Mittwoch, 26. Januar 2011

Partnerschaften in Zeiten des Wohnungsmangels



Die Beweggründe zum Eingehen einer Partnerschaft sind noch vielfältiger, als die Beweggründe nach Schweden zu verziehen. Das ganze Spektrum reicht von den glücklichen Paaren, die sich aus bedingungsloser Liebe aneinander binden, über die mit bestimmten sexuellen Vorlieben, oder die mit Sehnsucht nach Nestwärme in den Unbilden des Lebens, bis zu denen, die sich irgendeinen Vorteil, meistens materieller Art, versprechen. Um uns das Einordnen in Schubladen zusätzlich zu erschweren, finden sich dazwischen natürlich viele gräuliche Schattierungen.

Einer moralische Wertung über die Welt der Partnerschaften möchte ich mich enthalten. Das können andere Leute mit noch mehr Weitblick tun. Das Entscheidende, um an dieser Stelle erwähnt zu werden, ist ein vorhandener Unterschied zu deutschen Verhältnissen. Das Auslassen von glücklichen Paaren und denen mit sexuellen Vorlieben soll mir heute deshalb verziehen sein.

Während in Deutschland, soweit ich mich erinnern kann, gelegentlich eine Ehe eingegangen wird, um den berechnenden Partner einen gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen oder Vermögen zu erwerben, und diese Vorgänge auch durchaus in Schweden geschehen können, bereichern uns die Stockholmer mit einer weiteren Möglichkeit eine Verbindung einzugehen, nur um sich einen materiellen Vorteil zu sichern.

Wir haben hier ein Wohnungsproblem, manche benennen es Wohnungsnot. Ich nenne es Frechheit und Verstoß gegen ein Menschenrecht. Stockholms Stadtbevölkerung wächst durchschnittlich um 17000 Menschen im Jahr, auf heute etwa 848´000, ohne den Speckgürtel hinzuzurechnen. Die Hauptstadt Schwedens bewegt sich damit auf einem Level mit Städten wie Marseille und Diyarbakir.
Doch dessen ungeachtet bleibt festzuhalten, dass die Anzahl der Neubauten mit diesem Wachstum bei weitem nicht Schritt hält.

Bereits seit der Krise Anfang der Neunziger Jahre, als man begann gegen das staatliche Defizit vorzugehen, wurden nicht mehr, der wachsende Zahl der Menschen entsprechend, ausreichend Wohnungen gebaut. Hinzu kommt die massive Privatisierung von Immobilien seit dieser Zeit. Die Schere zwischen Leuten die Wohnraum suchen und dem tatsächlichen Angebot tut sich zum Unglück für viele deshalb immer weiter auf.

Die Folgen sind bekannt: die Preise für Bostadsrätter, der schwedischen Version von Eigentumswohnungen, steigen. Vorallem im Innenstadtbereich, wo viele hinziehen möchten, schossen die Preise nach oben und bewegen sich heute bei beachtlichen 60000 Kronen (rund 6740 EUR) per Quadratmeter. Innerstädtische Mietwohnungen sind sehr rar und erst nach langer Wartezeit, die sich nach Jahrzehnten misst, zu erhalten. Bleibt dem Unvermögenden nur in den sauren Apfel zu beißen und eine Wohnung bzw. ein Wohnrecht auf Kredit zu kaufen.

Doch auch in Schweden ist es nicht leicht die prüfenden Angestellten einer Bank von seiner finanziellen Unbescholtenheit zu überzeugen. Diese Leute sehen es überaus gern, wenn man in geordneten Verhältnissen lebt, zum Beispiel verheiratet ist oder in einer eheähnlichen Beziehung lebt. Der Partner darf gern auch genügend verdienen, schließlich sollen die 5 Millionen Kronen für eine Wohnung mit 3 Zimmern wenigstens dem Anschein nach irgendwann abbezahlt werden.

Es ist also kein Wunder, dass man gelegentlich gezwungen ist, über seinen eigenen Schatten zu springen, wenn das die eigenen Träume und Vorstellungen erfordern. Oder noch besser gesagt, dass man ungewöhnliche Ideen entwickeln muss, um an eine neue Behausung in Zentrumsnähe zu gelangen. Und so trifft man manchmal in dieser Stadt ein Pärchen, das zwar eine Wohnung in zentraler Lage sein eigen nennt, aber sonst nicht unbedingt dem Bild einer glücklich eingegangenen Beziehung entspricht.

Denn auf auffälliger Weise besteht deren Zusammenleben vorwiegend auf gegenseitige Abtrennung. Diese Partner haben ein getrenntes Budget (die Schweden nennen das Ekonomi), verschiedene Freundeskreise, verschiedene Freizeitvergnügen und Hobbys, verschiedene Vorlieben für dies und das. Ins Auge fällt die fehlende Zärtlichkeit und Verbundenheit zwischen den Beiden. Mitunter gewinnt man den Eindruck von Kälte und Abneigung. Was ist da von Partnerschaft noch übrig?

Genau! Als Gemeinsamkeit bleibt nur die ansehenserheischende Wohnung in der Innenstadt. Und natürlich der gemeinsam erhaltende und abzuzahlende Kredit. Die materiellen Vorteile dieser Art von Beziehung sind unübersehbar, verständlich und erklärbar. Die offensichtlichen Defizite in diesen Zweckgemeinschaften aber auch.
Als unabhängiger Beobachter liegt es daher nahe, den einzigen Grund für diese Art von Beziehung in der gegenseitigen Hilfe beim Erlangen einer Innenstadtwohnung zu erkennen.

Fairerweise sind die anfangs erwähnten Grauschattierungen nicht einfach unter den Tisch zu kehren. Die einen gehen schon mal gemeinsam Essen, manche machen Urlaub zusammen. Vielleicht entwickelt sich ja in den Jahren oder Jahrzehnten der gemeinsamen Nutzung der Wohnung so etwas wie Zuneigung oder sogar Liebe. Das „Aneinander vorbei leben“ ist jedoch stets nicht zu übersehen. Ebenso die fehlenden Kinder. Und es stellt sich die Frage, wie lange geht so etwas gut? Schließlich ist man auf Geld und Vermögen für ewig aneinander gebunden.

Zum großen Problem des Wohnungsmangels fallen Wohnungsminister Stefan Attfall nur die üblichen Sprechblasen ein. Der Profit einiger, wie zum Beispiel der Banken und der Makler, ist damit für die folgenden Jahre sichergestellt.
Die Ankündigung von Experten, Stockholm wachse bevölkerungsmäßig in den nächsten 20 Jahren um die Größe eines Göteborgs, erzeugt bei kleingeistigen Urstockholmern viel Stolz, bei den schon jetzt beengt Wohnenden viel Schweiß auf der Stirn und bei dem einen oder anderen Wohnungssuchenden den Gedanken, warum sich nicht mit jemanden zusammen tun um sich eine schicke Wohnung zu kaufen. Es könnte ja noch teurer werden. Der Nachwuchs für merkwürdige Partnerschaften scheint da ebenfalls gesichert.


Nachtrag vom 27.01.11: Die Zeitung Stockholm City veröffentlichte heute die aktuelle Statistik.
In der Stockholmer Innenstadt gibt es noch 67443 Mietwohnungen. Das sind 37 Prozent des Gesamtbestandes an Wohnungen. Die anderen 63 Prozent sind demnach Bostadsrätter bzw. Eigentumswohnungen.
Und noch eine weitere Zahl: die privaten Haushalte Schwedens sind mit 2369 Milliarden Kronen verschuldet. Ganze 80 Prozent dieses Betrages bestehen aus Immobilienkrediten.

Dienstag, 11. Januar 2011

Steuern! Steuern! Steuern! - Die Realität im Steuerland Schweden



…Skatt är S T Ö LD… (Steuern sind Diebstahl)

Kommentar eines Lesers der Zeitung Dagens Industri zum Regierungsvorschlag die befürchtete Immobilienblase mit geringeren Steuern auf Kapitalerträge zu bekämpfen.




Nach meiner Erfahrung fürchtet der gemeine Schwede, der da in seinem gemütlichen Eigenheim sitzt, eigentlich nur zwei Dinge auf Erden. Zum einen wäre das der Kommunismus. Diese dunkle Bedrohung, bevorzugt aus dem großen Land im Osten, die scheinbar jederzeit die schwedischen Idylle bedroht und immer noch als Gespenst in vielen Köpfen umgeht. Und zum anderen wäre da das Finanzamt, das aus dem eigenen Land versteht sich.

Nun gibt es in Schweden keine nennenswerte kommunistische Bewegung mehr. Die ehemalige kommunistische Partei hat sich schon 1990 zur Linkspartei umbenannt und sich danach ein neues Programm verpasst, in dem nicht mehr viel vom Klassenkampf zu lesen ist. Die Partei ist immer noch im Reichstag vertreten, kämpft aber in zunehmenden Maß gegen die 4 Prozent-Hürde an. Auch das große Land im Osten wird im Kriegsfall kaum unter der roten Fahne einmarschieren. Eine tatsächliche Bedrohung scheint mir da nicht vorhanden zu sein und die Furcht daher etwas übertrieben.

Ganz anders verhält es sich da mit dem Skatteverket (Finanzamt). Die weitverbreitete Angst scheint in diesem Fall nicht immer unbegründet zu sein. In den Zeitungen liest man regelmäßig von Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen wegen Steuerhinterziehungen, bevorzugt gegen Prominente. Unvergessen ist beispielsweise die Anzeige des Finanzamts gegen Daniel Westling, nunmehr Herzog von Västergötland, als er es wagte, eine Golfausrüstung und Umzugskosten als Ausgaben für seine Fitnessfirma geltend zu machen und mit einer nicht geringen Strafzahlung bedacht wurde.

Ich glaube nicht, dass die Schweden im Vergleich zu den Deutschen viel mehr Steuerbetrug begehen. Die Gründe dafür liegen wohl eher in einer konsequenteren Strafverfolgung und in der forcierten Berichterstattung darüber. Kein Wunder, dass dann gewisse Vorbehalte gegen diese staatliche Institution entstehen. Allenthalben hört man außerdem die Klage, man lebe im Land mit den höchsten Steuersätzen der Welt. Das dringt einen beinahe häufiger zu Ohren, als Klagen über das schlechte Wetter. Man könnte meinen, die Bewohner Schwedens litten unter unmenschlichen Bedingungen.

Daher ist es angebracht an dieser Stelle die Fakten sprechen zu lassen. Die gesamten entrichteten Steuern beliefen sich im Jahr 2009 auf 1450 Milliarden (Mrd.)schwedischen Kronen, also auf rund 161 Mrd. Euro. Für den selben Zeitraum veröffentlichte das Statistische Bundesamt zu Wiesbaden für Deutschland ein Gesamtbetrag in Höhe von 524 Mrd. EUR. Grob überschlagen entrichtete ein Mensch in Schweden vorletztes Jahr also durchschnittlich 17500 EUR an Steuern, der Mensch in Deutschland 6469 EUR. Auf den ersten Blick ein erschütternder Befund aus schwedischer Sicht. Die hilflose Wut mancher Leute scheint daher nun verständlich. Aber auf den zweiten Blick relativiert sich die Sache. Denn so einfach ist dieser Vergleich nicht.

Denn kein Arbeitnehmer zahlt Sozialversicherungsbeiträge in diesem Land. Niemand entrichtet Beiträge an eine Krankenkasse oder an die Rentenversicherung. Die Wohnsitzaufnahme im Land reicht normalerweise aus, die zugegebenermaßen nicht optimale Krankenversorgung in Anspruch zu nehmen. Auch die Renten werden aus diesem großen Steuertopf entnommen und ausgezahlt.

Leider liegen für 2009 keine ausreichenden aktuellen Daten zu den Sozialversicherungsbeiträgen aus Deutschland vor. Sie werden sicherlich mindestens 500 Mrd. Euro betragen haben. Rechnet man diese Zahl in unsere Rechnung mit ein, sieht der Vergleich nicht mehr ganz so düster für den Steuerpflichtigen in Skandinavien aus.

Nichtsdestotrotz ist der Unterschied weiter vorhanden. Das liegt sicherlich an vielerlei Dingen. Aber vorallem an den politischen Willen Steuern konsequent einzufordern und auch einzutreiben. Auch wenn man in den letzten Jahren bei den Regierungsparteien den Versuch beobachten kann, die Steuersätze zu vermindern, ist es noch weit verbreitete Meinung, dass zur Aufrechterhaltung der staatlichen Aufgaben ein gewisser Steuerzufluss notwendig ist.

Schweden ist ein großes und dünnbesiedeltes Land mit der ein oder anderen geographischen Herausforderung. Die Kosten zum Bau oder der Pflege der Infrastruktur und anderen Dingen liegen oft höher als auf dem Kontinent. Die Kommunalsteuersätze in den weniger dicht bevölkerten Gebieten sind daher auch häufig höher, als in den Ballungszentren um Stockholm, Malmö und Göteborg. Wer neulich mit mir die kostenlose Fähre nach Holmön nahm, versteht den Zusammenhang ohne weiteres. Nicht korrekt ist hingegen das Vorurteil das Land Schweden erbrächte höhere Sozialausgaben als Deutschland und müsste deshalb die Steuerschraube hochhalten. Nach den Statistiken der EU halten sich diese Ausgaben in beiden Ländern in etwa die Waage.

Eine Auffälligkeit in der hiesigen Steuergesetzgebung ist die nur selten anzutreffende Möglichkeit von Steuererleichterung oder Abschreibungsmöglichkeiten für gewisse Bevölkerungsgruppen. Es existiert kein Ehegattensplitting, keine Lohnsteuergruppen, keine Werbungskosten. Jeder steht für sein eigenes Einkommen in der Verantwortung. Dabei steigt der Steuersatz ab bestimmten Grenzbeträgen weiter an. Bis zu einem Spitzensteuersatz von 56,6 % (Deutschland 47,5%). Der Durchschnittsverdiener entrichtet etwa 30-34 % (je nach Kommune) seines Einkommens an das Finanzamt. Eine weitere Besonderheit, auch auf Sozialleistungen wie Krankengeld, Arbeitslosengeld, etc. werden Steuern erhoben.

Die Einfachheit des Systems hat den Vorteil, dass das Finanzamt in den meisten Fällen den Vorsteuerbescheid im Folgejahr direkt an den „Kunden“ verschickt. Der braucht dessen Richtigkeit nur noch bestätigen, gern per SMS oder im Internet, und erhält etwas später den endgültigen Bescheid und evtl. eine Steuerrückzahlung. Mühsame Tage mit dem Ausfüllen von Steuererklärungen kennen Schweden daher nicht.

Über Abschreibungsmöglichkeiten kann sich hauptsächlich und auf wundersamer Weise nur der größte Kritiker des Skatteverket freuen. Denn für Eigenheimbesitzer besteht bisher die Möglichkeit die Zinsen für die Kreditaufnahme zum Immobilienkauf zumindest teilweise von der Steuer abzusetzen. Der überhitzte Immobilienmarkt lässt die derzeitige Regierung überlegen diese Regelung einzuschränken und stattdessen die Kapitalsteuer zu senken.

Weiterhin kann der Schwede, der da in seinem Eigenheim sitzt, allerlei Umbaumaßnahmen an seinem Häuschen von der Steuer absetzen, genauso wie haushaltnahe Dienste. Da weitere Abschreibungsmöglichkeiten in der schwedischen Steuergesetzgebung fehlen, ist es schon erstaunlich, dass gerade dieser Personenkreis in meinen Ohren am lautesten über das Finanzamt schimpft.

Ungeachtet aller Beschwerden oder der Furcht vor ungerechten Steuerbescheiden bleibt festzustellen, dass Schweden mit einem Defizit von 0,5 % beinahe einen ausgeglichenen Haushalt besitzt (Deutschland 3,3 %, mit steil steigender Tendenz) und sich deshalb mit vollem Stolz als europäischer Spitzenreiter bezeichnen darf.
Vielleicht hilft das ja den einen oder anderen Schweden in seinem Eigenheim mit mehr Gelassenheit an das Thema heranzugehen, ebenso wie den einen oder anderen klagenden Bürger Deutschlands. God fortsättning!