Montag, 8. Februar 2010
Televisionäre Frühlingsboten
Bereits seit letztem Dienstag bemüht sich Stefan Raab den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den die Verantwortlichen der ARD beim deutschen Auswahlverfahren zum Eurovision-Song-Contest (ESC) in den letzten Jahren hinterlassen haben. In der Sendung mit dem eingängigen und wohl einmaligen Namen „Unser Star für Oslo“ wettstreiten Deutschlands Gesangsnachwuchstalente in mehreren Abschnitten um das eine Ticket zum größten Popmusikereignis des Jahres in der Telenor Arena zu Oslo am 29.Mai.
Bei der Ausarbeitung des neuen Konzepts diente das bewährte schwedische System als Vorbild. Unter dem seit 1967 benutzten Namen Melodifestival oder Melodifestivalen finden sich im Spätwinter die Nachtigallen Schwedens in verschiedenen Provinzstädten ein, um sich zum Endausscheid nach Stockholm wählen zu lassen.
Begleitet von einem immensen Medienrummel begann vorgestern die diesjährige Ausgabe der schwedischen Version im Städtchen Örnsköldsvik. Sogleich zeigte sich der vielleicht entscheidende Unterschied zu Herrn Raabs Bemühungen. Jede Sängerin, jeder Sänger oder jede Musikgruppe legte das eigene Können durch eigens geschriebenen Lieder dar, während bisher in der deutschen Version jeder Erschienene nur bereits berühmte Songs zum Besten gab.
Der schwedische Zuschauer wählt somit nicht nur den Interpreten, sondern auch zugleich den Song, den er als am erfolgversprechendsten ansieht. Der deutsche Interessierte kauft stattdessen die Katze im Sack.
Ich verstehe, dass Herr Raab als Musikproduzent sein eigenes Lied nach Oslo schicken möchte und daher nur den passenden Interpreten dafür sucht, aber im Sinne der gewünschten Qualitätssteigerung und größerer Erfolgsaussichten scheint mir das nicht zu liegen. Vielleicht ein Grund dafür, dass in Deutschland 2,62 Millionen Zuschauer einschalteten, in Schweden dagegen 2,976 Millionen Zuschauer; mit der Bitte um Beachtung der Einwohnerzahlen beider Länder.
Mitteilungswürdige Erkenntnisse des ersten schwedischen Teilfinales sind zum einen, dass Dolph Lundgren noch am Leben ist, der Hollywoodschauspieler moderierte u.a. den Wettstreit, und zum anderen, dass in Örnsköldsvik tatsächlich eine genügend große Halle steht, um eine solche Veranstaltung durchführen zu können.
Aus Sicht der deutschen ESC-Gemeinde liegt also noch kein Grund zur Beunruhigung vor. Die am Sonnabend in Örnsköldsvik dargebotenen und weitergekommenen Musikstückchen versprechen Schweden keine vorderen Plätze in Oslo und da es aus Deutschland noch überhaupt kein Versprechen gab, bleibt uns nichts weiter übrig als dran zu bleiben und uns noch die restlichen Vor-, Halb- und anderen Teilentscheidungen anzusehen, bevor uns das dann große Finale im schönen Mai erwartet.
Max Kenner, Stockholm
Dienstags Pro 7 20.15 Uhr „Unser Star für Oslo“ (Website )
Sonnabends SVT1 20.00 Uhr „Melodifestivalen“ ( Website )
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