Mein lokaler Obst- und Gemüsehändler M., mit Wurzeln in Frankfurt und Izmir, gibt des Öfteren die Weisheit zum Besten, dass man entweder aus Liebe oder wegen der Arbeit nach Schweden auswandert. Die, die wegen der Liebe gekommen wären, beneide er ein wenig, fügt er meist noch hinzu.
Meine Einwände gegen diese Regel werden von ihm stets zurückgewiesen. Andere Beweggründe gäbe es einfach nicht. Schließlich habe er noch niemanden getroffen, der einen anderen Grund vorbrachte.
Seine Augen blicken dann manchmal so merkwürdig ins Leere. Ich glaube zu erkennen, wie er leidet, höre von ihm aber kein Wort der Klage.
Seit dem Einzug der Schwedendemokraten in den Reichstag, scheint sich das geändert zu haben.Vor ein paar Tagen fragte er mich nach meiner Meinung. Nicht über diesen Einzug ins Parlament an sich, da verstehen wir uns ohne Worte, sondern nach meiner Ansicht darüber, was wir Ausländer nun von den Schweden zu erwarten hätten.
Er wohnt in einem dieser Viertel, aus denen sich die Schweden in den letzten Jahren fast vollständig zurückgezogen haben. Die Zugezogenen aus aller Welt leben also unter sich und das scheint ein perfekter Nährboden für wildeste Gerüchte zu sein. Man hört von den Leuten dort beispielsweise, dass nun vom Reichstag die Sozialhilfe für Ausländer abgeschafft werden soll, um unnötige Kosten zu sparen, dass Arbeitserlaubnisse für Nichtschweden wieder zurückgezogen werden könnten, um für die Einheimischen Jobs zu schaffen, oder sogar, dass bereits Pläne zur Massenausweisungen in den Schubladen der Politiker liegen würden.
Als ich das von ihm hörte, das muss ich gestehen, ist mir zuerst zum Lachen zu Mute, schließlich haben nur 5,7 Prozent der Wahlberechtigten den rechten Spinnern ihre Stimme gegeben, immerhin über 94 Prozent haben sich dem verweigert. Warum also deren Einfluss überbewerten?
Aber M. zeigt sich gut informiert und verweist auf andere europäische Länder, wie die Niederlande und Dänemark, wo das Auftauchen der fremdenfeindlichen Parteien in den Parlamenten in kurzer Zeit zu restriktiveren Gesetzen führte, ohne dass nur eine dieser Parteien direkt an einer Regierung beteiligt war.
Es hat viel für sich, was er da erzählt. Um ihn zu beschwichtigen, erinnere ich ihn aber daran, dass wenigstens er, mit seinem deutschen Pass, wohl kaum ausgewiesen werden würde. Seine Antwort spricht Bände. Er meint, ich hätte gut reden, er selbst sähe nun mal nicht wie ein Nordeuropäer aus, wenn der Mob ihn und seine Familie erst einmal durch die Straßen hetzten, würden die wohl kaum nach seinen Pass fragen.
Jetzt ist mir nicht mehr zum Lachen. Der Mensch vor mir hat Angst. Angst um sein aufgebautes Lebenswerk, Angst um seine Gesundheit und die seiner Familie. Er versteht nicht, woher diese Abscheu gegen die vorallem aus außereuropäischen Ländern stammenden Ausländer kommt. Seit seiner Einwanderung nach Schweden hat er sich stets bemüht sich zu integrieren. M. spricht gut Schwedisch (wie im Übrigen der größte Teil der Zugezogenen), zahlt fleißig Steuern und feiert die schwedischen Feste wie sie fallen. Und obwohl er immer noch mit dem klimatischen Verhältnissen und den dunklen Wintern zu kämpfen hat, betont er doch, wie zufrieden er ist. Und er ist nicht allein, der Großteil seiner Nachbarn hält es genauso. Die sind nicht hier um auf der faulen Haut zu liegen. Die wollen alle was schaffen in ihren Leben. Aber andauernd hält man uns den mangelnden Willen zur Integration vor, erregt sich M. und er fragt, was man noch von uns Ausländern erwartet. Was sollen wir noch machen, um von allen in diesem Land, wenn nicht geliebt, wenigstens akzeptiert zu werden?
Vielleicht hat sich das auch die Deutsche Botschaft zu Stockholm gefragt und kam auf die schöne Idee die Stockholmer einzuladen. Welcher Anlass konnte dieser Absicht besser entsprechen, als der gestrige, nun mehr schon zwanzigste Jahrestag der Wiedervereinigung? Das Zusammenfallen dieses Ereignisses mit dem 200-jährigen Jubiläum des Oktoberfestes passte da wie die Faust aufs Auge.
Es lag also nahe neben dem Sjöhistoriska Museet (Seehistorisches Museum) in Djurgården ein Oktoberfestzelt zu errichten und das Zelt, sowie die Wege dorthin, mit deutschen Fähnchen zu schmücken.
Wie bei einer solchen Gelegenheit nicht anders zu erwarten, versammelte sich die deutsche Gemeinschaft Stockholms zum fröhlichen Beisammensein. Doch auch die Schweden strömten herbei. Draußen bildete sich eine lange Schlange. Wer hinein wollte, brauchte viel Geduld.
Ob das Erscheinen der vielen Leute daran lag, dass man, dank der vielen Sponsoren aus der deutschen Wirtschaft, dampfenden Leberkäse und alkoholfreie Getränke kostenlos darreichte, oder am Bier aus dem Allgäu, das für unschlagbare 25 Kronen über die Theke ging, oder am Engagement der Blaskapelle, die es tatsächlich vermochte, die Gäste zum Mitsingen und zum Schunkeln anzuregen, oder an der allgemeinen Beliebtheit deutscher Volksfeste, das wird wohl für immer im Dunkeln bleiben.
Jedenfalls zelebrierte man ausgelassen, unter der Aufsicht von schwarzgekleideten Sicherheitsleuten der Botschaft (alle mit Knöpfchen im Ohr), vermeintlich deutsches Kulturgut. Schweden und Deutsche, Seite an Seite. Ich werde nicht der Einzige gewesen sein, der noch Stunden später dem Ohrwurm vom Prosit der Gemütlichkeit nichts entgegenzusetzen vermochte.
Die Deutsche Botschaft wertet die Veranstaltung sicherlich als Erfolg. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Anzahl schwedischer Touristen in Deutschland beträchtlich steigert, oder zumindest der Export von Leberkäse nach Skandinavien kräftig angekurbelt wird.
Im Bus nach Hause dann, traf ich auf ein paar Schweden mit weißen Luftballons auf dem der schwarze Bundesadler prangte. Ich dachte an M. und an unser Gespräch. Würde man auch Luftballons mit einem Halbmond darauf herumtragen? Und ist es denn so einfach als Ausländer akzeptiert zu werden? Reichen dafür billiges Bier und ein Prosit der Gemütlichkeit? Irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass dieses ganze Gerede von mangelnder Integration nur vorgeschoben ist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen