Donnerstag, 2. Dezember 2010
Über Urlaub in Schweden- oder die Lösung heißt Holmön (Teil 2)
Sollten sie meinen, ich wolle sie ins Bockshorn jagen, sie hinters Licht führen, sprich an der Nase herumführen, weil sie denken diese Geschichte vom schönen Archipel in der nördlichen Ostsee klingt viel zu schön um wahr zu sein und es handelt sich um eine Erfindung, dann meinen sie falsch. Wenn sie Holmön in ihrem alten geklauten Schulatlas nicht gefunden haben, liegt das nur an der Qualität ihres Nachschlagewerkes und nicht an meiner Boshaftigkeit.
Nordöstlich von Umeå, im Niemandsland mit dem Namen Norrfjärden, legt mehrmals täglich die dickbäuchige Fähre zur tatsächlich existierenden Insel Holmön ab. Der schwedische Staat hat großes Interesse daran, dass die Inseln des Landes weiterhin bewohnt bleiben. Deshalb werden viele bedeutende und unbedeutende Eilande von Schiffen des staatseigenen Trafikverket angesteuert. Die Beförderung der Passagiere erfolgt kostenlos. Schließlich soll die Sache auch Sinn machen. Als die Schönste und ich eines Tages das Boot zur Insel zum ersten Mal betreten, treiben uns die Neugier und gerade die Aussicht auf eine „kostengünstige“ Schiffsfahrt.
Das Meer ist hier oben oft freundlich, manchmal auch nicht. Aber ungeachtet der meisten Witterungsverhältnisse verrichtet das Boot Helena Elisabeth seinen Dienst und nach 40 Minuten Fahrt biegt man bereits in den von zwei Molen geschützten Hafen Byviken ein. Die wenigen anderen Fahrgäste verlaufen sich schnell. Nun kann man völlig ungestört Holmöarnas Zauberwelt eintauchen.
Am Hafen der Hauptinsel Holmön selbst befindet sich nur der legendäre Hamnkrogen (der Hafenkrug) und ein kleines Boot- und Heimatmuseum. An der hinteren Mole liegen ein paar Segelyachten vertäut. Kein Mensch ist zu sehen. Der schöne Sandstrand am Hafen lädt zum Baden ein, denn soweit nördlich ist die Blaualge noch nicht vor gedrungen und trotzdem ist das Wasser im Sommer nicht zu kalt. Ohnehin fehlt dem Wasser hier oben beinahe jeder Salzgehalt und gibt dem Ausläufer der Ostsee den Charakter eines riesigen Sees.
Ein Stückchen die Inselstraße entlang, liegt das zweite Restaurant des Archipels (Holmö Havsbad). Abgesehen von der schwedischen Hausmannskost bietet die Betreiber auch Fahrräder zu mieten an. Etwa ab dieser Stelle beginnt das eigentliche Dorf Holmö. Die rot- oder gelbgefärbten Wohnhäuser der 80 ständigen Einwohner der Insel liegen mehrere Kilometer verstreut entlang der Straße. Da bleibt viel Platz für Sommerwiesen auf denen hier und da ein paar Schafe oder Ponys weiden. Das Dorf ist von Wald umgeben, vom Meer ist deshalb nichts mehr zu hören oder zu sehen und auch vom mitunter heftigem Wind bekommt man nichts zu spüren. Die Einheimischen sind freundlich und grüßen stets den Gast von auswärts. Sucht man eine Unterhaltung kommt man mit ihnen überaus leicht ins Gespräch.
Nordische Natur auf unbewohnten Inseln
Trotzdem ist dieses bezaubernde Plätzchen nur Ausgangspunkt, Wohnort und Verköstigungsstelle für einen Sommerurlaub auf dem Archipel. Verlässt man das Dorf in südliche Richtung, zum Beispiel mit dem Fahrrad, erreicht man schnell die kleine Brücke, die Holmön und Ängesön verbindet. Ängesön ist die größte Insel des Archipels, unbewohnt, größtenteils bewaldet und ein Spielplatz mit enormen Ausmaßen.
Es gibt hier schwer zugängliche Waldseen, an deren Ufern nach meiner Meinung noch nie ein Mensch stand. Hervorragende Pilzgebiete, einsame Badestellen, schwedentypische Felsen, nordischer Urwald. Und würde das nicht schon reichen, leben auch noch Elche ihr ruhiges Leben in diesen Wäldern, zu mindestens bis zum Beginn der Jagdsaison im September.
Das Ungestörtsein gefällt auch den gefühlten 7 Millionen Vögeln, die sich hier auf allen Inseln tummeln. Im Herbst sollen sich noch viele weitere Millionen auf ihrem Weg nach Süden hier treffen, erzählt der Schönen und mir ein unbeeindruckter Einheimischer. Viel mehr interessiert ihn, wo genau wir den Elch gesehen hätten, schließlich sind es nur noch ein paar Wochen bis zum September.
Die anderen Inseln haben Ähnliches zu bieten, doch je kleiner die Inseln werden, desto weniger Vegetation erwartet den Besucher. Zu ihnen führt kein regelmäßiger Schiffsverkehr. Bei Bedarf kann man sich Kajaks mieten. Oder im Hafen Byviken jemand engagieren, der einen mit seinem Boot dorthin übersetzt. Die Mitnahme von ausreichender Verpflegung ist Pflicht in solchen Fällen. Ebenso wie eine eindeutige Absprache hinsichtlich der späteren Abholung. Niemand möchte wohl in dieser Gegend den Robinson spielen müssen. Gemeinsam haben die vielen Eilande auch, dass sie unbewohnt sind und einer reichen Tierwelt Platz bieten. Auf der Insel Stora Fjäderägg(Große Federeier)kann man beispielsweise auch Robben beobachten.
Das Liederfestival von Holmön
Holmön wirbt mit damit, die sonnenreichste Insel Schwedens zu sein. Eigentlich müsste das ausreichen, um tausende Touristen anzulocken. Ich nehme an, die Größe des Werbebudgets des örtlichen Touristenbüros hält sich in Grenzen, denn viele andere Gäste trifft man nicht. Die Schönste und ich ließen uns jedenfalls durch diese Aussage auf die Inseln locken und befürchteten in einem überfüllten Touristenort zu landen. Aber zusätzlich zum schönen Wetter fanden wir die gewünschte Einsamkeit und die notwendige Erholung.
Das Gute daran ist, wenn man möchte, geht es auch ganz anders. Zum Visfestivalen( das Liederfestival), pilgern Hunderte oder gar Tausende nach Holmön und frönen dem überwiegend auf Schwedisch gesungenem Liedgut. Liederfestival und Party bilden nun eine 3-tägige Einheit. Die Fähre fährt an diesem Wochenende Sonderschichten, um alle Interessierten nach Holmön befördern zu können.
Am und hinter dem Strand entsteht ein riesiger Zeltplatz mit Jugendlichen aus ganz Nordschweden. Die Stellplätze des Hafens sind restlos mit kleinen und großen Motor- und Segelbooten besetzt. Die Straße der Insel ist voller Menschen und erinnert an die Drottninggatan zu Stockholm an einem Sonnabendnachmittag.
Schiene hier nicht die Sonne, läge es nahe die Veranstaltung das Woodstock Festival von Västerbotten zu nennen. Natürlich ist das ein wenig übertrieben, nichtsdestotrotz feiern die Norrländer wie wild die Musik, sich selbst, den Sommer oder das Leben und finden die überzeugend guten Konzerte am Abend ihr Ende, geht die Party am Strand weiter oder im Hafenkrug, wo jeder der möchte, zur Gitarre greift und seine Kunstwerke zum Besten gibt.
Bei der auf einem flachen Felsen über dem Meer gelegenen Kneipe mit Panoramafenstern handelt es sich wohl um eine der schönsten Lokalitäten für solcherart Veranstaltungen. Nicht nur wir wissen das zu schätzen. Die Schönste und ich finden nur schwer ein Plätzchen mit Sichtgarantie. Zur Musik trinken die Gäste im Gedränge lokales Bier aus Sollefteå und essen dazu Köttbullar mit Kartoffelbrei.
Nach jeder ergreifenden Darstellung brechen die Zuhörer in Begeisterungsstürme aus. Man ist erstaunt wie viele großartige schwedische Künstler auf engstem Raum versammelt sind und ohne jegliche Eitelkeiten ihr Liedgut zum Besten geben. Als sich dann sogar Bill Murray zu den Sterblichen hinab begibt und an unserem Nebentisch laut singt, muss das wohl der Höhepunkt des Wochenendes sein.
Am Sonntagabend ist der Spuk plötzlich vorbei. Wo eben noch hunderte Menschen campierten, herrscht wieder die Natur und Stille. Der wahre Charakter des Archipels kehrt zurück. Es ist noch warm zur späten Stunde. Die Schönste und ich beschließen zur untergehenden Sonne im Meer zu baden. Schließlich findet man selten einen Strand für sich ganz allein. Wie schön, dass noch ein paar ereignisreiche Urlaubstage auf Holmön vor uns liegen.
Sollten sie sich nach dem Lesen dieses Textes nach Holmön träumen oder sogar die Absicht hegen in Zukunft die sonnenreichste Insel Schwedens besuchen zu wollen, empfehle ich die Webseite www.visitholmön.se als eine erste Anlaufstelle. Das Visfestival findet immer an einem Wochenende Ende Juli statt, anfangs des Monats ein Jazzfestival.
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