Dienstag, 16. November 2010
Auf Wiedersehen, Neutralität!
In einer Zeit, in der wir uns mit den persönlichen Schwächen des schwedischen Königs herum schlagen müssen, die gut aufbereitet durch alle Medien auf uns einstürzen, und mit denen er kräftig am eigenen Thron sägt, in einer Zeit, in der der tiefe Absturz der hiesigen Sozialdemokraten nach einer beinahe hundertjährigen Vorherrschaft mit dem vorgestrigen Rücktritt der Parteivorsitzenden Mona Sahlin eine weitere Qualität erreicht, ging leider viel zu leicht unter, dass eine weitere Institution Schwedens verschwunden ist: die Neutralität.
Nach der demütigen Niederlage im Finnischen Krieg gegen Russland im Jahr 1809, dem daraus folgenden Verlust Finnlands und den Wirrnissen der Napoleonischen Kriege der Jahre 1811-1813 hielten es Jean Bernadotte, später bekannt als König Karl XIV Johan, und seine Berater für klüger, Schweden aus dem Gezänk der Großmächte heraus zu halten und verzichteten auf außenpolitische Bündnisse. Die nachfolgenden Könige, und später Politiker, folgten dem eingeschlagenen Kurs bis in unsere Zeit. Allianzfreiheit und Neutralität wurde zum festen Bestandteil des Selbstverständnisses der Schweden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass von nun an alle Sympathien gleichmäßig verteilt wurden. Beispielsweise nahmen schwedische Freiwillige an Kämpfen im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 (auf Seite der Dänen), im Winterkrieg 1939-1940 (auf Seite der Finnen) mit teilweiser Hilfe staatlicher Stellen an den Kriegen teil. Es gab die Öffnung schwedischer Häfen bzw. Landwege für Flotten und Soldaten Großbritanniens(im Jahr 1853) und Nazideutschlands.
Aber es bleibt festzuhalten, seit der Entscheidung Bernadottes nahm kein schwedischer Soldat offiziell an Kampfhandlungen teil und während der Großteil Europas 1945 in Schutt und Asche lag und erst mühevoll über Jahrzehnte aufgebaut werden musste, erfreuten sich die Schweden der Unversehrtheit ihres Landes und wohl auch so mancher an den Gewinnen aus den Geschäften mit beiden Seiten.
Allianzfreiheit und Wohlstand
Im Kalten Krieg hielt man weiter am Erfolgsmodell fest. Während Norweger und Dänen sich für die NATO entschieden, bestand Schweden weiterhin auf Allianzfreiheit und gewann dadurch an weltweites Ansehen. Schwedische Politiker fungierten als gern gesehene Vermittler bei Konflikten in aller Welt oder wurden in führende Positionen von internationalen Organisationen berufen. Als zum Beispiel 1953 ein neuer UNO-Generalssekretär gesucht wurde, konnten sich Ost- und Westblock nur auf den Schweden Dag Hammarskjöld einigen.
Schweden nahm an vielen Friedensmissionen der Vereinten Nationen teil. Als neutraler Staat fiel es auch leichter, als einer von wenigen der sogenannten westlichen Hemisphäre als Unterstützer der nach Unabhängigkeit strebenden Kolonien aufzutreten und dadurch weltweit viel Anerkennung und Freunde zu finden. Die Älteren werden sich erinnern, Schweden galt für viele als das Beispiel für ein GUTES Land.
Noch heute zehrt man von der Anerkennung, die man angesichts der Politik damals errungen hat. Ich behaupte sogar, dass Schwedens gegenwärtiges Ansehen in der Welt immer noch auf diese damalige Außenpolitik beruht und nicht, wie eine Mehrheit der hiesigen Medien suggerieren möchte, auf der guten Arbeit des skandalgeschädigten Königs. Häufig trifft man auf ältere Schweden, die noch sehr stolz sind auf die Rolle, die ihr Land einmal gespielt hat.
Natürlich profitierte auch wieder die Wirtschaft von dieser Politik. Nicht viele werden wissen, dass der Berliner Fernsehturm zum Teil mit schwedischer Technik ausgerüstet war, schon einige mehr, dass die Mitglieder des Zentralkomitees der SED mit Fahrzeugen der Marke Volvo durch die Gegend fuhren. Die Exportindustrie des Landes verkaufte ihre Waren unabhängig von Weltanschauungen und bildete eine der Grundlagen für das Existieren des „Schwedischen Modells“, dem Wohlfahrtsstaat.
Das Ende einer Epoche
Mit dem Beitritt des Landes im Jahr 1995 zur Europäischen Union endete die Allianzfreiheit, auch wenn damals noch, u.a. auf Schwedens Wunsch hin, auf die Europäische Verteidigungsgemeinschaft verzichtet wurde.
Die Neutralität fand dann 2001 ihr Ende, als die schwedische Regierung des Ministerpräsidenten und Sozialdemokraten Göran Persson beschloss, die NATO-Kräfte in Afghanistan mit Truppen zu unterstützen. Seitdem kämpfen etwa 500 Soldaten im Land des Hindukusch, zufällig im Einsatzgebiet der Deutschen Bundeswehr, obwohl sie nach offiziellen Erklärungen zum Bauen von Schulen dort sein sollten.
Das kostete mindestens 6 schwedischen Soldaten das Leben, von der Anzahl der Gefallenen der Gegenseite hört man reichlich wenig, ebenso von den zivilen Opfern. Wie hoch die finanziellen Kosten für Schwedens ersten Krieg nach 1813 sind, konnte ich nicht ermitteln. Das jährliche Budget der Förvarsmakten, der schwedischen Streitkräfte, beträgt etwa 45 Milliarden Kronen, wie viel davon für das Krieg führen ausgegeben wurden und werden kann man bei Interesse bestimmt beim Verteidigungsminister erfragen.
Ähnlich wie in Deutschland ist eine Mehrheit der Bevölkerung für ein Zurückholen der Soldaten. Immer wieder hört man auch Forderungen nach einer Rückkehr zur Neutralität und Allianzfreiheit. Und ähnlich wie in Deutschland stellen sich die verantwortlichen Politiker taub.
Die Freude von Mona Sahlin
Eine der letzten Amtshandlungen der zurückgetretenen Chefin der oppositionellen Sozialdemokraten Mona Sahlin war die Abhaltung einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem regierenden Ministerpräsident Reinfeldt und dem Parteichef der ebenfalls oppositionellen Grünen Eriksson, auf der alle drei mit Freude verlautbaren konnten, dass sie sich auf die Verlängerung des Engagements in Afghanistan bis 2014 geeinigt hätten. Eine breite Zustimmung des schwedischen Reichstags bei der Abstimmung am 15.Dezember stehe nun nichts mehr im Wege.
Sollte sich eines Tages jemand die Mühe machen nach den Gründen für das Dahinsiechen der Sozialdemokraten zu suchen und ihm dabei das zeitliche Zusammenfallen von der Änderung der Außenpolitik, der Abschaffung der Neutralität, dem Krieg führen und Wahlverlusten ins Auge springen, wird er das vielleicht als zufällig abtun. Oder aber er erkennt darin einen der sicherlich mehreren Gründe, die zum Ende der Vorherrschaft DER schwedischen Volkspartei beitrugen.
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