Freitag, 4. Juni 2010

Stadt der Liebe



Haben Sie sich gerade in eine Ehe gestürzt? Dann ist es an Ihnen sich unverzüglich an die Tageszeitung Dagens Nyheter (DN) zu wenden. Für ihre große Hochzeitbeilage, die am 20.Juni erscheinen soll, suchen die Verantwortlichen der Zeitung noch viele Frischvermählte, die bereit sind ihre Konterfeis als schmuckes Beiwerk zu spenden. Als Beiwerk wohlgemerkt, denn der Platz als Hauptaufhänger ist bereits vergeben.

Am Sonnabend, dem 19. Juni, um 15.30 Uhr, in der Storkyrka zu Stockholm trauen Viktoria von Schweden, ihres Zeichens Kronprinzessin von Schweden, und Daniel, der gewöhnliche Junge aus Ockelbo (wie ihn die Presse beschreibt), sich zu trauen. Ein Festtag, der wohl jedem Anhänger der Monarchie die Freudentränen in die Augen treiben wird.

Glaubten die anderen Mitbürger, dieses Ereignis mit freundlichem Desinteresse begegnen zu können, entpuppte sich dieses Vorhaben in den letzten Wochen als traurige Illusion. Die Fernsehsender im Land des Elches begannen mit der Dauerausstrahlung von Sondersendungen über das Königshaus, über das glückliche Brautpaar und über die Freude, die die Untertanen seiner königlichen Majestät empfinden.

Die Zeitungen berichten tagtäglich über beinahe alle die durch ihrer Hände Arbeit zum Gelingen des rauschenden Festes beitragen werden. Wir wissen nun endlich wer warum das Hochzeitmahl kochen wird, wer das Glück hatte, das Kleid der Braut zu nähen, wie eine Hochzeitstorte auszusehen hat, oder wann die Schulzeit des Kutschenfahrers endete.

Fünfjährige Kinder werden interviewt, weil sie auserkoren wurden an der Wegstrecke der Kutsche Lieder zu singen und damit dem Brautpaar zu huldigen. Das zumindest bringt uns die Erkenntnis, dass die kleinen Mäuse eine erfrischende eigene Sichtweise zur Staatsform und zum dynastischen Prinzip aufbringen: jede Zweite will später selbst die Prinzessin werden.

Die Stockholmer Stadtoberen mussten sich natürlich auch einbringen, also ließen sie sich ein Liebesfest einfallen. Ab Sonntag, dem 06.Juni, finden unter dem Namen LOVE STOCKHOLM 2010 überall in der Stadt Veranstaltungen statt, die in irgendeiner Form mit der Hochzeit und der Liebe zu tun haben. Das reicht von gemeinsamen Gartenspaziergängen, bei dem die Blumen der Liebe gesucht werden können und sollen, über das Einkleiden von Puppen mit Prinzessinnenkleidern (Achtung nur für Kinder!), bis zur LoveBoat Party in einem Vorort für Leute ab 40. Damit das den Stockholmern auch gar nicht entgeht, wird man ständig und überall auf diese großartigen Erfindungen hingewiesen.

Von Gegenmaßnahmen der republikanisch Gesinnten, beispielsweise ein Picknick der Polygamisten oder eine Wir-schreien-uns-alle-ganz-laut–an-Parade, ist mir bisher nichts bekannt. Und genau das ist das Problem, man gewinnt den Eindruck, die Stockholmer geben sich kollektiv dem schmalzigen Liebesrausch hin, ohne jemals zum befreienden bacchantischen Treiben überzugehen. Sozusagen wie der ewig hinausgezögerte Orgasmus.

Das und dazu noch die übertriebenen Straßenabsperrungen, die angebotenen Massen von Artikeln mit den Bildnissen des Hochzeitspaares in allen Läden, der Applaus über die Idee, seiner königlichen Hoheit, dem neuen Herzog von Västergötland, vormals der gewöhnliche Junge Daniel, ein eigenes Wappen zu schaffen,und vieles, vieles mehr, lassen mich nur noch mit dem Kopf schütteln. Ich merke, ich muss raus aus diesem Smog der Harmonie.

Berlin, ich komme!

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