Montag, 13. Dezember 2010
USA´s Werk und Schwedens Beitrag- Schweden in den Wikileaksdokumenten
Die Veröffentlichungen von Wikileaks hatten aus deutscher Sicht, neben den zu Unrecht in den Vordergrund gestellten Tratschgeschichten, doch interessante Wahrheiten ans Tageslicht gebracht. Dazu zählt sicherlich, dass Friedbert Pflüger, letzter CDU-Kandidat für die Wahl zum Berliner Bürgermeister, ohne weitere Begründung als besonders zu schützende Quelle benannt wird und diese Quelle im Oktober zufällig oder in weiser Voraussicht seine politische Laufbahn beendet hat. Und dazu zählt zweifelsfrei die Bereitschaft der SPD, trotz anderslautender öffentlicher Aussagen, die Stärke der Bundeswehr in Afghanistan auszubauen.
Allein die hohe Zahl von Depeschen aus Berlin, München und Hamburg scheint die Arbeit der deutschsprachigen Medien noch auf Monate auszufüllen. Die Nichterwähnung der veröffentlichten Unterlagen mit einem Bezug zu Schweden ist daher verständlich.
Bisher (stand 13.12.2010) wurden lediglich 7 Depeschen aus der nordamerikanischen Botschaft zu Stockholm auf der Wikileaksseite herausgegeben. Zusätzlich scheinen einige schwedische Medien, wie die Tageszeitung Svenska Dagbladet, bereits seit dem Sommer Einblick in weitere Unterlagen gewährt bekommen zu haben. Immer wieder zitieren sie aus noch unbekannten Depeschen. Und dann liegen auch noch Dokumente aus anderen Botschaften vor, die in irgendeiner Form mit Schweden zu tun haben.
Tratsch über den Ministerpräsidenten
Natürlich berichten die Botschafter der Vereinigten Staaten ähnlichen Tratsch wie Herr Murphy aus Berlin. Dem Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt sagte man zum Beispiel eine Vorliebe für Hausarbeit nach, sowie einen übermäßigen Einfluss seiner Frau Filippa auf seine politische Meinung. Böse Kommentatoren behaupteten daraufhin, Schweden habe doch bereits die langersehnte weibliche Führung.
Der Erfinder von Wikileaks Julian Assange bezeichnete in einem Zeitungsinterview die Aufgabe der Neutralität Schwedens als eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dem sogenannten Cablegate.
In dem besagten Dokument wird in voller Offenheit über die Dreistigkeit der führenden schwedischen Politiker geschrieben, die nach außen hin die weitere Neutralität Schwedens propagierten und hinter verschlossenen Türen ganz bewusst viel enger mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiteten, als das das Mandat des schwedischen Reichstags zuließ. Des Botschafters Zusammenfassung lautete, Schweden werfe die Neutralität in den Mülleimer der Geschichte.
Die Opposition fordert nun dazu einen Untersuchungsausschuss, der sich zusätzlich damit beschäftigen soll, ob die Überwachung einheimischer Mitbürger durch nordamerikanische Sicherheitsdienste der Regierung bekannt war und unterstützt wurde, wie aus einer weiter Depesche zu entnehmen ist, oder ob das im „normalen“ Rahmen der Terrorabwehr geschah, wie das Schwedens Justizministerin Ask bezeichnete.
Natürlich ist die Aufgabe der Neutralität Schwedens nicht wirklich eine Neuigkeit, aber dass der Sozialdemokrat Urban Ahlin bei dem Botschafter der Vereinigten Staaten vorspricht um deren Mithilfe bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung zum Afghanistaneinsatz zu erbitten, offenbart die Sichtweise einer politischen Elite, die nicht mehr viel an die eines unabhängigen Staates erinnert.
Schwedens Iranpolitik
Aus einer weiteren Mitteilung aber geht hervor, dass die Aufgabe der eigenen Souveränität keine zwangsläufige Sache ist. Als 2006 die Vereinigten Staaten geheime Gefangenenflüge in Europa durchführten, signalisierte die damalige Regierung unter Göran Persson ihre Ablehnung. Soweit bekannt, haben seither solche Flüge über Schwedens Flughäfen nicht mehr stattgefunden.
Auch der Versuch nordamerikanischer Dienststellen der schwedischen Regierung eine Änderung ihrer Iranpolitik nahezulegen lief lange Zeit nicht gerade optimal aus Sicht der Vereinigten Staaten. Der Widerstand der Schweden gegen härtere Sanktionen der EU gegen den Iran führten die Mitarbeiter der Botschaft auf die enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen beiden Ländern zurück und auf die guten Kontakte des schwedischen Außenministers Carl Bildt nach Teheran. Mittlerweile haben die Staaten der EU die Sanktionen wie gewünscht verschärft.
Schwedens alte Gewohnheit als Vermittler zu fungieren, zeigte sich in einer Depesche aus Bogota in Kolumbien, in der vom dortigen Botschafter berichtet wird, dass sich Schweden als Verhandlungsort zwischen der kolumbianischen Regierung und der aufständischen FARC anbietet. Hinter den Kulissen prüfte man derzeit (02/2010) die Möglichkeiten eines sicheren Transports der FARC-Verhandlungsführer nach Schweden. In dem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass schon einmal im Jahr 2001 ein solches Treffen organisiert wurde.
Schwedens Randlage und seine geringe Größe erklären wohl die relativ geringe Zahl von Meldungen bei Wikileaks. Sollte sich noch das eine oder andere Schmankerl ergeben, halte ich sie natürlich auf dem Laufenden. Bleibt nur noch das schönste Zitat der Meldungen aus Stockholm festzuhalten. Leider müssen wir uns dabei auf dem glatten Boden des Tratsches begeben. Der bereits erwähnte Außenminister Carl Bildt wurde vom Botschafter als „medium size dog with big attitude“ (mittelgroßer Hund mit dem Benehmen eines Großen) beschrieben. Übereinstimmungen mit den Beschreibungen des Herrn Westerwelle sind sicher rein zufällig.
Besteht nicht nur Interesse an Diplomatenpost, sondern auch am Luftverkehr verweise ich gern auf http://www.flightradar24.com/
Donnerstag, 2. Dezember 2010
Über Urlaub in Schweden- oder die Lösung heißt Holmön (Teil 2)
Sollten sie meinen, ich wolle sie ins Bockshorn jagen, sie hinters Licht führen, sprich an der Nase herumführen, weil sie denken diese Geschichte vom schönen Archipel in der nördlichen Ostsee klingt viel zu schön um wahr zu sein und es handelt sich um eine Erfindung, dann meinen sie falsch. Wenn sie Holmön in ihrem alten geklauten Schulatlas nicht gefunden haben, liegt das nur an der Qualität ihres Nachschlagewerkes und nicht an meiner Boshaftigkeit.
Nordöstlich von Umeå, im Niemandsland mit dem Namen Norrfjärden, legt mehrmals täglich die dickbäuchige Fähre zur tatsächlich existierenden Insel Holmön ab. Der schwedische Staat hat großes Interesse daran, dass die Inseln des Landes weiterhin bewohnt bleiben. Deshalb werden viele bedeutende und unbedeutende Eilande von Schiffen des staatseigenen Trafikverket angesteuert. Die Beförderung der Passagiere erfolgt kostenlos. Schließlich soll die Sache auch Sinn machen. Als die Schönste und ich eines Tages das Boot zur Insel zum ersten Mal betreten, treiben uns die Neugier und gerade die Aussicht auf eine „kostengünstige“ Schiffsfahrt.
Das Meer ist hier oben oft freundlich, manchmal auch nicht. Aber ungeachtet der meisten Witterungsverhältnisse verrichtet das Boot Helena Elisabeth seinen Dienst und nach 40 Minuten Fahrt biegt man bereits in den von zwei Molen geschützten Hafen Byviken ein. Die wenigen anderen Fahrgäste verlaufen sich schnell. Nun kann man völlig ungestört Holmöarnas Zauberwelt eintauchen.
Am Hafen der Hauptinsel Holmön selbst befindet sich nur der legendäre Hamnkrogen (der Hafenkrug) und ein kleines Boot- und Heimatmuseum. An der hinteren Mole liegen ein paar Segelyachten vertäut. Kein Mensch ist zu sehen. Der schöne Sandstrand am Hafen lädt zum Baden ein, denn soweit nördlich ist die Blaualge noch nicht vor gedrungen und trotzdem ist das Wasser im Sommer nicht zu kalt. Ohnehin fehlt dem Wasser hier oben beinahe jeder Salzgehalt und gibt dem Ausläufer der Ostsee den Charakter eines riesigen Sees.
Ein Stückchen die Inselstraße entlang, liegt das zweite Restaurant des Archipels (Holmö Havsbad). Abgesehen von der schwedischen Hausmannskost bietet die Betreiber auch Fahrräder zu mieten an. Etwa ab dieser Stelle beginnt das eigentliche Dorf Holmö. Die rot- oder gelbgefärbten Wohnhäuser der 80 ständigen Einwohner der Insel liegen mehrere Kilometer verstreut entlang der Straße. Da bleibt viel Platz für Sommerwiesen auf denen hier und da ein paar Schafe oder Ponys weiden. Das Dorf ist von Wald umgeben, vom Meer ist deshalb nichts mehr zu hören oder zu sehen und auch vom mitunter heftigem Wind bekommt man nichts zu spüren. Die Einheimischen sind freundlich und grüßen stets den Gast von auswärts. Sucht man eine Unterhaltung kommt man mit ihnen überaus leicht ins Gespräch.
Nordische Natur auf unbewohnten Inseln
Trotzdem ist dieses bezaubernde Plätzchen nur Ausgangspunkt, Wohnort und Verköstigungsstelle für einen Sommerurlaub auf dem Archipel. Verlässt man das Dorf in südliche Richtung, zum Beispiel mit dem Fahrrad, erreicht man schnell die kleine Brücke, die Holmön und Ängesön verbindet. Ängesön ist die größte Insel des Archipels, unbewohnt, größtenteils bewaldet und ein Spielplatz mit enormen Ausmaßen.
Es gibt hier schwer zugängliche Waldseen, an deren Ufern nach meiner Meinung noch nie ein Mensch stand. Hervorragende Pilzgebiete, einsame Badestellen, schwedentypische Felsen, nordischer Urwald. Und würde das nicht schon reichen, leben auch noch Elche ihr ruhiges Leben in diesen Wäldern, zu mindestens bis zum Beginn der Jagdsaison im September.
Das Ungestörtsein gefällt auch den gefühlten 7 Millionen Vögeln, die sich hier auf allen Inseln tummeln. Im Herbst sollen sich noch viele weitere Millionen auf ihrem Weg nach Süden hier treffen, erzählt der Schönen und mir ein unbeeindruckter Einheimischer. Viel mehr interessiert ihn, wo genau wir den Elch gesehen hätten, schließlich sind es nur noch ein paar Wochen bis zum September.
Die anderen Inseln haben Ähnliches zu bieten, doch je kleiner die Inseln werden, desto weniger Vegetation erwartet den Besucher. Zu ihnen führt kein regelmäßiger Schiffsverkehr. Bei Bedarf kann man sich Kajaks mieten. Oder im Hafen Byviken jemand engagieren, der einen mit seinem Boot dorthin übersetzt. Die Mitnahme von ausreichender Verpflegung ist Pflicht in solchen Fällen. Ebenso wie eine eindeutige Absprache hinsichtlich der späteren Abholung. Niemand möchte wohl in dieser Gegend den Robinson spielen müssen. Gemeinsam haben die vielen Eilande auch, dass sie unbewohnt sind und einer reichen Tierwelt Platz bieten. Auf der Insel Stora Fjäderägg(Große Federeier)kann man beispielsweise auch Robben beobachten.
Das Liederfestival von Holmön
Holmön wirbt mit damit, die sonnenreichste Insel Schwedens zu sein. Eigentlich müsste das ausreichen, um tausende Touristen anzulocken. Ich nehme an, die Größe des Werbebudgets des örtlichen Touristenbüros hält sich in Grenzen, denn viele andere Gäste trifft man nicht. Die Schönste und ich ließen uns jedenfalls durch diese Aussage auf die Inseln locken und befürchteten in einem überfüllten Touristenort zu landen. Aber zusätzlich zum schönen Wetter fanden wir die gewünschte Einsamkeit und die notwendige Erholung.
Das Gute daran ist, wenn man möchte, geht es auch ganz anders. Zum Visfestivalen( das Liederfestival), pilgern Hunderte oder gar Tausende nach Holmön und frönen dem überwiegend auf Schwedisch gesungenem Liedgut. Liederfestival und Party bilden nun eine 3-tägige Einheit. Die Fähre fährt an diesem Wochenende Sonderschichten, um alle Interessierten nach Holmön befördern zu können.
Am und hinter dem Strand entsteht ein riesiger Zeltplatz mit Jugendlichen aus ganz Nordschweden. Die Stellplätze des Hafens sind restlos mit kleinen und großen Motor- und Segelbooten besetzt. Die Straße der Insel ist voller Menschen und erinnert an die Drottninggatan zu Stockholm an einem Sonnabendnachmittag.
Schiene hier nicht die Sonne, läge es nahe die Veranstaltung das Woodstock Festival von Västerbotten zu nennen. Natürlich ist das ein wenig übertrieben, nichtsdestotrotz feiern die Norrländer wie wild die Musik, sich selbst, den Sommer oder das Leben und finden die überzeugend guten Konzerte am Abend ihr Ende, geht die Party am Strand weiter oder im Hafenkrug, wo jeder der möchte, zur Gitarre greift und seine Kunstwerke zum Besten gibt.
Bei der auf einem flachen Felsen über dem Meer gelegenen Kneipe mit Panoramafenstern handelt es sich wohl um eine der schönsten Lokalitäten für solcherart Veranstaltungen. Nicht nur wir wissen das zu schätzen. Die Schönste und ich finden nur schwer ein Plätzchen mit Sichtgarantie. Zur Musik trinken die Gäste im Gedränge lokales Bier aus Sollefteå und essen dazu Köttbullar mit Kartoffelbrei.
Nach jeder ergreifenden Darstellung brechen die Zuhörer in Begeisterungsstürme aus. Man ist erstaunt wie viele großartige schwedische Künstler auf engstem Raum versammelt sind und ohne jegliche Eitelkeiten ihr Liedgut zum Besten geben. Als sich dann sogar Bill Murray zu den Sterblichen hinab begibt und an unserem Nebentisch laut singt, muss das wohl der Höhepunkt des Wochenendes sein.
Am Sonntagabend ist der Spuk plötzlich vorbei. Wo eben noch hunderte Menschen campierten, herrscht wieder die Natur und Stille. Der wahre Charakter des Archipels kehrt zurück. Es ist noch warm zur späten Stunde. Die Schönste und ich beschließen zur untergehenden Sonne im Meer zu baden. Schließlich findet man selten einen Strand für sich ganz allein. Wie schön, dass noch ein paar ereignisreiche Urlaubstage auf Holmön vor uns liegen.
Sollten sie sich nach dem Lesen dieses Textes nach Holmön träumen oder sogar die Absicht hegen in Zukunft die sonnenreichste Insel Schwedens besuchen zu wollen, empfehle ich die Webseite www.visitholmön.se als eine erste Anlaufstelle. Das Visfestival findet immer an einem Wochenende Ende Juli statt, anfangs des Monats ein Jazzfestival.
Freitag, 19. November 2010
Über Urlaub in Schweden- oder die Lösung heißt Holmön (Teil 1)
Mich erreichte gestern die Frage, welche Orte man in Schweden besuchen könnte oder sollte. Ich möchte heute also über die schönsten und besten Plätze im ganzen Sveareich schreiben, über die geheimsten Stätten für den ultimativen Sommerurlaub. Was wie ein Märchen beginnt, kann auch wie ein Märchen enden.
Die meisten Leser werden es bemerkt haben, der Winter beginnt ja nun so langsam. Das ist vielleicht der passendste Augenblick über den kommenden Sommerurlaub in Schweden nachzudenken. So besteht für die Interessierten noch genug Zeit zum Träumen oder zum Planen, ganz nach individuellem Charakter. Aber ich möchte den Leser warnen, hier ist man ehrlich und stets objektiv.
Zuallererst fällt mir da als Ziel von Träumen und Reiseplänen der lappländische Fjäll ein, das Gebirge am nördlichen Ende Europas. Es ist schon beeindruckend wie die angeblich letzte Wildnis Europas so da liegt, menschenleer, vegetationsarm und einfach nur groß. Es gibt keine Abgase und keinen Müll. Das Wasser aus dem Bach geht runter wie Öl. Die Sonne zeigt sich Tag und Nacht. Irgendwie paradiesisch, könnte man glauben.
Auf der anderen Seite ist es dort auch im Sommer oft kalt und feucht und schrecklich anstrengend. Matsch an den Wanderschuhen kann ziemlich schwer werden, genau wie der Rucksack mit der Nahrung und der Ausrüstung. Irgendwie schockt dann in solchen Fällen das Wissen um die letzten 70 Kilometer Fußmarsch zurück in die Zivilisation. Die Helligkeit in der Nacht verhindert das notwendige Einschlafen. Die Super-Alleskönner- Markenkleidung versagt auf ganzer Linie. Zuletzt fühlt man nur noch Müdigkeit, Kälte und Heimweh.
Småland und Dalarna
Dann doch lieber an einen dieser Seen in einem dichten und intakten Wald. Zum Beispiel in Småland oder in Dalarna. Vielleicht steht an diesem See sogar ein kleines zu mietendes Häuschen. Eine Straße führt dorthin, so kann man vorfahren und braucht nichts dorthin zu schleppen.
Mit einer Ruderbootsfahrt sorgt man für Abwechslung oder man badet ausgelassen im angenehm temperierten See. Die Fische beißen, Pilze und Beeren schmecken. Abends sitzt man auf der Terrasse und trinkt selbstzufrieden das mitgebrachte Bier aus Deutschland. Es ist ruhig, ganz ruhig.
Zu mindestens so lange wie die örtliche Holzfirma nicht Nachschub in der Nähe schlägt oder sägt. Oder Myriaden von Mücken mit schreckeinflößendem Summen über einen selbst und die Familie herfallen. Das alte und morsche Haus stinkt und nach den obligatorischen Regenfällen ist auch die Straße, die eigentlich nur eine Sandweg war, zum Sumpf mutiert und verhindert die Fahrt zum nächsten Laden. Die war eigentlich dringend nötig, weil man leider den Salzstreuer oder die Spielkarten zu Hause vergessen hat. Der Familienrat findet zu keiner einheitlichen Meinung.
Türen knallen und schrecken die ekligen Viecher auf dem Dachboden auf. Und so weiter und so fort. Später leidet man dann an unliebsamen Erinnerungen.
Die Städte
Vielleicht ist das ein Zuviel an Natur. Es gibt ja auch ein paar schöne Städte in Schweden. Hier sind die Straßen gepflastert. Mit Flugzeug und Zug ist man auch schnell dort und kann sich den mehr als genug vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten, Kulturveranstaltungen und Menschen widmen. In einem bequemen Hotelzimmer braucht man sich um nichts zu kümmern. Das Meer oder Seen sind in der Regel in der Nähe und schnell zu erreichen. Und in den hellen Nächten fürchtet sich niemand vor Verbrechern.
Aber nehmen wir Stockholm als Beispiel, ist es doch wie zu Hause. In Deutschland gibt’s schon genug Möglichkeiten zum Shoppen. Und Menschen sowieso. Außerdem machen auch die Stockholmer im Sommer Urlaub. Niemand hat in der schönsten Jahreszeit Lust auf Arbeit. Von den Wirten bis zur Geigenspielerin. Wirklich viel Kulturangebote gibt es dann doch nicht. Hierbei gilt: je kleiner die Städte, desto trostloser sind die Abende.
Die Restaurantpreise sind außerdem unanständig hoch und schmecken tut es, naja, nicht so wie zu Hause jedenfalls. Die vielen Touristen aus aller Welt haben ihre ganz eigenen Uhrzeiten und nachdem sie gezwungen waren die ganze Nacht wegen deren Krach gegen die Wand zu klopfen, schlafen sie erst am frühen Morgen völlig erschöpft ein und verpassen dann das Ausflugsschiff an Pier 9. Dazu kommt der von zu Hause bekannte Straßenlärm, der hier noch durch die dröhnenden Geräusche der Motorboote ergänzt wird, mit denen die Einheimischen gewöhnlicher weise im Sommer durch die Gegend tingeln. Also sollte man die Städte im Sommer doch lieber meiden.
Die Strände in Südschweden
Bleiben noch die berühmten Strände im Süden, in Skåne oder in Halland. Weißer oder gelber Sand soweit das Auge reicht und keine einzige Menschenseele. Herrlich, hier gibt’s auch keine Mücken. Folgt man der Küstenlinie erreicht man hin und wieder so kleine gemütliche Fischerdörfchen, sehr gepflegt und ausgesprochen idyllisch. Überall wachsen rote Rosen an den Häuserwänden empor und überall isst man leckeren Fisch.
Gut, dafür nerven hier menschenfixierte Strandfliegen, die permanent nach Körperöffnungen suchen. In den Fischerdörfern herrscht tagsüber schreckliches Gedränge und wohl neben den småländischen Sumpfgebieten die höchste Deutschendichte Schwedens. Die Wahrscheinlichkeit hier seinen gehassten Nachbarn zu treffen ist deshalb sehr hoch.
Wenn man sich nicht beeilt, blüht auch schon die Geißel der Ostsee, die Blaualge.Die Bakterien verbreiten sich je nach Windrichtung in wenigen Tagen an allen Küsten. Widersetzt man sich dem darauf ausgesprochenen Badeverbot, ist es nicht unhäufig, dass die restlichen Urlaubstage auf dem Klo verbracht werden. Das kann natürlich auch passieren, wenn man den Fisch aus der Ostsee gegessen hat. Aber das zählt ja zum Allgemeinwissen.
Die Lösung heißt Holmön
Das sollte der Leser alles wissen, bevor er seinen Urlaub in Schweden erträumt. An dieser Stelle liegt es verständlicherweise nahe die Hoffnung zu verlieren. So ein riesiges Land und kein Platz um einen erholsamen Urlaub zu verbringen! Aber das stimmt natürlich nicht. Es gibt selbstverständlich einige Kleinodien, die einen oder mehrere Urlaube wert sind. Das Problem liegt darin, dass jeder der einen solchen Platz gefunden hat, keinesfalls darüber spricht. Das ist sehr menschlich, aber deshalb nicht weniger egoistisch. Als Zeichen meines guten Willens und als Geschenk für die treuen Leser möchte ich deshalb zumindest einen meiner geheimen und überaus sehenswerten Lieblingsplätze verraten.
An der schmalsten Stelle des bottnischen Meerbusens zwischen Schweden und Finnland, dem sogenannten nördlichen Kvarken, liegt die Inselgruppe von Holmön (Holmöarna).
Der Archipel besteht aus fünf größeren und vielen kleinen Inseln und weil es da so schön ist, hat man den größten Teil des Gebietes zum Naturreservat erklärt.
Warum man dorthin fahren sollte und wie es dort aussieht beschreibe ich aber leider erst beim nächsten Mal.
Fortsetzung folgt!
Dienstag, 16. November 2010
Auf Wiedersehen, Neutralität!
In einer Zeit, in der wir uns mit den persönlichen Schwächen des schwedischen Königs herum schlagen müssen, die gut aufbereitet durch alle Medien auf uns einstürzen, und mit denen er kräftig am eigenen Thron sägt, in einer Zeit, in der der tiefe Absturz der hiesigen Sozialdemokraten nach einer beinahe hundertjährigen Vorherrschaft mit dem vorgestrigen Rücktritt der Parteivorsitzenden Mona Sahlin eine weitere Qualität erreicht, ging leider viel zu leicht unter, dass eine weitere Institution Schwedens verschwunden ist: die Neutralität.
Nach der demütigen Niederlage im Finnischen Krieg gegen Russland im Jahr 1809, dem daraus folgenden Verlust Finnlands und den Wirrnissen der Napoleonischen Kriege der Jahre 1811-1813 hielten es Jean Bernadotte, später bekannt als König Karl XIV Johan, und seine Berater für klüger, Schweden aus dem Gezänk der Großmächte heraus zu halten und verzichteten auf außenpolitische Bündnisse. Die nachfolgenden Könige, und später Politiker, folgten dem eingeschlagenen Kurs bis in unsere Zeit. Allianzfreiheit und Neutralität wurde zum festen Bestandteil des Selbstverständnisses der Schweden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass von nun an alle Sympathien gleichmäßig verteilt wurden. Beispielsweise nahmen schwedische Freiwillige an Kämpfen im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 (auf Seite der Dänen), im Winterkrieg 1939-1940 (auf Seite der Finnen) mit teilweiser Hilfe staatlicher Stellen an den Kriegen teil. Es gab die Öffnung schwedischer Häfen bzw. Landwege für Flotten und Soldaten Großbritanniens(im Jahr 1853) und Nazideutschlands.
Aber es bleibt festzuhalten, seit der Entscheidung Bernadottes nahm kein schwedischer Soldat offiziell an Kampfhandlungen teil und während der Großteil Europas 1945 in Schutt und Asche lag und erst mühevoll über Jahrzehnte aufgebaut werden musste, erfreuten sich die Schweden der Unversehrtheit ihres Landes und wohl auch so mancher an den Gewinnen aus den Geschäften mit beiden Seiten.
Allianzfreiheit und Wohlstand
Im Kalten Krieg hielt man weiter am Erfolgsmodell fest. Während Norweger und Dänen sich für die NATO entschieden, bestand Schweden weiterhin auf Allianzfreiheit und gewann dadurch an weltweites Ansehen. Schwedische Politiker fungierten als gern gesehene Vermittler bei Konflikten in aller Welt oder wurden in führende Positionen von internationalen Organisationen berufen. Als zum Beispiel 1953 ein neuer UNO-Generalssekretär gesucht wurde, konnten sich Ost- und Westblock nur auf den Schweden Dag Hammarskjöld einigen.
Schweden nahm an vielen Friedensmissionen der Vereinten Nationen teil. Als neutraler Staat fiel es auch leichter, als einer von wenigen der sogenannten westlichen Hemisphäre als Unterstützer der nach Unabhängigkeit strebenden Kolonien aufzutreten und dadurch weltweit viel Anerkennung und Freunde zu finden. Die Älteren werden sich erinnern, Schweden galt für viele als das Beispiel für ein GUTES Land.
Noch heute zehrt man von der Anerkennung, die man angesichts der Politik damals errungen hat. Ich behaupte sogar, dass Schwedens gegenwärtiges Ansehen in der Welt immer noch auf diese damalige Außenpolitik beruht und nicht, wie eine Mehrheit der hiesigen Medien suggerieren möchte, auf der guten Arbeit des skandalgeschädigten Königs. Häufig trifft man auf ältere Schweden, die noch sehr stolz sind auf die Rolle, die ihr Land einmal gespielt hat.
Natürlich profitierte auch wieder die Wirtschaft von dieser Politik. Nicht viele werden wissen, dass der Berliner Fernsehturm zum Teil mit schwedischer Technik ausgerüstet war, schon einige mehr, dass die Mitglieder des Zentralkomitees der SED mit Fahrzeugen der Marke Volvo durch die Gegend fuhren. Die Exportindustrie des Landes verkaufte ihre Waren unabhängig von Weltanschauungen und bildete eine der Grundlagen für das Existieren des „Schwedischen Modells“, dem Wohlfahrtsstaat.
Das Ende einer Epoche
Mit dem Beitritt des Landes im Jahr 1995 zur Europäischen Union endete die Allianzfreiheit, auch wenn damals noch, u.a. auf Schwedens Wunsch hin, auf die Europäische Verteidigungsgemeinschaft verzichtet wurde.
Die Neutralität fand dann 2001 ihr Ende, als die schwedische Regierung des Ministerpräsidenten und Sozialdemokraten Göran Persson beschloss, die NATO-Kräfte in Afghanistan mit Truppen zu unterstützen. Seitdem kämpfen etwa 500 Soldaten im Land des Hindukusch, zufällig im Einsatzgebiet der Deutschen Bundeswehr, obwohl sie nach offiziellen Erklärungen zum Bauen von Schulen dort sein sollten.
Das kostete mindestens 6 schwedischen Soldaten das Leben, von der Anzahl der Gefallenen der Gegenseite hört man reichlich wenig, ebenso von den zivilen Opfern. Wie hoch die finanziellen Kosten für Schwedens ersten Krieg nach 1813 sind, konnte ich nicht ermitteln. Das jährliche Budget der Förvarsmakten, der schwedischen Streitkräfte, beträgt etwa 45 Milliarden Kronen, wie viel davon für das Krieg führen ausgegeben wurden und werden kann man bei Interesse bestimmt beim Verteidigungsminister erfragen.
Ähnlich wie in Deutschland ist eine Mehrheit der Bevölkerung für ein Zurückholen der Soldaten. Immer wieder hört man auch Forderungen nach einer Rückkehr zur Neutralität und Allianzfreiheit. Und ähnlich wie in Deutschland stellen sich die verantwortlichen Politiker taub.
Die Freude von Mona Sahlin
Eine der letzten Amtshandlungen der zurückgetretenen Chefin der oppositionellen Sozialdemokraten Mona Sahlin war die Abhaltung einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem regierenden Ministerpräsident Reinfeldt und dem Parteichef der ebenfalls oppositionellen Grünen Eriksson, auf der alle drei mit Freude verlautbaren konnten, dass sie sich auf die Verlängerung des Engagements in Afghanistan bis 2014 geeinigt hätten. Eine breite Zustimmung des schwedischen Reichstags bei der Abstimmung am 15.Dezember stehe nun nichts mehr im Wege.
Sollte sich eines Tages jemand die Mühe machen nach den Gründen für das Dahinsiechen der Sozialdemokraten zu suchen und ihm dabei das zeitliche Zusammenfallen von der Änderung der Außenpolitik, der Abschaffung der Neutralität, dem Krieg führen und Wahlverlusten ins Auge springen, wird er das vielleicht als zufällig abtun. Oder aber er erkennt darin einen der sicherlich mehreren Gründe, die zum Ende der Vorherrschaft DER schwedischen Volkspartei beitrugen.
Montag, 4. Oktober 2010
Herbstbefindlichkeiten
Mein lokaler Obst- und Gemüsehändler M., mit Wurzeln in Frankfurt und Izmir, gibt des Öfteren die Weisheit zum Besten, dass man entweder aus Liebe oder wegen der Arbeit nach Schweden auswandert. Die, die wegen der Liebe gekommen wären, beneide er ein wenig, fügt er meist noch hinzu.
Meine Einwände gegen diese Regel werden von ihm stets zurückgewiesen. Andere Beweggründe gäbe es einfach nicht. Schließlich habe er noch niemanden getroffen, der einen anderen Grund vorbrachte.
Seine Augen blicken dann manchmal so merkwürdig ins Leere. Ich glaube zu erkennen, wie er leidet, höre von ihm aber kein Wort der Klage.
Seit dem Einzug der Schwedendemokraten in den Reichstag, scheint sich das geändert zu haben.Vor ein paar Tagen fragte er mich nach meiner Meinung. Nicht über diesen Einzug ins Parlament an sich, da verstehen wir uns ohne Worte, sondern nach meiner Ansicht darüber, was wir Ausländer nun von den Schweden zu erwarten hätten.
Er wohnt in einem dieser Viertel, aus denen sich die Schweden in den letzten Jahren fast vollständig zurückgezogen haben. Die Zugezogenen aus aller Welt leben also unter sich und das scheint ein perfekter Nährboden für wildeste Gerüchte zu sein. Man hört von den Leuten dort beispielsweise, dass nun vom Reichstag die Sozialhilfe für Ausländer abgeschafft werden soll, um unnötige Kosten zu sparen, dass Arbeitserlaubnisse für Nichtschweden wieder zurückgezogen werden könnten, um für die Einheimischen Jobs zu schaffen, oder sogar, dass bereits Pläne zur Massenausweisungen in den Schubladen der Politiker liegen würden.
Als ich das von ihm hörte, das muss ich gestehen, ist mir zuerst zum Lachen zu Mute, schließlich haben nur 5,7 Prozent der Wahlberechtigten den rechten Spinnern ihre Stimme gegeben, immerhin über 94 Prozent haben sich dem verweigert. Warum also deren Einfluss überbewerten?
Aber M. zeigt sich gut informiert und verweist auf andere europäische Länder, wie die Niederlande und Dänemark, wo das Auftauchen der fremdenfeindlichen Parteien in den Parlamenten in kurzer Zeit zu restriktiveren Gesetzen führte, ohne dass nur eine dieser Parteien direkt an einer Regierung beteiligt war.
Es hat viel für sich, was er da erzählt. Um ihn zu beschwichtigen, erinnere ich ihn aber daran, dass wenigstens er, mit seinem deutschen Pass, wohl kaum ausgewiesen werden würde. Seine Antwort spricht Bände. Er meint, ich hätte gut reden, er selbst sähe nun mal nicht wie ein Nordeuropäer aus, wenn der Mob ihn und seine Familie erst einmal durch die Straßen hetzten, würden die wohl kaum nach seinen Pass fragen.
Jetzt ist mir nicht mehr zum Lachen. Der Mensch vor mir hat Angst. Angst um sein aufgebautes Lebenswerk, Angst um seine Gesundheit und die seiner Familie. Er versteht nicht, woher diese Abscheu gegen die vorallem aus außereuropäischen Ländern stammenden Ausländer kommt. Seit seiner Einwanderung nach Schweden hat er sich stets bemüht sich zu integrieren. M. spricht gut Schwedisch (wie im Übrigen der größte Teil der Zugezogenen), zahlt fleißig Steuern und feiert die schwedischen Feste wie sie fallen. Und obwohl er immer noch mit dem klimatischen Verhältnissen und den dunklen Wintern zu kämpfen hat, betont er doch, wie zufrieden er ist. Und er ist nicht allein, der Großteil seiner Nachbarn hält es genauso. Die sind nicht hier um auf der faulen Haut zu liegen. Die wollen alle was schaffen in ihren Leben. Aber andauernd hält man uns den mangelnden Willen zur Integration vor, erregt sich M. und er fragt, was man noch von uns Ausländern erwartet. Was sollen wir noch machen, um von allen in diesem Land, wenn nicht geliebt, wenigstens akzeptiert zu werden?
Vielleicht hat sich das auch die Deutsche Botschaft zu Stockholm gefragt und kam auf die schöne Idee die Stockholmer einzuladen. Welcher Anlass konnte dieser Absicht besser entsprechen, als der gestrige, nun mehr schon zwanzigste Jahrestag der Wiedervereinigung? Das Zusammenfallen dieses Ereignisses mit dem 200-jährigen Jubiläum des Oktoberfestes passte da wie die Faust aufs Auge.
Es lag also nahe neben dem Sjöhistoriska Museet (Seehistorisches Museum) in Djurgården ein Oktoberfestzelt zu errichten und das Zelt, sowie die Wege dorthin, mit deutschen Fähnchen zu schmücken.
Wie bei einer solchen Gelegenheit nicht anders zu erwarten, versammelte sich die deutsche Gemeinschaft Stockholms zum fröhlichen Beisammensein. Doch auch die Schweden strömten herbei. Draußen bildete sich eine lange Schlange. Wer hinein wollte, brauchte viel Geduld.
Ob das Erscheinen der vielen Leute daran lag, dass man, dank der vielen Sponsoren aus der deutschen Wirtschaft, dampfenden Leberkäse und alkoholfreie Getränke kostenlos darreichte, oder am Bier aus dem Allgäu, das für unschlagbare 25 Kronen über die Theke ging, oder am Engagement der Blaskapelle, die es tatsächlich vermochte, die Gäste zum Mitsingen und zum Schunkeln anzuregen, oder an der allgemeinen Beliebtheit deutscher Volksfeste, das wird wohl für immer im Dunkeln bleiben.
Jedenfalls zelebrierte man ausgelassen, unter der Aufsicht von schwarzgekleideten Sicherheitsleuten der Botschaft (alle mit Knöpfchen im Ohr), vermeintlich deutsches Kulturgut. Schweden und Deutsche, Seite an Seite. Ich werde nicht der Einzige gewesen sein, der noch Stunden später dem Ohrwurm vom Prosit der Gemütlichkeit nichts entgegenzusetzen vermochte.
Die Deutsche Botschaft wertet die Veranstaltung sicherlich als Erfolg. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Anzahl schwedischer Touristen in Deutschland beträchtlich steigert, oder zumindest der Export von Leberkäse nach Skandinavien kräftig angekurbelt wird.
Im Bus nach Hause dann, traf ich auf ein paar Schweden mit weißen Luftballons auf dem der schwarze Bundesadler prangte. Ich dachte an M. und an unser Gespräch. Würde man auch Luftballons mit einem Halbmond darauf herumtragen? Und ist es denn so einfach als Ausländer akzeptiert zu werden? Reichen dafür billiges Bier und ein Prosit der Gemütlichkeit? Irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass dieses ganze Gerede von mangelnder Integration nur vorgeschoben ist.
Mittwoch, 22. September 2010
Hinweis: Handwerker für Schweden
Bin ich gelegentlich in Deutschland, schlagen mir die Leute mit erschreckender Regelmäßigkeit auf die Schulter und sagen: "Die suchen doch massig Handwerker und Bauarbeiter bei euch da oben in Schweden. Und die zahlen doch auch noch so gut! Kannst du dich nicht mal umhören und was besorgen?"
Meine Schulter zuckt dann immer. Zum einen wegen dem Schmerz und zum anderen, weil ich keine Ahnung habe, wie man so etwas "besorgt".
Doch gerade eben erhalte ich einen passenden Hinweis von R.(Danke! Bist ne´Perle!).
Die Deutsch-Schwedische Handelskammer veranstaltet am 06.Oktober in Leibsch, äh Verzeihung, in Leipzig und am 07.Oktober in Berlin eine kostenlose Informationsveranstaltung für kleinste, kleine und etwas größere Handwerker- und Baufirmen, die sich nach Aufträgen in Schweden sehnen.
Informationen gibt es unter http://www.handelskammer.se/de/bau
Vielleicht rettet dieser Hinweis in Zukunft meine Schulter.
Montag, 20. September 2010
Wahlergebnis
Wahlergebnis Schweden: Alliansen 49,3 %, De rödgröna 43,7 %, Sverigedemokraterna 5,7 %
Wahlergebnis Stockholm: Alliansen 54,6 %, De rödgröna 40,4 %
Eigentlich sollte heute an dieser Stelle das Wahlprogramm der Wahlsieger dargestellt werden, auf das ein jeder der geneigten Leser die zu erwartenden Veränderungen in den kommenden 4 Jahren im freundlichsten Land Europas (nämlich Schweden) erführe.
Tja, nun hat aber keine der beiden Parteienblöcke eine eigene regierungsfähige Mehrheit erzielen können, weil 5,7 % der hiesigen Bevölkerung es für nötig erachtete eine Partei in den Reichstag zu wählen, die sich nur in einer Sache hervortut: dem Schüren des Hasses auf Ausländer.
Der Weg zur Lösung dieser Pattsituation ist zur Zeit noch völlig offen, eine Aussage zur zukünftigen Entwicklung oder Ausrichtung der schwedischen Politik wäre also im Augenblick sinnlos und wird deshalb auf später verschoben. Wenigstens haben beide Blöcke eine Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten ausdrücklich ausgeschlossen.
Man wird sehen...
Donnerstag, 9. September 2010
Qual der Wahl
Der Meilenstein Stockholms steht auf den Sergels Torg, genannt Plattan, ist 37 Meter hoch und besteht aus Stahl und Glas. Von hier aus rechnet man in Richtung Süden 614 Km bis Malmö, 613 Km bis Ystad, in Richtung Westen 471 Km bis Göteborg, 383 Km bis Arvika und in Richtung Norden 1024 Km bis Haparanda und 1238 Km bis Kiruna. Zwischen all diesen Städten liegt also ganz schön viel Land und gibt über 9 Millionen Menschen ein Zuhause.
Der wahlberechtigte Teil dieser 9 Millionen hat nach 4-jähriger Pause am 19.September mal wieder das Recht seine politische Meinung zum Ausdruck kommen zu lassen. Es werden gleichzeitig die Abgeordneten für den Reichstag, für die Län (in etwa mit den deutschen Bundesländern vergleichbar) und die Kommunen gewählt. Man erledigt also die Sache in einem Abwasch. Das erspart Kosten, Stress und Dauerwahlkämpfe.
Da vier lange Jahre nicht ernsthaft um die Gunst der Wähler gebuhlt werden brauchte, besitzen die Parteien nun in den letzten Wochen vor dem Wahltag genug Kraft und Elan ihre eigene Unverzichtbarkeit den Schweden nahezulegen, und sie tun das auch mit bewundernswertem Nachdruck. Schließlich geht es um allerhand wichtige Entscheidungen. Selbstverständlich in erster Linie für die Wähler.
Auf dem Sergels Torg stehen zurzeit eine Menge Holzhütten. Jede Partei hat eine in Beschlag genommen und alle zusammen bilden eine Art Jahrmarkt der Ideologin und Wahlversprechen.
Wie es sich für einen Jahrmarkt gehört, herrscht Gedränge. Kandidaten halten Reden, diskutieren mit Willigen und Unwilligen und an der Seite stehen ein paar gelangweilte Polizisten. Hin und wieder tauchen Parteivorsitzende auf, jeweils in Begleitung eines gewaltigen Medientrosses, sowie einer ihnen ergebenen Anhängerschar und geben ihre Meinungen kund. Ich weiß nicht wie es in Arvika, Haparanda oder den anderen Teilen des Landes aussieht, glaube aber behaupten zu können, hier tobt die politische Auseinandersetzung wie an keinem anderen Ort Schwedens.
Natürlich sind hier die Parteien der beiden großen Blöcke vertreten. Die regierende sogenannte bürgerliche Allianz mit den Moderaterna (Die Moderaten), Kristdemokraterna (ohne Übersetzung), Folkpartiet-liberalerna (liberale Volkspartei) und Centerpartiet (auch ohne Übersetzung) und auf der anderen Seite de rödgröna, das Wahlbündnis aus Sozialdemokraten, Miljöpartiet-de Gröna (Umweltpartei-Die Grünen) und Vänsterpartiet (Linkspartei).
Neben den Platzhirschen der schwedischen Politik verteilen auch die kleinen Parteien ihre Wahlprogramme. Darunter die Piratenpartei, Die Feministische Initiative, Die Kommunistische Partei und auch die Sverigedemokraterna, die hier versuchen ihren gedruckten fremdenfeindlichen Müll unters „echte“ schwedische Volk zu bringen.
Streift man neugierig über den Platz, lernt man vieles dazu. Beispielsweise, dass die Centerpartiet die grüne Partei der bürgerlichen Allianz sein möchte, dass die Folkpartiet sich besonders für Schulen stark macht, ohne genau zu sagen, worin dieses „Starkmachen“ besteht und nebenbei vorsorglich vor der neuen Russengefahr warnt, dass die Moderaten, als neue Arbeiter-und alte Steuersenkungspartei im Falle eines erneuten Wahlsieges die Alkoholsteuer erhöhen will, dass die Vänsterpartiet nicht mehr den Austritt aus der Europäischen Union fordert, aber den EURO weiterhin ablehnt, dass die Sozialdemokraten ihren Vorschlag für Butler in der U-Bahn doch nicht so ernst gemeint haben wollen und dass allesamt die höhere Besteuerung der Einkommen von Rentnern im Gegensatz zu denen der Lohnempfängern abschaffen wollen, während von der Zurücknahme der ebenfalls höheren Besteuerung der Einkommen von Arbeitslosen(!), sprich des Arbeitslosengeldes, keine Rede ist.
So kann sich also jeder ein Bild machen, sich für eine Partei entscheiden, die sich nach eigenen Aussagen besonders für Familien ins Zeug (Sozialdemokraten) legt, oder für die andere, dies sich nach eigener Aussage besonders für die Lohnempfänger engagiert (Die Moderaten).
Soweit kommt das dem deutschsprachigen Leser sicherlich bekannt vor, und auch wie in Deutschland bescheinigt man auch hier dem politischen Gegner völlige Unfähigkeit und ideologische Scheuklappen, sich selbst hingegen Weitsicht und Intelligenz. Aber abgesehen davon lassen hiesige Kandidaten ihre Konkurrenten durchaus ausreden und gehen sich nicht gleich an die Gurgel. Vorallem politische Diskussionsrunden im Fernsehen erinnern eher an gemütliche Abende mit Meinungsaustausch, statt an Hundekämpfe wie in deutschen Talkshows.
Nach meiner Einschätzung erhielt jede am Sergels Torg vertretende Partei die gleiche Anzahl von Quadratmetern zur Verfügung gestellt. Niemand sollte wohl bei der Zuteilung von Räumlichkeit benachteiligt werden, also ähnliche Wettbewerbsbedingungen vorfinden.
Ist Schweden also eine Vorzeigedemokratie? So einfach ist die Sache dann doch nicht. Neulich hat der Europarat auf die eigenartige Gesetzeslage zur Parteienfinanzierung hingewiesen oder bessergesagt kritisiert, dass es in Schweden keine Gesetze existieren, die die Entgegennahme von Spenden regeln. D.h. für die Parteien keinerlei Verpflichtung existiert Spenden und ihre Geber auszuweisen. Niemand außerhalb der Parteien kennt demnach die Höhe der Zugänge aus den Geldbeuteln ihrer Unterstützer.
Mittlerweile haben sich fünf im Reichstag vertretenden Parteien von sich aus verpflichtet Spenden über 20000 Kronen (ca.2000 EUR) offen zu legen, die beiden anderen, die Moderaten und die Christdemokraten, verweigern sich dem entschlossen und als Regierungsparteien haben sie die Kritik des Europarates daher auch brüsk zurückgewiesen.
Ihr Lieblingsargument gegen eine Offenlegung von Parteispenden lautet, dass dadurch das Wahlgeheimnis bedroht sei. Diese eigenartige Rechtfertigung muss man erst einmal sacken lassen, denn im Umkehrschluss bedeutet das wohl, dass die Vertreter dieser Parteien glauben, dass in Ländern mit entsprechenden Regelungen, wie beispielsweise den USA, Deutschland oder vielen anderen, das Wahlgeheimnis abgeschafft worden ist. Die Gefahr von Einflussnahme durch die Spender, das Entstehen von Korruption oder bestenfalls das Auftreten von Wettbewerbsverzerrung finden in dieser Leute Argumentationskette keinen Platz. Wäre man ein missgünstiger Zeitgenosse, läge es nahe zu fragen, warum ist das so?
Im Land des Öffentlichkeitsprinzips, in dem jede noch so unnötige Information für alle frei zugänglich ist, ein erstaunlicher Zustand, der innerhalb der Europäischen Union nicht häufig anzutreffen sein wird.
Wenigstens mehren sich in den letzten Tagen die Forderungen eine angemessene Regelung der Parteienfinanzierung für die schwedische Demokratie zu finden. Man wird sehen, was davon nach der Wahl übrig bleiben wird.
Montag, 30. August 2010
Die Stockholmer Bier- und Whiskymesse
…Die Patienten in Örjansgårdens Krankenhütte… erhielten eine tägliche Ration von über 6 Liter Bier... das war die Menge, die für einen Kranken als Bedarf angesehen wurde, keine „Zuteilung“ für ein Fest. Ich wage deshalb zu behaupten, dass man bei einem geselligen Umtrunk mit etwa 12 bis 15 Liter Bier für eine Person rechnete.
Henrik Schück: „Stockholm vid 1400-Talets Slut“ (Stockholm am Ende des 15.Jahrhunderts)
Im September, wann die Stockholmer vom Urlaub auf dem Lande oder von den Stränden des Mittelmeers zurückgekehrt sind und allesamt das Bedürfnis verspüren sich gemeinsam wehmütig ihrer Sommererlebnisse zu erinnern, trifft es sich gut, dass einer der Höhepunkte des hiesigen gesellschaftlichen Lebens ansteht und die Bier- und Whiskymesse (Öl- & Whiskymässan) ihre Pforten öffnet.
An den Menschenmassen, die an zwei Wochenenden des ersten Herbstmonats zum Messegelände in Nacka Strand pilgern, erkennt man zweifellos das allgemeine Interesse an Qualitätsalkoholika und die Notwendigkeit eines Massenbesäufnisses zur beginnenden dunklen Jahreszeit. Auch ich kann mich wie immer nicht dem gesellschaftlichen Druck entziehen und mache mich schon allein wegen der Aussicht auf ein deutsches Pilsner vom Fass auf dem Weg in den Osten Stockholms.
In Begleitung meiner alten Freunde Daniel und Markus, langjährige Experten der Whiskymesse, bewege ich mich per Bus nach Nacka Strand ( Don´t drink and drive!). Bevor wir jedoch in die heiligen Hallen hineingelassen werden, verlangt man von uns die Zahlung eines Eintrittspreises von 195,- SEK (=19 EUR). Der ungewöhnlich hohe Preis schmerzt sehr. Zumal die Getränke nicht billig sein werden. Wir lassen diese soziale Aussiebung jedoch still über uns ergehen. Wer die Art der Stockholmer Türsteher kennt, weiß unsere Entscheidung zu verstehen.
Uns ist jetzt klar, dass wir uns hier in gehoberenden Säuferkreisen bewegen werden. Dank der Großzügigkeit meiner Oma (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Deutsche Rentenversicherung für die pünktliche Auszahlung der Rente) kann ich den verlangten Obolus entrichten und eile an den hünenhaften Türstehern vorbei.
Wenigstens erwirken wir mit dieser Abgabe nicht nur das Recht auf Eintritt, sondern auch ein Bierglas, das mit dem Emblem der Messe geschmückt ist. Ein nettes Souvenir mit Schönheitsfehler. Weil der Veranstalter auf den Einfall gekommen ist, das Bier an den Ständen vornehmlich in dieses Glas auszuschenken, sind wir den Abend über gezwungen es mit uns herum zu schleppen. Sollte diese Idee aus ökologischer Bedachtsamkeit heraus umgesetzt worden sein, ist sie selbstverständlich zu loben. Sollte lediglich eine Kostensenkungsstrategie dahinter stecken, bleibt nichts anderes übrig, als diese Idee als unbequem zu kritisieren. Zumindest haben wir später ein Andenken an diesen Abend.
Zuerst entschließen sich meine beiden Begleiter und ich in Aussicht auf das Kommende Platz zu schaffen und begeben uns auf die Toiletten. Dort treffen wir eine Menge Gleichgesinnter, die mangels Abstellmöglichkeiten leidlich versuchen mit dem Bierglas in der einen Hand ordnungsgemäß zu pissen. Was anfangs Erheiterung verursacht, mutiert später am Abend zu DER Herausforderung.
Nun endlich können die Spiele beginnen. Ich entscheide mich zum Start für ein echtes Budweiser. Meine Begleiter für ein Staropramen, bzw. ein Spaten Oktoberfestbier. Der erste Durst ist gelöscht und wir atmen erst einmal kräftig durch.
Das Messegelände besticht nicht gerade durch seine Größe: eine größere Halle für den Konsum von Bier und Whisky, zwei angeschlossene kleine Hallen mit selben Angebot, einem Innenhof für die Raucher und mit einem Schwenkgrill, sowie einem Nebengebäude für Cognac, Rum, Champagner und Zigarren. Ohne zu trinken hat man in 10 Minuten alles gesehen und kann wieder gehen. Doch zum Kieken sind wir nicht hier und wir spazieren zum nächstgelegenen Stand. Hier erwartet uns ein schwedisches Bier namens Ysta. Es wird als Frischbier beworben und schmeckt süß und nach Vanille. Als bekennender Anhänger eines guten Pils kann ich das nicht tolerieren, meiner Begleitung gefällt es außerordentlich.
An einem der vielen Waschbecken in der Halle spülen wir unsere Gläser wieder sauber.
Ich sehne mich nach Heimatlichem und finde endlich einen Tresen mit Radeberger Pilsner. Markus, ebenfalls Berliner Exilant, und meine Wenigkeit kippen das Gesöff mit vielen Heimatgefühlen hinunter. Daniel, Schwedens Antwort auf Daniel Craig, nickt anerkennend. Das verführt mich dazu die deutsche Bierbraukunst zu loben. Mein schwedischer Freund, der mein Gerede bereits auswendig kennt, nickt ein ums andere Mal, viel später wird er nur noch gequält lächeln.
Es ist Zeit für uns den zweiten Tagesordnungspunkt anzugehen: dem Test von Whiskys. Dazu einigen wir uns auf eine Skala von 1 bis 10. Also von sehr schlecht bis perfekt. Trotz verschiedener Geschmäcker klappt die Verteilung der Noten erstaunlich gut und oft einvernehmlich. Wir beginnen am Stand vom Glenlivet. Auf dem Tresen stehen ein 21-jähriger, ein 18- jähriger und ein 16-jähriger cask strengh. Nach kurzer Beratung erhält der erstgenannte Whisky die Durchschnittsnote 7, der 18-jährige die Note 8, der 16-jährige die Note 7,5. Die ersten Whiskys des Abends lassen sofort ein warmes und wohliges Gefühl in unsere Köpfe aufsteigen. Das bedeutet, wir müssen etwas essen.
Am Schwenkgrill auf dem Hof werden überraschenderweise Original Thüringer Bratwürste beworben. Sie werden, auch das eine Überraschung, im Baguettebrot mit Sauerkraut und Ketchup serviert. Wir schlagen zu und tatsächlich schmecken sie vorzüglich. Auf Nachfrage erzählt der Grillmeister, dass die Würste eigentlich nicht aus Thüringen kommen, sondern hier in Stockholm hergestellt wurden. Seine Ehrlichkeit wissen wir zu schätzen.
Nach dem Essen rauchen Markus und ich eine Entspannungszigarette, Daniel schiebt sich ein Snus unter die Oberlippe. Wir beobachten das Treiben hier auf dem Hof. Obwohl es noch früh am Abend ist, sogar die Sonne lugt über die Dächer, ist nicht zu übersehen, dass sich einige Gäste bereits ausgiebig dem Genuss von Alkohol hingeben haben. Ungewöhnlich laut führen die Schweden ihre Gespräche und manche gestikulieren sogar. Beinahe wie in einem Land auf dem Kontinent. Währenddessen verhindern einige mit einer Hand das Zusammenbrechen des roten Backsteingebäudes, in dem sie es heldengleich stützen, oder vielleicht ist es auch andersherum. Doch da gibt es nichts zu lachen, denn wir sind ebenso ein Teil dieser Veranstaltung, nicht zuletzt unsere Gläser erinnern uns ständig daran und zwingen uns zur Demut.
Die Pause hat uns gut getan und wir machen uns wieder ans Werk. Mitten in der Messehalle steht ein glatzköpfiger Tscheche. Er spricht die schwedische Sprache mit dem gleichen liebenswürdigen Akzent, mit dem Tschechen die deutsche Sprache bereichern. Er bietet sehr höflich einen Kurs des Bierzapfens an. Wir hören Spejbel, denn er sieht genauso aus wie der berühmte Vater von Hurvinek, aufmerksam zu.
Zuerst klärt er uns in Verkennung unserer Nationalität darüber auf, dass ein Bier mit einer Blume zu zapfen ist und begründet seine Aussage nebenbei damit, dass das in Biernationen wie Tschechien und Deutschland nicht nur üblich, sondern zwingend ist, um das Aroma des Hopfengetränkes zu seiner Geltung kommen zu lassen.
Dem kann man nur aus vollem Herzen zustimmen und ich bewundere den Tschechen für seine Verwegenheit den Schweden die Trinkkultur nahe bringen zu wollen. Der gewöhnliche Wirt in Schweden hat ein ebenso enges Verhältnis zur Bierblume wie ein Müßiggänger zum Höhenrausch. Sogar energisches Betteln lässt ihn nicht erweichen dem Bier die ihm zustehende Krone aufzusetzen. Für ihn hat alles seine Richtigkeit, wenn er die Molle schaumlos und ohne Liebe bis an die Markierung auffüllt und dann serviert. Jedem Bierliebhaber kommen an dieser Stelle die Tränen, als Ausdruck seines gebrochenen Herzens. Doch es gibt auch Ausnahmen, wie hier auf der Messe, wo die Brauhäuser sich große Mühe geben, unsere geschundenen Herzen zu heilen.
Markus und ich bilden uns ein, als Mitglieder einer Nation der Trinkkultur, bösartige Spötter behaupten Säufervolk, auf weitere Erziehungsgespräche verzichten zu können und lassen unseren Freund Daniel mit dem Tschechen allein. Wir nutzen die Zeit, um der uns verwandten Nation Tschechien unsere Ehre zu erweisen und bestellen ein Kinze aus Böhmen. Oh, wie werden wir enttäuscht, dafür gibt es nur 3 Punkte und das nur aus Höflichkeit. Doch dem lieben Gott, oder wem auch immer sei dank, kommt Daniel mit einer Urkunde über den abgeschlossenen Schnellkurs und einem Staropramen, das er zum erfolgreichen Abschluss seines Studiums der Trinkkultur erhalten hat. Zügig trinken wir ihm sein Glas leer.
Wir bewegen unsere Körper gemächlich in eine der kleineren Hallen. Dort entdecken wir ein kleines Paradies für Whiskyliebhaber. Grob geschätzt stehen hier tausende Flaschen mit gewöhnlichen und ungewöhnlichen Single Malt. Uns tropft der Zahn. Minutenlang stehen wir vor dem riesigen Angebot wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum, und betrachten mit leuchtenden Augen Flasche um Flasche. Gegenseitig halten wir uns zurück, um nicht der Raserei zu verfallen.
Uns begrüßt ein Franzose mit hervorragenden Englischkenntnissen. Wir nicken ihm anerkennend zu. Wegen der Vielfalt des Angebots.
Daniel bestellt einen Speyburn 1977 und gibt ihm die Note 9. Wir beiden Anderen hätten vielleicht nicht ganz so hoch gegriffen und ihn mit der zweithöchsten Note belohnt, doch lassen wir hier natürlich das Recht des Zahlenden gelten. Ich versuche mich an einem St. Magdalene 1975, und vergebe die Note 7. Markus erteilt für einen Springbank eine 8.
Da es uns hier so gefällt, fahren wir nach einigen Gläsern Stockholmer Trinkwassers mit unserer wissenschaftlichen Studie fort. Ich bestelle einen Caol Ila 1984, 25 Jahre, mit läppischen 56,9 % Alkohol, genieße ihn wegen diesem hohen Alkoholgehalt mit etwas Wasser und gebe ihm eine Note 7, Daniel sogar eine Note 8. Nun ist es Zeit für Markus seinem Höhepunkt des Abends; einen Springbank 1993, mit 53,5 % Alkohol. Ohne lange zu überlegen erteilt er eine glatte Zehn. Wie verschieden sind die Geschmäcker, ich kann ihm nur eine 6 abgewinnen und Daniel vergibt immerhin die Note 9.
Während dem fachmännischen Auswerten der Verkostung, dem Durchblättern der ausliegenden Kataloge, dem Trinken von Wasser, rast die Zeit dahin. Bei einem Blick auf die Uhr stellen wir fest, dass wir seit langer Zeit keine Zigaretten genossen haben, Daniels Snus vermag unser Verlangen nicht mehr zu unterdrücken. Also ist Zeit für eine neue Pause.
Auf dem Hof machen wir die Feststellung, dass das buntgemischte Publikum zu 80 % aus Männern besteht, und die sind von leicht angetrunken bis sternhagelvoll. 95 % der Anwesenden haben ein Glas in der Hand. 99 % sehen zufrieden aus. Nach dem Konsum von frischer Luft, vermischt mit Nikotin, zieht es uns erneut in die Heilige Halle des Whiskys.
Wir trinken einen Royal Lochnagar, 22 Jahre (Note 9), und einen Auchentoshan, 19 Jahre (Note 9). Nun wagt sich Daniel an die Neuheit der Saison; einen Kilchoman, der neuste Whisky der Insel Islay. Scheinbar noch zu neu, denn erhält nur die Note 6. Unser Befinden verführt zu neuen Herausforderungen und leider zu Übermut und ich begehe einen üblen Anfängerfehler. Ich bestelle einen Laphroaig 1990, 56 % Alkohol, einen heftigen Zeitgenossen, der aufgrund seiner Rauchigkeit (Torfigkeit) für den Rest des Abends, und auch für die nächsten Tage, meine Geschmacksnerven vollständig zerstört. Zudem ist er sehr muffig und kann mich nicht überzeugen, Note 5.
Mein Vorschlag auf ein Bier kommt gut an. Am Hallenende erblicken wir den Stand einer finnischen Brauerei mit dem schönen Namen Teerenpeli aus der Stadt Lahti. Die Herrschaften aus Finnland wirken nicht nur als Bierbrauer, sondern betreiben auch eine Destillery. Dass die Schweden erstklassigen Whisky herstellen können, wissen wir seit dem Erfolg von Mackmyra. Dass Finnland ebenfalls diesen Weg beschreiten möchte ist uns bisher unbekannt gewesen. Daniel lächelt etwas gehässig bei den Worten „Finnland“ und „Whisky“. Wir sehen sein Verhalten im Kontext der Rivalitäten der skandinavischen Nationen untereinander und wagen uns nicht in diese innerskandinavischen Angelegenheiten einzumischen. Doch schon der erste Schluck schockiert zu sehr. Ich versuche mich diplomatisch aus der Affäre zu ziehen und bestehe darauf, dass dieses Gesöff bei längerer, viel längerer Lagerung seine Qualität noch steigern kann. Daniel verneint das. „Finnland“ und „Whisky“ wäre nun mal ein Widerspruch.
Wenigstens schmeckt das Bier aus Lahti angenehm. Eine berechtigte Spitze gegen die schwedischen Biere kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen. Doch ist Daniel wegen des Fauxpas der finnischen Whiskybrenner dermaßen gut gelaunt, dass meine Stänkerei ins Leere läuft. Ich möchte nicht die Stimmung eines deutschen Kirmesfestes in Stockholm einführen und unterlasse es für dieses Mal einen Schweden zu belehren.
Die Hallen sind voll geworden. Nur langsam kommt man auf seiner Pirsch nach Außergewöhnlichem voran. Aber alles geht sehr gesittet vor sich, niemand der schreit, ernsthaft provoziert oder seinen Rausch auf aggressive Art beweisen müsste. Man prostet dem Unbekannten neben sich zu und teilt seine Erfahrung mit ihm. Man wünscht sich einen schönen Abend und kämpft sich zum nächsten Stand. Lediglich wenn an einem Tresen eine Frau bedient, mitunter sogar jung und liebreizend ist, entsteht Unruhe, versuchen die angetrunkenen Männer vergeblich Haltung anzunehmen, also zum Beispiel die Bierbäuche einzuziehen oder einfach nur gerade zu stehen. Sie bilden dann eine gierige Meute, die jeden ihrer Schritte begafft. Es bleibt zu hoffen, dass diese Geschöpfe ausreichend für das Erdulden dieses Spektakels entlohnt werden.
Doch kommen wir zurück auf unsere wissenschaftliche Forschung. Wir genehmigen uns ein Einbecker Brauherrenpils und sind unfähig eine Meinung zu finden. Keine Geschmacksunterschiede sind zu finden. Sollte es das gewesen sein? Wir geben noch nicht auf. Probieren das Bier Skjalfti (übersetzt: Erdbeben), ein isländisches und dunkles Gebräu. Für uns hat es ebenfalls keine Eigenschaften. Die Geschmacksnerven sind überstrapaziert. Damit ist der Tag auf der Messe für uns gelaufen. Uns gegenseitig stützend verlassen wir fröhlich die Halle.
Draußen begehren noch Hunderte Einlass. Weiter hinten verhandelt Daniel mit verschiedenen Taxifahrern über die günstigste Möglichkeit zur Abfahrt. Für uns Ex-Berliner immer wieder eine ungewohnte Erfahrung. Für was gibt es Taximeter?
Nach einiger Zeit findet Daniel das richtige Fahrzeug und wir steigen ein. Während der Fahrt bedauern wir die begrenzten physischen Möglichkeiten zum Testen von Alkohol. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht? Warum wird unsere Freiheit dermaßen eingeschränkt? Und weshalb dreht sich alles?
Daniel, Markus und ich brausen frohgestimmt die Autobahn entlang in Richtung Innenstadt. Die nächtliche Silhouette Stockholms leuchtet uns den Weg nach Hause. Unser erstes und letztes Fazit des Abends lautet, wir kommen nächstes Jahr wieder und fahren dort fort, wo wir dieses Jahr aufhören mussten.
Stockholm Öl- & Whisky Festival, nach eigenen Angaben Europas größte Biermesse und die größte Whiskymesse der Welt. Beginnt in diesem Jahr am 30.September und der Eintritt kostet 199,-Kronen Alle weiteren Informationen zur diesjährigen Veranstaltung und nette Bildchen auf www.stockholmbeer.se
Mackmyra- erstklassiger schwedischer Whisky, leider sind die ersten und vortrefflichen Ausgaben nur noch in Sammlerkreisen vorhanden, in Monks Cafe, Wallingatan 38 darf man für viel Geld mal daran riechen. Die gewöhnlichen überall erhältlichen Ausgaben sind nichtsdestotrotz Meisterstücke.
www.mackmyra.se
(Alle Angaben ohne Gewähr)
Montag, 9. August 2010
Gränna- Das Paradies für Kinder oder wie Eltern durch das Polkaschwein Stress erleiden und dann mit Hilfe desselben ein wenig Ruhe finden
Zu oft hört man, Länder, Städte und auch Menschen müssen selber sehen wo sie bleiben, ihre Nischen suchen oder sich andauernd neu erfinden um den Herausforderungen der Globalisierung entgegentreten zu können und damit das eigene Überleben zu sichern oder zumindest ein erträgliches Auskommen zu finden. Trotz seiner Abartigkeit ist dieser Sachverhalt jedoch nicht ganz neu.
Im 19.Jahrhundert war Schweden ein agrarisch geprägtes Land, dessen begrenzte Anzahl von landwirtschaftlicher Nutzfläche bei weitem nicht ausreichte allen ausreichend Arbeit und Einkommen zu geben. Das führte, abgesehen von der Auswanderung vieler Schweden ins Ausland, zu einer bedeutenden Abwanderung vom Land in die Städte, dorthin wo durch die aufkommende Industrialisierung fleißige und billige Arbeitskräfte gesucht wurden.
Im Großen und Ganzen dauert diese Entwicklung an. Noch immer zieht es vor allem die Jugend vom Lande in die großen Städte. Dabei mögen vielleicht noch andere, geringfügigere Gründe eine Rolle spielen, doch die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten wirken immer noch als Hauptgrund die ländlichen Gebiete zu verlassen. Viele Gegenden sind deshalb fortwährend gezwungen etwas gegen den Bevölkerungsschwund zu unternehmen, ihre wirtschaftlichen Nischen zu finden, um die Jungen wie die Alten zu halten und ihnen eine Perspektive zu bieten. Nicht vielen gelingt das, aber hier und da führen diese Anstrengungen zu kleinen Erfolgen.
Da wäre zum Beispiel das Städtchen Arjeplog in der tiefsten lappländischen Pampa. Ein Ort, der sich darauf spezialisiert hat im Winter der globalen Automobilindustrie auf zugefrorenen Seen Testmöglichkeiten bereit zu stellen und damit recht gut fährt.
Da wäre das Beispiel Glasriket, ein Zusammenschluss von småländischen Dörfern in denen Glas geblasen, designt usw. und dann gemeinsam vermarktet wird. Erfolgreich lockt man dadurch jährlich hundertausende Besucher an und verkauft seine zerbrechlichen Erzeugnisse über die ganze Welt.
Und da wäre das Beispiel Gränna. Dieses Städtchen, auf einem langgestreckten Hang an der Ostseite des Vättern (Schwedens zweitgrößtem See) gelegen, hat vielleicht die sympathischste Marktlücke des Landes gefunden. Hier produziert man Polkaschweine (Polkagrisar). Eine Frau Amalia Eriksson aus Gränna erfand diese rot-weiße Süßigkeit in Stangenform bereits im 19.Jahrhundert. Kurze Zeit danach etablierte sich in Schweden der Brauch den Kindern an Weihnachten Polkagrisar zu schenken und heutzutage gehört das klebrige Zeug zu Schweden wie Seen, Felsen und Dalahästar. Kein Kind, das diese Süßigkeit nicht kennt, kaum ein Kind, das diese Süßigkeit nicht mag. Hört man von Gränna, denken alle Schweden augenblicklich an die Polkaschweine. Das muss der große Traum einer jeden Vermarktungsagentur sein.
Verlässt man die E4 in Richtung Gränna reiht sich ein Süßigkeitenladen an den anderen. Noch bevor man das Ortseingangsschild passiert, geben die Kinder schon keine Ruhe mehr. Zu sehr locken Werbeschilder zum Eintritt in die Zauberwelt. Man gibt den Druck schnell nach. Wofür ist man denn sonst hier? Hinter Schaufenstern üben Schüler und Studenten ihren Ferienjob aus in dem sie in Handarbeit die Polkaschweine herstellen. Mit großen Augen verfolgen die kleinen Neugierigen dem Geschehen. Mitunter erklingen Entzückungsrufe, bevor der Drang nach Süßem Oberhand gewinnt und die Kinder in den Verkaufsraum strömen. Die Auswahl fällt nicht leicht, denn es gibt Dutzende Sorten dieser zähnefeindlichen Erfindung. Natürlich sind die Eltern an dieser Stelle überfordert. Nicht so die Nachkommenschaft. Sie weiß genau was sie will, nämlich alles. Stange um Stange wandert in den Einkaufskorb und die Eltern haben vollauf zu tun, die Dinger unauffällig zurückzulegen. Am Ende entscheidet man sich nur für ein oder zwei Stangen, denn der Besuch von Gränna steht doch noch an seinem Anfang.
Die einzige und schmale Hauptstraße des Ortes ist vollgestopft mit den Autos der Touristen. Nur langsam geht es vorwärts. Die Suche nach einem Parkplatz entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Schauspiel. Die Sonne scheint, es ist heiß. Das ist die richtige Mischung um die Kleinen zu nörgelnden Ungeheuern werden zu lassen. Aber wir sind glücklicherweise in Gränna, denn an diesem Punkt kommt das Polkaschwein ins Spiel. Zufrieden lecken die Kinder an der Riesensuperbesonderstollenausgabe herum und geben Ruhe. Die Konzentration auf das Wesentliche, also auf die Suche nach dem Parkplatz, fällt nun nicht mehr so schwer und wird kurze Zeit später vom Erfolg gekrönt.
Die Stadt präsentiert sich schick. Die Häuser sind frisch gestrichen und herausgeputzt. Gränna unterscheidet sich dadurch von vielen anderen ländlichen Gemeinden Schwedens. Beim Spaziergang auf den ebenfalls mit Touristen vollgestopften Fußwegen fällt sofort ins Auge, dass sich auch hier Polkagrisladen an Polkagrisladen aneinander reiht. Die Kinder zieht es natürlich in alle hinein. Die daraus rührenden Meinungsverschiedenheiten belasten bald den Familienfrieden. Die Eltern schwitzen und sind eigentlich nur damit beschäftigt, ihre Augäpfel, ihre Sprösslinge oder ihre Gören zu bremsen. Ganz nebenbei gewinnt man bei diesem Kampf einen Überblick über Angebot und Preise. Das erleichtert mit der Zeit die Verhandlungen mit den Kleinen. Mit ein bisschen Überredungskunst kommt man leichter über die Art des Inhalts des Einkaufskorbes überein und am Ende verlassen dann alle glücklich den Laden mit einer kleinen, aber genau richtigen Auswahl an Polkaschweinen.
Nach dem die Geschäfte geschlossen und die Tagestouristen das Städtchen verlassen haben ist der richtige Zeitpunkt gekommen um durchzuatmen. In Gränna ist es nicht schwer ein grünes Plätzchen zu finden, von dem man aus den Vättern sehen kann. Beinahe bis zum Ende des Horizontes erstreckt sich der dunkelblaue See. Direkt gegenüber liegt Visingsö, die flache und geschichtsreiche Insel, wie ein schwimmender Teppich auf der Wasserfläche. Als die Sonne sich anschickt unterzugehen, fängt der See an zu glitzern. Die Stadt und dahinter die Berge färben sich rot. Die Kinder lecken derweil zufrieden an ihrer Polkagrisstange, mit nichts anderen beschäftigt. Es wird klar, Gränna hat noch mehr zu bieten, als nur Süßigkeiten. Der Urlaub kann nun endlich beginnen.
Grännas Seite im Internet
www.http://www.grm.se/turistinfo/
Freitag, 2. Juli 2010
Sommer, Fußball und Privatisierung
Der schwedische Sommer zeigt sich von seiner besten Seite. Die Sonne will sich einfach nicht mehr verstecken und beim Baden im See vorm Balkon findet man kaum noch Abkühlung. Die meisten Mitbewohner im Kiez lächeln sich an und grüßen sich und die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika sorgt für zusätzliche Glücksgefühle. Mir scheint damit ist der Höhepunkt des Jahres erreicht, von nun an kann es nur noch abwärts gehen.
Wenn das nicht schon schleichend geschehen ist. Es läuft das Achtelfinalspiel Brasilien gegen Chile. Für Chile läuft es nichts so rund, wie wir Fachleute sagen würden. Für einen Nachbarn Grund genug, seinen Unmut durch lautes Gezeter kund zu tun. Verständlich, wie ich meine, nur leider stehen alle Fenster und Türen offen. Sein Geschrei, die Vuvuzuelas und die Stimmen der Moderatoren hallen über den Hof.
Sein direkter Nachbar, der den Abend still auf seinem Balkon mit dem Betrachten von See und Wald verbringen möchte, fühlt sich gestört. Doch trotz der Aufforderung des Ruhesuchenden denkt der Fußballsehende nicht daran sein Verhalten zu ändern. Chile findet immer noch kein Mittel gegen die brasilianische Verteidigung. Und das ist für ihn wohl in diesem Moment die bedeutsamste Sache der Welt.
Der sich gestört gefühlte Nachbar reagiert mit einem Anruf bei der Polizei und bittet um Hilfe wegen Ruhestörung. Und schon nach wenigen Minuten erscheint ein Fahrzeug der Firma Securitas AB. Eine private Wachschutzfirma mit schwedischen Wurzeln, aber überall auf diesem Planeten aktiv. Hier in Schweden schützen die Mitarbeiter dieser Firma nicht nur Werttransporte, Gebäude und Flughäfen u.s.w., sondern suchen auch Schwarzfahrer in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder verteilen gern Strafzettel wegen Falschparken. Aufgaben, für die vor nicht allzulanger Zeit noch staatliche Stellen zuständig waren.
Aber dass an diesem Abend statt der Polizei zwei grimmig blickende Wachschützer auftauchen um für Ruhe zu sorgen, sorgt bei mir doch für einige Verwunderung. Leicht erkennt man daran eine neue Qualität bei der freiwilligen Aufgabe von Hoheitsrechten eines Staates. Es drängt sich die Frage auf, wie weit kann ein Land wie Schweden bei der Privatisierung gehen?
Das Geschehen während diesem schönen Sommerabend hat sich auf den Hof verlagert. Der Fußballgucker streitet sich mit den Wachschützern. Eine Weile befürchten die Zuseher auf den Balkons, dass die Situation eskalieren könnte. Was würden dann die Mitarbeiter der Securitas AB tun? Ihn festnehmen und über Nacht ins firmeneigene Gefängnis werfen oder lediglich mit ihm ringen, ihm vielleicht ein blaues Auge verpassen oder ähnliches?
Nur aus Neugier hofft man beinahe, der Nachbar würde das austesten. Aber sein Ärger verebbt nach einem Weilchen, zumal das Fußballspiel nun zu Ende ist und kein Grund mehr besteht den Fernseher anzuschreien. Er beruhigt sich alsbald, natürlich nicht ohne vorher dem ruheliebenden Nachbarn hämisch eine Gute Nacht zu wünschen. Die Wachschützer fahren wieder ab und Stille kehrt ein.
Nur die Vögel wollen einfach keine Ruhe geben. Sie werden die ganze helle Nacht hindurch vor sich hin zwitschern.
Freitag, 4. Juni 2010
Stadt der Liebe
Haben Sie sich gerade in eine Ehe gestürzt? Dann ist es an Ihnen sich unverzüglich an die Tageszeitung Dagens Nyheter (DN) zu wenden. Für ihre große Hochzeitbeilage, die am 20.Juni erscheinen soll, suchen die Verantwortlichen der Zeitung noch viele Frischvermählte, die bereit sind ihre Konterfeis als schmuckes Beiwerk zu spenden. Als Beiwerk wohlgemerkt, denn der Platz als Hauptaufhänger ist bereits vergeben.
Am Sonnabend, dem 19. Juni, um 15.30 Uhr, in der Storkyrka zu Stockholm trauen Viktoria von Schweden, ihres Zeichens Kronprinzessin von Schweden, und Daniel, der gewöhnliche Junge aus Ockelbo (wie ihn die Presse beschreibt), sich zu trauen. Ein Festtag, der wohl jedem Anhänger der Monarchie die Freudentränen in die Augen treiben wird.
Glaubten die anderen Mitbürger, dieses Ereignis mit freundlichem Desinteresse begegnen zu können, entpuppte sich dieses Vorhaben in den letzten Wochen als traurige Illusion. Die Fernsehsender im Land des Elches begannen mit der Dauerausstrahlung von Sondersendungen über das Königshaus, über das glückliche Brautpaar und über die Freude, die die Untertanen seiner königlichen Majestät empfinden.
Die Zeitungen berichten tagtäglich über beinahe alle die durch ihrer Hände Arbeit zum Gelingen des rauschenden Festes beitragen werden. Wir wissen nun endlich wer warum das Hochzeitmahl kochen wird, wer das Glück hatte, das Kleid der Braut zu nähen, wie eine Hochzeitstorte auszusehen hat, oder wann die Schulzeit des Kutschenfahrers endete.
Fünfjährige Kinder werden interviewt, weil sie auserkoren wurden an der Wegstrecke der Kutsche Lieder zu singen und damit dem Brautpaar zu huldigen. Das zumindest bringt uns die Erkenntnis, dass die kleinen Mäuse eine erfrischende eigene Sichtweise zur Staatsform und zum dynastischen Prinzip aufbringen: jede Zweite will später selbst die Prinzessin werden.
Die Stockholmer Stadtoberen mussten sich natürlich auch einbringen, also ließen sie sich ein Liebesfest einfallen. Ab Sonntag, dem 06.Juni, finden unter dem Namen LOVE STOCKHOLM 2010 überall in der Stadt Veranstaltungen statt, die in irgendeiner Form mit der Hochzeit und der Liebe zu tun haben. Das reicht von gemeinsamen Gartenspaziergängen, bei dem die Blumen der Liebe gesucht werden können und sollen, über das Einkleiden von Puppen mit Prinzessinnenkleidern (Achtung nur für Kinder!), bis zur LoveBoat Party in einem Vorort für Leute ab 40. Damit das den Stockholmern auch gar nicht entgeht, wird man ständig und überall auf diese großartigen Erfindungen hingewiesen.
Von Gegenmaßnahmen der republikanisch Gesinnten, beispielsweise ein Picknick der Polygamisten oder eine Wir-schreien-uns-alle-ganz-laut–an-Parade, ist mir bisher nichts bekannt. Und genau das ist das Problem, man gewinnt den Eindruck, die Stockholmer geben sich kollektiv dem schmalzigen Liebesrausch hin, ohne jemals zum befreienden bacchantischen Treiben überzugehen. Sozusagen wie der ewig hinausgezögerte Orgasmus.
Das und dazu noch die übertriebenen Straßenabsperrungen, die angebotenen Massen von Artikeln mit den Bildnissen des Hochzeitspaares in allen Läden, der Applaus über die Idee, seiner königlichen Hoheit, dem neuen Herzog von Västergötland, vormals der gewöhnliche Junge Daniel, ein eigenes Wappen zu schaffen,und vieles, vieles mehr, lassen mich nur noch mit dem Kopf schütteln. Ich merke, ich muss raus aus diesem Smog der Harmonie.
Berlin, ich komme!
Freitag, 9. April 2010
Begegnung
In einem Lokal einer gemeinnützigen Organisation, irgendwo in Stockholm. Man sitzt bei Kaffee und frischen Kanellbullar, den schwedischen Zimtschnecken, und spricht über die Kommunalwahl im September, die verschiedenen Möglichkeiten ihres Ausgangs und die jeweiligen zu erwartenden Auswirkungen auf die Arbeit der Organisation.
Es klopft und die Tür öffnet sich. Zwei Gestalten in abgelebter Kleidung treten schüchtern hinein und bitten unsicher umherblickend um eine Auskunft. Der eine mit blassen Gesicht und dick geschwollener Wange erzählt, er hätte Zahnschmerzen und benötige dringend medizinische Hilfe. Er fährt fort, sein Problem wäre sein Status als Papierloser, also illegaler Einwanderer. Er habe gehört, dass ihm hier vielleicht geholfen werden könnte.
Mein Gastgeber und Gesprächspartner steht auf, ohne eine Miene zu verziehen, kramt in seinem Schreibtisch und gibt dem Hilfesuchenden eine Handvoll Schmerztabletten. Aus dem Kopf schreibt er eine Telefonnummer auf. Auf die Frage, woher er käme, benennt er eine ehemalige asiatische Sowjetrepublik als Heimat. Es folgt ein kurzer Bericht über den Verfall seines Landes nach der Unabhängigkeit und dann die Gegenfrage, ob denn sein Heimatland bekannt wäre?
Als mein Gastgeber bejaht, huscht über das Gesicht des Papierlosen ein Lächeln, trotz der offensichtlich starken Zahnschmerzen. Die meisten Schweden kennten das Land nicht mal vom Namen her und dächten regelmäßig, er verarschte sie, klagt er, bevor er dankend die Tabletten und die Telefonnummer in die Tasche wandern lässt und mit seinem stummgebliebenen Begleiter wieder verschwindet.
Wir widmen uns wieder dem Kaffee und den leckeren Kanellbullar. Ich möchte von meinem Gesprächspartner wissen, ob es häufiger vorkäme, dass Menschen ohne Papiere um Hilfe nachsuchten und ob er wüsste, wie viele es sind, die sich in Schweden ohne Aufenthaltsgenehmigung durchschlagen müssten, und er erzählt, er hätte keine genauen Zahlen, was schon in der Natur der Sache läge, aber dass er doch eine beträchtliche Steigerung der Hilfsgesuche wahrnähme, im Vergleich zu früheren Zeiten, und dass er davon ableite, es gäbe wohl immer mehr, die sich in Schweden auf diese Weise durchschlügen.
Dann berichtet er von Ärzten und Krankenschwestern, die neben ihren gewöhnlichen, offiziellen Berufsleben die Behandlung von Menschen ohne Recht auf Krankenversorgung in ihrer Freizeit übernähmen. Natürlich unentgeltlich und auf eigene Gefahr. Die Behörden sähen zwar mehr oder weniger darüber hinweg, schöben die Papierlosen jedoch bei der erstbesten Gelegenheit ab. Deshalb auch die Vorsicht, mit der sich uns die Beiden vorhin näherten. Dann sagt er noch seufzend, es wäre wohl alles nicht so einfach. Ich schlürfe meinen Kaffee und nicke.
Donnerstag, 18. Februar 2010
Ort des Gemeinschaftslebens
Beispiel von zielgruppenorientierter Werbung. Dieses Schild hängt in verschiedenen Tvättstugor und verspricht Frauen Hilfe bei Gewalt in der Familie.
Manchmal ist es wie verteufelt. Man sucht Stunden um Stunden Material, also wissenschaftliche Abhandlungen, Bücher, Zeitungsartikel o.ä., nur um am Ende festzustellen, dass sich bisher niemand oder nur wenige für den eigentlich aufsehenerregenden Gegenstand interessierten und deshalb bisher keine objektiven oder subjektiven Auslassungen zum Thema vorliegen, der zu betrachtende Gegenstand gewissermaßen als unbekanntes Pflänzchen im riesigen Bereich der Flora des Wissens der Menschheit vor sich hin vegetiert.
Das erschwert das Schreiben ungemein, erzeugt aber in mir das befriedigende Gefühl dieses Feld als einer der ersten zu beackern und damit Pionierarbeit im Dienste der Ethnographie zu leisten, bevor der stetige Veränderungszwang, der jeder menschlichen Gesellschaft innewohnt, diese Besonderheit im schwedischen Gemeinschaftsleben hinwegfegen wird.
Um es abzukürzen und um meinen Stolz zu mäßigen, heute geht es um die Tvättstuga.
Wortwörtlich übersetzt (Waschhütte) verrät der Name noch den wahren Ursprung dieser Institution. Ältere Leser wissen vielleicht noch aus Erzählungen ihrer Groß- oder Urgroßeltern von ähnlichen Einrichtungen in Mitteleuropa, die in ländlichen Gebieten unter den Namen Waschküche oder Waschkeller weit verbreitet gewesen sein sollen.
In Schweden kam man in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die Idee in Mehrfamilienhäusern solche Räume bzw. Keller einzurichten, und damit allen Bewohnern zu ermöglichen, die notwendige Tätigkeit des Wäschewaschens nach neuer Art wahrzunehmen. Diese Einrichtung galt damals als ausgesprochen modern und sozial. Folglich setzte sich diese Idee in den folgenden Jahrzehnten im Land immer mehr durch. Heutzutage sind mehr oder weniger alle Mehrfamilienhäuser mit einer Tvättstuga ausgerüstet. Sofern also jemand das Glück hatte eine Wohnung erhalten zu haben, ist er nicht gezwungen eine Waschmaschine zu kaufen und kann trotzdem kostenlos seine Wäsche waschen.
Die Tvättstugor sind gewöhnlich mit allem ausgerüstet, was der Markt für Haushaltswaren hergibt. Moderne Waschmaschinen, Trockenschränke, Wäschetrockner etc. erleichtern die früher mühselige Arbeit. Spätestens nach 3 Stunden hält man die gewaschene, gutriechende und staubtrockene Wäsche in seinen Händen und braucht sie nur noch hoch in die Wohnung schleppen.
Normalerweiser kommt man in Stockholm mit seinen Nachbarn, wie in anderen Städten der westlichen Zivilisation auch, selten in Kontakt. Aber im Waschkeller ist das anders. Hier, wo man sein Intimstes in der Form von getragener Wäsche offenbart, erklärt man sich gegenseitig die unübersichtlichen Waschprogramme, hilft sich gegenseitig bei Malheuren und technischen Problemen, und zu guter Letzt schnackt man über all die Alltäglichkeiten und Neuigkeiten, die einen gerade bewegen.
In der Sache am geübtesten sind die älteren Damen. Sie bringen sich Kaffee, Imbiss, Zeitungen und Kreuzworträtsel mit, lassen diese aber unausgefüllt, weil sie stattdessen 3 Stunden im freundlichen Ton mit den Nachbarn klönen, sich dabei aber bemühen, niemals ihre Wäsche aus den Augen zu lassen, während die Jüngeren sich entspannter verhalten, auf unnütze Mitbringsel verzichten und ihre Wäsche auch mal unbeaufsichtigt lassen. Aber reden tun die auch.
Vielleicht handelt es sich bei den Tvättstugor um die letzten wirklichen Überbleibsel der Thing, der alten germanischen Volksversammlungen, auf denen das Volk beriet und dann seine Entscheidungen traf, bevor die Könige dem Volk erst die Entscheidungsbefugnisse abnahmen, dann das Rederecht, um die Thing schlussendlich ganz abzuschaffen.
Wie auch immer. Im Waschkeller hört man des Volkes Meinung. Kaum ein Thema das hier nicht angeschnitten wird. Den Meinungsforschungsinstituten möchte ich aus wissenschaftlicher Solidarität empfehlen ihre Befragungen in den Tvättstugor durchzuführen, genauere Ergebnisse kann man auch per Telefon nicht erhalten.
Die Menschen haben im Laufe der Jahrzehnte auch einige äußerliche Merkmale im Zusammenhang mit dem Wäschewaschen entwickelt, die aus ethnologischer Sicht unbedingt erwähnt werden müssen. Sieht man beispielsweise auf der Straße jemanden mit einem gefüllten blauen IKEA-Beutel, kann man sich sicher sein, dass diese Person auf dem Weg in den Waschkeller ist. Es ist beinahe unglaublich, der überwiegende Teil der Mehrfamilienhausbevölkerung trägt seine Schmutzwäsche in den Beuteln des Herrn Kamprad durch die Gegend. Ob aus praktischen Erwägungen oder aus Liebe zur Uniformität hat sich mir noch nicht erschlossen. Vielleicht ist das lediglich eine Modererscheinung, oder irgendein Ritual oder von allem etwas. Jedenfalls wagen nur die jungen Wilden, mit der jeder Jugend eigenen Frechheit, auf die blaue Uniformität zu verzichten und transportieren ihre Wäsche in gewöhnlichen Plastikbeuteln und Papiertüten. So zeigt man seine Abscheu gegenüber den geltenden Konventionen ohne gleich die Revolution ausrufen zu müssen. Später, bei der Erlangung des ersten festen Jobs, zur ersten Hochzeit oder zur Geburt des ersten Kindes, kann man dann ohne schlechtes Gewissen und ohne Vorstrafen zur Benutzung des blauen Beutels übergehen. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die älteren Damen bevorzugt einen Trolley benutzen. Wie sollen auch sonst Wäsche und Thermoskanne und Kuchen und die ältere Dame selbst heil in der Tvättstuga ankommen? Das ändert nichts am genannten Sachverhalt, Schweden benutzt zum Wäschetragen blaue IKEA-Beutel.
Tagsüber an einem Wochentag trifft man im Waschkeller vorwiegend die von der Arbeit befreiten Nachbarn, also Studenten, Arbeitslose, junge Mütter, Rentiers und sonstige Personen. Am Nachmittag erscheinen dann die Berufstätigen, meist mit Kindern und Massen von Wäsche, während die Jungen erst am späten Abend auf der Bildfläche erscheinen, als ob ihnen rechtzeitig vor dem Schlafengehen noch einfiel, dass da noch was zu erledigen war. Nur die älteren Damen mit ihren Trolleys, die tauchen zu jeder Zeit auf.
Am Wochenende wird es dann ganz eng. Wäre das Waschen zur Nachtzeit nicht verboten, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass nun rund um die Uhr gewaschen würde. Die Maschinen laufen, die Kinder tollen und die Erwachsenen tratschen. Es ist laut, unübersichtlich und unterhaltsam. Mit ein bisschen Phantasie fühlt man sich dann zurückversetzt in die gute alte Zeit, als das ganze Dorf sich zum Waschen am Bach versammelte.
Aber es herrscht nicht nur Harmonie vor. Ich möchte das nicht verschweigen. Die Tvättstugor sind Teil der Gesellschaft und damit auch Schauplatz ihrer Verwerfungen. Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über Schlägereien oder andere Straftaten in Schwedens Waschkellern berichten. Man streitet sich um die Waschzeiten, Waschmaschinen oder um hinterlassenen Dreck. Es folgt Wort auf Wort und gelegentlich ein Faustschlag. Auch Diebstähle sind an der Tagesordnung. Kleidung wechselt also häufig den Besitzer und man versteht nun die Bemühungen der älteren Damen auf ihre Wäsche aufzupassen. Was sich mir nicht erschließen möchte, ist das Wesen der Leute, die fremde Wäsche klauen.
Zu sehr möchte ich das alles nicht dramatisieren. Man muss sich nicht bewaffnen, wenn man seine Wäsche waschen möchte. In meiner dreijährigen Zeit als Waschkellerbenutzer ist mir niemals Gewalt begegnet und nur einmal wurde mir etwas gestohlen und zwar mein blauer IKEA-Beutel. Abgesehen von der Schwierigkeit einen Wäscheberg ohne ein Behältnis hoch in die Wohnung zu tragen, ist mir also kaum Schaden entstanden. Im Gegenteil, durch die Tvättstuga lernte ich meine Nachbarn kennen und wie bereits gesagt, das gestaltet sich sonst nicht so einfach.
Die Olympischen Winterspiele in Vancouver bringen allerhand deutsch-schwedische Duelle mit sich. Letzte Nacht trennten sich Schweden und Deutschland im Eishockey der Herren 2:0, im Curling sah es für die Herren aus Deutschland nicht besser aus. Hier gewann die schwedische Nationalmannschaft 6:3.
Montag, 8. Februar 2010
Televisionäre Frühlingsboten
Bereits seit letztem Dienstag bemüht sich Stefan Raab den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den die Verantwortlichen der ARD beim deutschen Auswahlverfahren zum Eurovision-Song-Contest (ESC) in den letzten Jahren hinterlassen haben. In der Sendung mit dem eingängigen und wohl einmaligen Namen „Unser Star für Oslo“ wettstreiten Deutschlands Gesangsnachwuchstalente in mehreren Abschnitten um das eine Ticket zum größten Popmusikereignis des Jahres in der Telenor Arena zu Oslo am 29.Mai.
Bei der Ausarbeitung des neuen Konzepts diente das bewährte schwedische System als Vorbild. Unter dem seit 1967 benutzten Namen Melodifestival oder Melodifestivalen finden sich im Spätwinter die Nachtigallen Schwedens in verschiedenen Provinzstädten ein, um sich zum Endausscheid nach Stockholm wählen zu lassen.
Begleitet von einem immensen Medienrummel begann vorgestern die diesjährige Ausgabe der schwedischen Version im Städtchen Örnsköldsvik. Sogleich zeigte sich der vielleicht entscheidende Unterschied zu Herrn Raabs Bemühungen. Jede Sängerin, jeder Sänger oder jede Musikgruppe legte das eigene Können durch eigens geschriebenen Lieder dar, während bisher in der deutschen Version jeder Erschienene nur bereits berühmte Songs zum Besten gab.
Der schwedische Zuschauer wählt somit nicht nur den Interpreten, sondern auch zugleich den Song, den er als am erfolgversprechendsten ansieht. Der deutsche Interessierte kauft stattdessen die Katze im Sack.
Ich verstehe, dass Herr Raab als Musikproduzent sein eigenes Lied nach Oslo schicken möchte und daher nur den passenden Interpreten dafür sucht, aber im Sinne der gewünschten Qualitätssteigerung und größerer Erfolgsaussichten scheint mir das nicht zu liegen. Vielleicht ein Grund dafür, dass in Deutschland 2,62 Millionen Zuschauer einschalteten, in Schweden dagegen 2,976 Millionen Zuschauer; mit der Bitte um Beachtung der Einwohnerzahlen beider Länder.
Mitteilungswürdige Erkenntnisse des ersten schwedischen Teilfinales sind zum einen, dass Dolph Lundgren noch am Leben ist, der Hollywoodschauspieler moderierte u.a. den Wettstreit, und zum anderen, dass in Örnsköldsvik tatsächlich eine genügend große Halle steht, um eine solche Veranstaltung durchführen zu können.
Aus Sicht der deutschen ESC-Gemeinde liegt also noch kein Grund zur Beunruhigung vor. Die am Sonnabend in Örnsköldsvik dargebotenen und weitergekommenen Musikstückchen versprechen Schweden keine vorderen Plätze in Oslo und da es aus Deutschland noch überhaupt kein Versprechen gab, bleibt uns nichts weiter übrig als dran zu bleiben und uns noch die restlichen Vor-, Halb- und anderen Teilentscheidungen anzusehen, bevor uns das dann große Finale im schönen Mai erwartet.
Max Kenner, Stockholm
Dienstags Pro 7 20.15 Uhr „Unser Star für Oslo“ (Website )
Sonnabends SVT1 20.00 Uhr „Melodifestivalen“ ( Website )
Donnerstag, 4. Februar 2010
Von Mützen und Hüten
Was für eine Woche! Hiddensee, die schönste Ostseeinsel der Welt, ist von derselben abgeschlossen und per Luftbrücke muss das Verhungern der dortigen Bevölkerung verhindert werden, dann benutzte der eifrige Schneeräumdienst der Stadt Stockholm mein Auto als Fundament beim Bau eines mittelgroßen Hügels aus überschüssigen Schnee, was mir zu der großen Freude verhalf mit einer kleineren Müllschippe diesen Dreck der Natur in stundenlanger Arbeit zurück auf die Straße zu befördern, und dann veröffentliche das Schwedische Meteorologische Institut (SMHI) auch noch die erschreckenden statistischen Wetterdaten des letzten Monats.
Über den gesamten Monat Januar hinweg überstiegen die Temperaturen im Großraum Stockholm in keinem Augenblick den Gefrierpunkt. Es bestand also nie eine Chance darauf, dass dieser pestartige Schneebefall verschwinden konnte. So ähnlich hatte ich mir das schon gedacht. Die Herrschaften des Institutes veranlasste das von einer Sensation zu sprechen, denn seit dem Jahr 1829 war das nicht mehr vorgekommen. Ich vermeinte eine heimliche Freude aus ihren Worten zu vernehmen...
1829! In diesem Jahr wurde in Indien offiziell die Witwenverbrennung abgeschafft und hier in Stockholm benutzte man zur Fortbewegung Schlitten. Schneeräumdienste und Autos waren noch nicht erfunden. Es handelt sich also um gefühltes Mittelalter.
Dieses außergewöhnliche Wetter macht es notwendig sich ausreichend anzupassen. Um nicht aus Versehen zu erfrieren, bekleidet man sich mit langen Unterhosen, zusätzlichen Socken, Schals und selbstverständlich mit Mützen oder Hüten. Der Kopf soll ja die Achillesferse der Menschen im Kampf gegen die Kälte sein. Die Wärme des Körpers entweicht zu einem gehörigen Teil über den Kopf. Nach bestätigten Informationen hat das, neben der Biologie, mit Physik zu tun.
Grundsätzlich wäre die Benutzung einer Mütze oder eines Hutes nicht der Rede wert, gäbe es in der Natur des Menschen nicht die eine oder andere Schwäche, die in der Mützenangelegenheit so schön und in selten reiner Form zum Vorschein kommt.
Es beginnt damit, dass bei der Auswahl der Kopfbedeckung in vielen Fällen soziale, ideologische, geschlechterspezifische, überhaupt gruppenbasierende, und allerhand sonstige Ansichten zum Tragen kommen und die wärmeerhaltende Qualität der Mütze in den Hintergrund tritt.
Einem coolen Rapper aus einem der südlichen Vororte der Stadt, dürfte es schwerfallen die selbstgestrickte Pudelmütze seiner Oma aufzusetzen, steht diese doch seinem Image diametral entgegen.
Genauso verhält es sich in Kreisen in denen der Wunsch Statussymbole zu besitzen überhandgenommen hat, und in Folge dessen lediglich deren Markenfetischismus den Charakter der Kopfbedeckungen bestimmt. Wichtig ist dann nur noch der Name einer Firma, der möglichst großgeschrieben auf dem Hut prangt, und das gestiegene Selbstwertgefühl, das der Trägers dadurch erhält.
Schon allein die Entscheidung Hut oder Mütze (schwedisch: hatt eller mössa) bestimmt sich durch individuelle Vorlieben und persönliche Voraussetzungen und verrät den aufmerksamen Beobachter viel vom Wesen seines Betrachtungsobjektes.
Die unterschiedlichen Gewichtungen und Gesinnungen zeigen sich jedoch auch bei der Art des Tragens dieser Winterutensilien. Zum einen gibt es die Mitmenschen, ich möchte sie die Normalen nennen, die Hut und Mütze an Orten tragen, die kalt sind und sie absetzen, wenn sie sich an warmen Plätzen befinden. Gehen die Normalen in den örtlichen ICA- oder COOP-Supermarkt oder ins Kino, nehmen sie ihre Kopfbedeckung ab, kaufen ein oder kieken einen Film, und beim Verlassen der geschlossenen Räume bedecken sie wieder ihren Kopf. So weit, so gut.
Aber andere können sich in gleicher Situation nicht ihrer Eitelkeit erwehren. Der Kopf bleibt im Laden oder im Kino konsequent bedeckt. Es ist anzunehmen, dass dies auf der Angst beruht, die Frisur wäre keine mehr, die Haare vielleicht von der Mütze niedergedrückt, verwurschtelt, misshandelt und malträtiert und die anderen Mitbürger könnten darüber das ärgste Denken. Nein, unter diesen Umständen präsentiert man besser nicht die Wahrheit. Lieber schwitzt man bis zum Verlassen des Supermarkts und draußen ereilt den aufgeheizten Menschen ein Kälteschock.
Und dann gibt es noch die Mitmenschen, die zur Verhinderung der Zerstörung ihrer Haarpracht ganz und gar auf Kopfbedeckungen verzichten. Aus lauter Gefallsucht stapfen sie baren Hauptes durch Schneesturm und Kälte. Ihr Aussehen, ihre Schönheit oder ihre Wirkung auf die Umwelt bedeuten ihnen mehr als die schützende Wärme einer Mütze. Vielleicht möchten sie sich nur nicht durch das zusätzliche Gewicht einer Kopfbedeckung belasten, aber Haarspray oder Gel oder gekämmte Haare vermögen leider nicht die Rotfärbung der Ohren verhindern, ebenso wenig wie die nachfolgende Erkältung. Mit reinen Gewissen bestehen sie tatsächlich darauf mit ihrem Verhalten das Offenzeigen von Schwäche verhindert zu haben.
In etwas über drei Wochen steht schon oder endlich der meteorologische Frühlingsbeginn an. Schnee und Winterkleidung werden dann hoffentlich verschwinden. Halten Sie durch!
Montag, 25. Januar 2010
One Night in Stockholm
Raucherkabine auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda
Es soll ja Menschen geben, deren größtes Glück darin besteht, regelmäßig und in möglichst kurzer Zeit eine Städtereise mit Hilfe eines Billigfliegers zu unternehmen, nur um dann, nach Hause zurückgekehrt, auf einer Weltkarte die jeweilige Stadt abhaken zu können.Diese Art des Reisens leidet oft unter dem Nachteil, dass einem der Charakter oder die Sehenswürdigkeiten des Reiseziels und das Leben der Einheimischen verborgen bleiben.
Das ist besonders der Fall, wenn der Reisende versäumt mit ausreichenden Informationen einzufliegen und deshalb ziellos durch die Gegend irrt, seine Zeit vergeudet und im Endeffekt unbefriedigt die Heimreise antritt. Ich vermute, die Redewendung, ohne Spesen nichts gewesen, wird hier ihren Ursprung haben.
Um dem abzuhelfen, möchte ich Sie, dem Anhänger des Kurztrips, heute ein wenig in meiner Heimatstadt herumführen. Denn sollten Sie jemand sein, der den lockenden Angeboten von AirBerlin, Germanwings oder anderen Fluggesellschaften nur schwer widerstehen kann, und einen Flug nach Stockholm buchen, um dann die Perle des Nordens zu besuchen, können Sie wenigstens im Nachhinein nicht behaupten, Sie hätten nicht gewusst auf was Sie sich da eingelassen haben.
Jahrelange Forschungen haben ergeben, dass es sich bei den typischen 24-Stunden-Reisenden meist um junge, männliche, heterosexuelle, in kleinen Gruppen auftretende und erlebnisorientierte Zeitgenossen handelt, deren Erwartungen (Alkohol, Party, Sex, bisschen Sightseeing) mit der knapp bemessenen Zeit kollidieren.
Zielgruppenorientiertes Bloggen lag schon immer in meiner Absicht, deshalb werde ich mich in den folgenden Zeilen bemühen dieser neuen und durchaus gewollten Zielgruppe gerecht zu werden. Selbstverständlich nicht ohne für die Dame, für das Rentnerehepaar oder für den Naturburschen den einen oder anderen Hinweis einzuflechten.
Sie landen also am Flughafen. Im besten Fall während der Sommermonate. Vorrangig gilt nun schnellstmöglich die Stadt zu erreichen, denn die Uhr läuft ab jetzt.
Zur Auswahl stehen ihnen Taxi und Zug (schnell und teurer) und Bus (langsam, aber billiger). Ihr erstes Ziel sollte aus praktischen Gründen immer der Hauptbahnhof (T-Centralen) sein. Von hier sind alle wichtigen Sehenswürdigkeiten nicht weit entfernt oder gut zu erreichen.
Sie haben jetzt Hunger? Gut, dann ist es Zeit für einen Imbiss. Direkt am Bahnhof lockt die schwedische Hamburgerkette Max (Vasagatan 7) mit ihren Angeboten.
Genau so isst man Hamburger in Schweden. Die schmecken lecker und man rettet nebenbei auch noch die Umwelt, denn man bemüht sich, den durch die Essenszubereitung entstandenen Kohlendioxidausstoß durch das Pflanzen von Bäumen zu kompensieren.
Sind Sie nun gesättigt beginnt die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten. Da die Innenstadt Stockholms schnell durchlaufen ist, verzichten wir vorerst auf die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Über die Drottninggatan, der Einkaufsstraße der Stadt, gehen Sie in Richtung Gamla Stan (Altstadt). Möchten Sie den Daheimgebliebenen eine Postkarte schicken, ist nun der richtige Augenblick zuzuschlagen. Hier finden Sie die billigsten Postkarten Schwedens, bei denen es sich jedoch auch um die hässlichsten Exemplare handelt.
Nach einigen hundert Metern erreichen Sie den Strömmen, die Verbindung des Mälarsees mit der Ostsee. Auf der rechten Seite befindet sich Rosenbad, der Regierungssitz des Landes, vor Ihnen liegt der schwedische Reichstag, im Hintergrund eingerahmt vom Stadtschloss der Königs. Der gemeine Tourist erlebt hier für gewöhnlich seinen ersten Endorphinausstoß. Es handelt sich daher um einen beliebten Platz zum Fotografieren, also heraus mit der neuen Digitalkamera! Bei Bedarf dürfen Sie sich hier auch von fingerfertigen Masseuren bearbeiten lassen (Achtung! Nur im Sommer!).
Es geht weiter über die Brücke, hinein in die Altstadt. Für Leute mit Interesse an Wachablösungen oder an Königshäusern empfehle ich an dieser Stelle den Weg links hinauf zum Schloss zu nehmen. Alle anderen Tagestouristen folgen bitte den Weg weiter geradeaus. Sie befinden sich jetzt in der Västerlånggatan, berühmt für seine Souvenirläden und engen Cafés. Wundern Sie sich nicht über das Gedränge: die anderen Menschen in dieser Straße sind Tourist wie Sie.
Wenn Sie möchten dürfen Sie eine der engen Gassen in die linke Richtung nehmen.
Sie erreichen dort den Stortorget mit dem Nobelmuseum und weiteren Cafés. In der Vorweihnachtszeit gibt es hier auch einen kläglichen Weihnachtsmarkt zu bestaunen.
Sollte Ihnen jemand weismachen wollen, dass die Kanonenkugeln, die an den Fassaden der Häuser feststecken, dorthin geschossen wurden, lachen Sie ihn bitte über seine mangelhaften Physikkenntnisse aus! Weiter stehen in diesem Viertel seit etlichen Jahrhunderten einige Kirchen herum und bieten ein schönes Beispiel evangelischer Bescheidenheit.
Die ganze Angelegenheit in der Altstadt sollte nicht mehr als eine Stunde in Anspruch genommen haben. Sie dürfen kurz durchatmen! Ihnen bleiben noch etwa 20 Stunden.
Mancher wird sich jetzt fragen, was ist mit einem Bett für die Nacht, sollten wir nicht ein Hotel suchen? Ich schlage vor, darauf wird verzichtet. Ein Tag ist schnell vergangen und wer möchte seine knappe Zeit schon mit Schlafen vergeuden?
Für einige Touristen ist nun der richtige Zeitpunkt für eine Stadtrundfahrt mit einem Boot oder für einen Museumsbesuch gekommen. Vielleicht möchten sie das Vasamuseum begutachten, mit dem originalen Kriegsschiff von König Gustav Adolph II., das direkt nach dem Stapellauf unterging, oder vielleicht das Historische Museum, mit seinen Schätzen im gut gesicherten Keller, oder das Moderne Museum, das auf der schönen Insel Skeppsholm gelegen, zeitgenössische Kunst präsentiert.
Gemeinhin traut man dem bereits oben charakterisierten 24-Stunden-Reisenden nicht zu, Interessen für die alten und neuen kulturellen Glanzleistungen entwickelt zu haben, daher glaubt man auch nicht daran, dass diese wissen, jene Glanzleistungen in ausreichendem Maße zu würdigen. Aus diesem Grund denke ich meiner heutigen Zielgruppe empfehlen zu können, auf den Besuch jeglichen Museums zu verzichten. Und verweise lieber auf das Restaurants Efes am Brunkebergstorg.
Diese Lokalität kann nur mit einer Sache punkten, dem Bierpreis. Ein 0,6 Liter-Glas (!) mit Fassbier kostet hier nur 39 Kronen. Nirgendwo sonst in dieser Stadt ist man fähig oder bereit diesen Preis zu unterbieten.
Setzt der liebe Tourist stattdessen auf Qualität, begeben wir uns auf einen kleinen Fußmarsch zu Monks Cafe in der Wallingatan 38. Angeblich besteht hier die Möglichkeit 5000 verschieden Biere zu verköstigen, darunter auch einige Selbstgebraute. Da aber nur noch 19 Stunden bleiben, möchte ich raten, nicht allzu viel vom Angebot in Anspruch zu nehmen, zumal Sie immer noch keine Frau getroffen haben, die ihnen in der Nacht Obdach gewähren könnte, und die Sie hier auch nicht treffen werden.
Leicht beschwipst begibt man sich deshalb zur größten Singlebörse der Stadt, dem öffentlichen Nahverkehr. Das lässt sich obendrein leicht mit einer billigen Stadtrundfahrt verbinden. Zum einen ist hier eine Fahrt mit der Straßenbahn (Tvärbanan) von Alvik in Richtung Sickla Udde zu empfehlen. Einmal an Bord verbringen sie die nächsten Minuten mit atemberaubenden Ausblicken und dem Staunen über schwedische Ingenieurskunst. Der zweite Endorphinausstoß des Tages ist Ihnen gewiss. Zum anderen empfehle ich eine Fahrt mit der U-Bahn (Tunnelbanan). Nehmen Sie die Grüne Linie in Richtung Hässelby Strand! Die gesamte Strecke entlang wechseln sich idyllische Villenviertel mit grauen Wohnsilos ab. So sieht der architektonische Alltag der Einheimischen aus. Sie haben sich damit neues Insiderwissen angeeignet, womit sich zu Hause vortrefflich prahlen lässt. Unterwegs bleibt Zeit sich mit den Einheimischen z.B. über ihre Stadt zu unterhalten oder eventuell mit einer Dame Bekanntschaft zu schließen. Betonen Sie im Gespräch wie schön Stockholm und seine Bewohner sind. Schmeicheln kommt überall gut an, und eventuell bedankt sich ihr Gegenüber mit einer Einladung zur Fika, der traditionellen Kaffeepause der Schweden. Zwingend erforderlich ist die Einladung jetzt aber noch nicht.
An der Station Hässelby Gård steigen Sie aus. Dieses Viertel hat bei manchen Schweden einen miesen Ruf, ist es doch Wohnort vieler Ausländer, die von Ignoranten und Spinnern gern mit Schurken und Rabauken gleichgesetzt werden. Da Sie aber als ein Tourist hier sind und somit selbst mit dem Status eines Ausländer durch die Gegend wandeln, fällt es mir sehr leicht zu behaupten, dass Ihnen hier nichts passieren wird. Das abgelebt wirkende Restaurant Stefans Bar & Kök (an der Ecke Kvarnhagsgatan/ Beata Sparres Gränd) bietet Ihnen zum Abendbrot das beste Steak Stockholms. Nicht billig, aber ein kulinarischer Höhenflug. Andere Gerichte der Speisekarte warten ebenfalls mit Gefälligkeit auf und beweisen die beeindruckenden Fähigkeiten des Kochs.
Nach dem Essen kann der angereiste Naturbursche zum nicht weit entfernten Mälarsee spazieren und in der Ruhe des Waldes über das bisher Gesehene vortrefflich reflektieren, die Fragen des Seins aufwerfen, Dinge der Menschheit analysieren, oder im See nackt baden. Für die Anderen ist es Zeit in die Innenstadt zurückzukehren. Noch 16 Stunden!
Die Stockholmer beginnen den Abend mit ein paar alkoholischen Getränken in einer gemütlichen Bar oder Kneipe, bevor sie sich unverzagt ins Nachtleben stürzen. Der Tourist ist gut beraten, sich den einheimischen Gegebenheiten anzupassen und fährt zur Götgatan (U-Bahnstation Slussen).
Sie sind nun auf der Kneipenmeile der Stadt. Eine besondere Empfehlung erübrigt sich hier, probieren sie sich einfach durch.
Ist ihnen aufgefallen, dass vor jeder Pinte Türsteher den Einlass kontrollieren?
Dann haben Sie zum einen für ihre Reise einen Mittwoch, Freitag oder Sonnabend ausgewählt und zum anderen haben sie für den heutigen Abend ihren ärgsten Feind kennengelernt. Niemand kann Ihrer Partylust gefährlicher sein, als ein Stockholmer Türsteher, denn der besitzt in dieser Stadt gottähnliche Macht. Nicht selten nutzt er die auch.
Machen Sie es wie die Einheimischen: stellen Sie sich nüchtern, stellen Sie sich unauffällig neben eine Frauengruppe, fangen Sie keine aufdringlichen Gespräche mit dem Türsteher an! Und um Gotteswillen, lassen Sie niemals den obercoolen Touristen raushängen, genau das hasst ihr Feind besonders. Diese Hinweise garantieren aber noch lange nicht, dass Sie hineingelassen werden. Vielleicht haben Sie eine Jacke an, deren Farbe diesem kleinen Gott missfällt oder Sie sind einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Irgendwelche Gründe um ihre Macht ausüben zu können, finden diese Menschen immer. Sollten Sie abgewiesen werden, ist das kein Grund zu verzagen. Gehen Sie zur nächsten Kneipe und versuchen Sie erneut ihr Glück.
Sind Sie drin? Sehr schön. Zeit für die Balz! Suchen Sie sich Gesprächspartner, geben Sie Drinks aus, aber trinken Sie selbst nicht zu viel! Der Türsteher steht garantiert hinter Ihnen und wartet geduldig bis sich Ihre Schwächen offenbaren, nur um Sie dann höflich und bestimmt nach draußen zu geleiten. Keine Angst! Er bleibt höflich, jedenfalls sofern Sie keine Diskussion beginnen.
Läuft alles wie geschmiert, haben Sie mittlerweile neue Bekanntschaften (bevorzugt einheimische Damen) gemacht und amüsieren sich. Ihre neuen Bekannten nehmen Sie bestimmt gern mit in einen der angesagten Clubs in der Nachbarschaft (Stadtteil Södermalm). Blieben Ihnen neue Freundschaften bis hierher verwehrt, besteht Anlass ein wenig unruhig zu werden. Noch 11 Stunden!
Sind Sie weiterhin auf sich allein gestellt, begeben Sie sich entweder zum Medborgarplatsen, hier laden u.a. die Klubs „Snaps” und „Debaser Medis“ zum Feiern ein, oder nach Norden, den Berg hinab zur Schleuse (Slussen).
Direkt an der Stelle, an der sich Süßwasser und Brackwasser begegnen, befindet sich das „Debaser Slussen“, hundert Meter weiter die Klubs „Medusa“ und „Engelen“. Sofern sie die Türstehergefahr nochmals überwunden haben, steht einer Party in den kommenden Stunden nichts mehr im Wege. Doch vergessen Sie um Himmelswillen nicht diese Angelegenheit mit der weiblichen Bekanntschaft. Nun pressiert es.
Punkt 3 Uhr gehen die Lichter schon wieder an, der DJ schaltet seine Musikanlage ab und die Türsteher fordern bestimmt zum Gehen auf. Aufgrund seltsamer Gesetze muss der Großteil der Klubs um diese Uhrzeit zu schließen. Es gibt eine Handvoll auserwählter Etablissements mit Sondergenehmigungen bis 5 Uhr, doch in die werden sie jetzt nicht mehr hineinkommen.
Haben Sie also bisher nichts zu Wege gebracht und wurden von keiner Frau ins Herz geschlossen, dann haben Sie wegen Ihrer Unfähigkeit ein ernsthaftes Problem.
Die restlichen 7 Stunden können nämlich ohne Dach über dem Kopf quälend lang werden.
Sogar der Hauptbahnhof schließt nun seine Pforten und Stille legt sich über die Stadt.
Aber nicht ohne Grund habe ich Sie nach Södermalm geführt. Sie müssen nur den Berg wieder hinauf. Auf der Nordseite des Stadtteils, hoch oben über Riddarfjärden, liegen nette Grünanlagen (Ivar Los Park). Der Ausblick ist überwältigend und sofern Sie nicht zu müde sind, ereilt Sie nun ein erneuter Endorphinausbruch.
Machen Sie es sich auf einer Wiese oder auf einer Bank gemütlich! Bewundern Sie die rechts zu ihren Füßen liegende Altstadt, oder gegenüber von Ihnen das Stockholmer Rathaus, in dem alljährlich die Nobelpreisfeier stattfindet! Schnorren Sie doch von einem der anderen hier herumliegenden Gescheiterten ein Bier!
Ein überaus guter Zeitpunkt darüber nachzudenken, warum man hier sitzt und den eigenen Erwartungen nicht vollständig gerecht werden konnte, also warum man zwar sturzbetrunken ist, aber ohne in den zarten Armen einer einheimischen Frau zu liegen.
Genug mit Trübsal blasen! In 4 Stunden geht der Flieger in die Heimat. Im Hauptbahnhof riecht es nach frischen Kaffee und leckeren Frühstück. Lassen Sie es sich schmecken und schlafen Sie bitte nicht ein! Nach dem Frühstück ist es Zeit aufzubrechen. Nehmen Sie das bevorzugte Verkehrsmittel zum Flughafen! Checken Sie dort ein und warten Sie auf ihren Abflug! Auf dem Terminal 2, dem Abflugterminal der sogenannten Billigflieger, erwartet den reisenden Raucher noch eine Überraschung. Ist das Rauchen sonst überall verboten, darf man hier in einer unscheinbaren Kabine seiner Sucht frönen (2.Etage, neben dem Restaurant). Sehen Sie diesen Geheimtipp, als kleine Wiedergutmachung! Dass ich Sie auf dem Berg übernachten lassen habe, belastet mein Gewissen. Seien Sie also nachsichtig mit mir!
Ein ganzer Tag ist jetzt vergangen. Zeit zu gehen, und zwar ins Flugzeug. Besuchen Sie uns doch bald wieder! Stockholm bietet noch viel mehr zu entdecken, vorausgesetzt Sie bringen genügend Zeit mit.
Ergänzende Informationen:
www.stockholmtown.com (Offizielle Touristenseite der Stadt)
www.max.se (Hamburgerkette)
www.sl.se (Stockholmer Nahverkehr)
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