Mittwoch, 9. Dezember 2009

Das Wahrzeichen von Schweden




Mach kein Feuer direkt auf Felsen, die gehen sonst kaputt.
( Aus dem Allemansrätt)


Ein langer Signalton, mehrere Male unterbrochen, warnt mich. Nach einigen Sekunden der Stille macht es Ruuumsssss.
Die Fensterscheiben klirren verdächtig, mein Trommelfell kitzelt. Instinktiv ducke ich mich in meinem eigenen Wohnzimmer. Es ertönt ein kurzer Entwarnungston. Ich stelle mich wieder auf, drücke mein Rückgrat durch und kontrolliere mit einem Blick, ob sich noch alles auf seinem Platz befindet.
In meiner Nachbarschaft sollen Rohre für ein neues Haus verlegt werden. Bereits das vierte Mal an diesem Morgen wird deshalb mithilfe einer Sprengung versucht, den nötigen Raum für die Rohre zu schaffen. Zum Glück ist bisher alles in meiner Wohnung ganz geblieben und ich bin unverletzt.

Fragt man Chinesen was ihnen zu Schweden einfällt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß ein Achselzucken und fragende Blicke zu ernten. Ein Großteil im bevölkerungsreichsten Land der Welt hat von Schweden noch nie etwas gehört, was den PR-Büros der hiesigen Markenproduzenten regelmäßig den Schweiß auf die Stirn treibt. Trifft man dagegen Amerikaner aus den USA, ist es nicht abwegig zu hören zu bekommen,dass Schweden ein anderer Begriff für Sozialismus (und auch hier)ist, aber sie vergessen dabei nicht, leise von Blondinen und IKEA zu reden.

Für uns aus Deutschland liegen die Dinge einfacher. Das mag an der geringeren Entfernung nach Skandinavien liegen oder an der längeren Zeit, die IKEA schon die Sinne der deutschen Fernsehzuschauer vernebelt. Jedenfalls existieren eine Vielzahl von Dingen, die wir mit Schweden in Verbindung bringen: Elche, Seen, rotgefärbte Hütten, Köttbullar (mir unverständlich warum Buletten so eine Wirkung entfalten), Wälder, selbstverständlich Blondinen, schöne Natur im Allgemeinen, helle Nächte im Sommer, Stinkefisch, aber auch IKEA, viel Schnee, dunkle und kalte Winter, Pferde aus Dalarna, unzugängliche Menschen, hohe Steuern etc..

Welches von all den Dingen dem wahren Charakter Schwedens entspricht und keine Erfindung der Reklameindustrie oder sogar ein böses Vorurteil ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Ich weiß nur, was auf allen dieser Listen zu Unrecht nicht erwähnt wird, und das sind Steine.

Überall, wie eine Seuche, liegen die Dinger in der Landschaft herum. Als Geröll, als Findlinge oder als ganzer Berg. Aus ihnen wachsen scheinbar Bäume, sie stehen andauernd im Wege, bilden bei Regen grässliche Rutschbahnen und stören beim Verlegen von Abwasserrohren. Man kann sich dieser Plage einfach nirgendwo entziehen.

Erreichen Mitteleuropäer zum ersten Mal Skandinavien dauert es nur eine kurze Zeit, bis sie in Entzücken ausbrechen, weil ihnen auffällt, wie sehr die Felsen Grundlage der einheimischen Natur sind. An dieser Stelle ist es mir stets eine Freude, den klugen Satz anzubringen: „Ja, es ist kein Wunder, dass ein Schwede das Dynamit erfunden hat.“, und beeindrucke so in den meisten Fällen mein Gegenüber mit meinem Halbwissen.

Ich hab keine Ahnung, was genau Alfred Nobel zu seiner Erfindung veranlasst hat, aber abgesehen vom ewigen Problem von Ursache und seiner Wirkung, das sich hier stellt, beschreibt er auf trefflichste die Herausforderungen denen sich die Schweden ständig stellen müssen.Denn geologisch sind sie tatsächlich belastet.

Möchte man beispielsweise einen Tunnel unter der Stadt bauen, muss gesprengt werden, findet man kein Platz um ein Haus zu bauen, wird ein Felsen mit Sprengstoff passend gemacht und das Gebäude danach oft direkt auf den abgeflachten Stein errichtet. Bewundert man in Norddeutschland die Findlinge, die durch das Eis während einer der letzten Eiszeit dorthin geschoben und abgelegt wurden, gibt es hier Fachkräfte zur Beseitigung derselben.


Die Fachkräfte

Und da das Eis nun, ungeachtet einiger weniger Gletscher im Gebirge, fast verschwunden ist und der Riesenfelsen namens Skandinavien deshalb in die Höhe „schnellt“, behindern Felsen und Steine häufig den Schiffsverkehr oder die Badenden. Das Schöne daran ist, dass so ständig neue Inseln entstehen auf denen ein romantisches Picknick vorstellbar ist, sofern man dafür ein Boot zur Verfügung hat.

Landwirtschaft ist in vielen Teilen des Landes wegen diesem Untergrund nur schwer oder nur als Viehzucht möglich. Eine Tatsache, die in Schwedens Vergangenheit recht häufig zu Not und Hunger beigetragen hat. Ertragreicher Ackerbau lohnt sich vorwiegend nur in Skåne, ganz im Süden, und in den Gebieten rund um die großen Seen, wobei selbstverständlich die verschlimmernde Rolle des Klimas nicht verschwiegen werden soll.

In Stockholms naher Zukunft stehen einige Infrastrukturmaßnahmen auf der Agenda, so soll nun endlich eine westliche Umgehungsautobahn gebaut werden.
Vorgesehen ist, von der 21 Kilometer langen sogenannten Förbifart (Vorbeifahrt), 17 Kilometer durch einen Tunnel zu führen, um die Belastungen für die Einwohner, darunter auch die Königsfamilie auf ihrem Schloss Drottningholm, gering zu halten. Das bedeutet aber auch, dass man sich mindestens 8 Jahre durch Felsen arbeiten muss. Eine ewige Zeit, wenn man bedenkt, wie notwendig diese Umgehung für das verkehrsgeplagte Stockholm schon jetzt ist. Zum Glück gibt es Dynamit.
Gezwungenermaßen passen sich die Schweden also der vorherrschenden Topografie an. Geduld und ein gewisses Maß an Gelassenheit sind dafür unabdingbar.

Dazu noch ein Beispiel aus der Welt des Nachwuchses. Kaum können die kleinen Kinder laufen, klettern sie auch schon auf den Felsen herum, denn die bilden anziehende und atemberaubende Spielplätze. Den Eltern würde es nie einfallen ihre Kinder zu stoppen. Das alte Sprichwort, früh übt sich, wer ein Meister werden will, kommt hier voll zu seiner Geltung.

Ein Verbot gilt als kontraproduktiv, bei der nächstbesten Gelegenheit erklettern die Gören sowieso ihre Umgebung. Unserseits vorhandene Ängste, die wohl aus der mitteleuropäischen steinfreien Sozialisation herrühren, sind fehl am Platz. Als unser Kind mehrmals negativ auffiel, weil es als einziges nicht beim Turnen auf Felsen teilnehmen durfte, kostete es uns viel Kraft umzudenken. Heute klettert es munter mit den anderen Kindern, auch wenn unsere Unruhe noch immer vorhanden ist und wir uns mahnende Worte nicht verkneifen können.

Aus allen diesen Gründen ist es ergo nicht ungewöhnlich von Felsen zu träumen, Gedanken an sie zu verschwenden, sie zu verfluchen, auf ihnen zu picknicken, wenn man nur das Glück hat, sich in Schweden aufzuhalten.

Denken sie, lieber Leser, in der nächsten Zeit also zufällig an Schweden und ihnen gehen Bilder mit Köttbullar und Stinkefisch durch den Kopf oder sehen sie im Fernsehen ein Werbefilm für schwedische Produkte, mit stillen Seen, Holzhütten und liebestollen Elchen, lassen Sie sich bitte nicht verwirren, das wahre Zeichen für Schweden ist allein der Felsen. Ruuumsssss!



Ein nettes Reklamefilmchen zur Förbifart Stockholm findet sich hier

Ein passendes Buch zum Thema ist „Die Ostsee, Eine Natur- und Kulturgeschichte“ von Hansjörg Küster

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