.

Einheimische trafen wir dann wieder in den beschaulichen Urlaubsorten wie Hjo, Karlsborg, Mariestad, Gränna und anderen Städtchen rund um die großen Seen. Überall dort wo eine Infrastruktur existiert: Restaurationen, Eisläden, Hotels, Alkoholgeschäfte. Ansonsten herrschen in deren Umgebungen ansehnliche Kulturlandschaften vor. Felder, Wiesen, gepflegte Strände. Von den Trollen findet sich hier keine Spur mehr. Was Kinderseelen durchaus zu schätzen wissen.

Die Menschen sind hier vorwiegend in Urlaubslaune, gesprächig und sozial. Während Deutsche und Holländer an den Stränden nicht weit genug von einander weg sitzen konnten, auch wenn die Seeufer sonst menschenleer waren, setzten sich die Einheimischen stets in die Nähe der schon Anwesenden. Ganz nach dem Motto: wo schon jemand sitzt, kann es so schlecht nicht sein.

Da ist es nicht verwunderlich, dass die Einheimischen und auch die oben genannten Ausnahmen schnell in Kontakt zueinander kommen. Die alten Vorurteile von den kalten und gesprächsfaulen Schweden lösen sich da im Nichts auf, zumindest jetzt im Sommer.

Trotz allem wünsche ich allen Lesern wenigstens noch ein paar sonnige Tage.

Max Kenner, Stockholm.

Mittwoch, 3. August 2011

Ausschnitte (Teil II)



Südschweden im Sommer








Menschenleerer Strand in Skåne, genauer Ort: Geheim






Nicht Elch, sondern Bison. Bisonfarm in Gate, Västra Götaland






Einer von den "Roten", See Äbydammen in Finnerödja






Tiveden Nationalpark






Aussicht zur Ostsee, Löderup Strandbad in Skåne