Freitag, 11. Dezember 2009

Szenen aus der neuesten Fortsetzung der jährlichen Reihe Nobelfestbankett, unter besonderer Berücksichtigung deutscher Befindlichkeiten


Man dinierte Wachteln. Diese kleinen süßen Vögel mit wenig Fleischanteil. Bei geschätzten 1200 Gästen im Stockholmer Stadthaus (Stadhus) zum Nobelpreisbankett macht das also mindestens 1200 Stück dieser niedlichen Geschöpfe. Ich möchte hoffen, dass die Vögel sich der großen Ehre bewusst waren, die es bedeutet, beim Bankett der Nobelpreisträger auf dem Teller zu liegen und aufgegessen zu werden.

Zum Glück für das schwedische Volk wurde die gesamte Veranstaltung im Sender SVT 1, dem Gegenstück zur ARD, übertragen. So bestand die Möglichkeit am Los der Wachteln, der Freude der Nobelpreisträger und am Gefühlszustand des einen oder anderen nationalen oder internationalen Prominenten teilhaben zu können. Das war mitunter traurig, manchmal komisch, hin und wieder aber auch interessant.

Wir erblickten also wie Vorgang, Hauptgericht und Nachtisch serviert wurden, sahen 1200 Menschen beim Essen zu, hörten sinnfreie Meinungen der Reporter, bewunderten ein kleines Kulturprogramm, und genossen zwischendurch viele Interviews und Einspielfilme zum Thema.

Der blaue Saal des Stadthauses präsentierte sich in würdiger Dekoration und im gemütlichen Lichtschein. Trompeten erschallten. Die Königsfamilie und die Nobelpreisträger marschierten ein. Alle Gäste hatten sich zu ihren Ehren erhoben. Die Damen wandelten in hübschen Kleidchen, die Herren im Smoking.

Im Folgenden wussten 220 Kellner zu dienen und ein „Romeo und Julia“- Chor gefiel mit schönen Stimmen. Ein überaus harmonischer Schimmer legte sich über die dortigen Anwesenden und auch über die anwesenden Zuschauer bei mir zu Hause.

Dann strahlte man ein kurzes Interview mit Herta Müller aus Berlin-Frohnau aus, das man augenscheinlich vorher oder zwischen den Gängen aufzeichnet hatte.
Die Fragenstellerin, bekleidet mit einem weinroten Kleid aus Samt, das hinter ihrem Hals befestigt war, und die ganze Zeit bei mir den Reflex provozierte, hinzuzueilen ,um das vermeintliche Hinabgleiten des Kleides zu verhindern, und die Nobelpreisträgerin, zugeknöpft und schwarz-weiß bekleidet, trafen sich, ohne jedoch so recht zusammenzufinden.

Die Dame vom Fernsehen erstrahlte in Euphorie, Freundlichkeit und mit einem sympathischem Unvorbereitetsein. Unsere Preisträgerin lächelte anfangs ebenfalls. Nun soll aber der Originalton des Interviews folgen, soweit mir der aus dem Gedächtnis zu holen noch möglich ist:

Frage: „Sie sind hier auf dem Nobelbankett, dieser wundervollen Veranstaltung zu Ehren der Nobelpreisträger, wie fühlt man sich da?“

Frau Müller: „Ja, ich bin hier auf dem Bankett. Einer Veranstaltung zu Ehren der Nobelpreisträger.
Aber verlangen sie bitte nicht von mir in Euphorie auszubrechen. So ein Mensch bin ich nicht!“
(Sie beendet ihr Lächeln)

Frage: Sie haben in ihren Büchern viel von Königen geschrieben. Nun sind sie hier in Stockholm und treffen einen leibhaftigen König. Was geht ihnen da durch den Kopf?

Frau Müller: „Also, (wenn Blicke töten könnten….) das ist doch was völlig anderes. In meinen Büchern sind die Könige böse, Diktatoren, sie unterdrücken Menschen. Ganz schrecklich. Der König von Schweden ist doch König von Schweden, einer Demokratie, ein demokratischer König…“

Die folgende Worte und auch noch die nächste Frage über ihren Mut gingen im Stimmengewirr der überwiegend republikanisch gesinnten Zuschauer in meinem Wohnzimmer unter. Aber die Gesichtsausdrücke der beiden Damen im Fernsehen änderten sich nicht wesentlich und ich muss daher annehmen, dass sie wohl keine Freundinnen mehr wurden.

Einige Zeit später schritt Frau Müller zu ihrer Dankesrede. Das war schon zu fortgeschrittener Stunde, und vor ihr hatten sich schon einige andere Preisträger mit charmanten und lustigen Worten bei ihren Wohltätern, Familien etc. bedankt. Frau Müller sprach auf Deutsch, was eine Übersetzerin notwendig machte und ihre Rede auch noch etwas in die Länge zog.

Die Voraussetzungen waren also nicht die besten. Sie berichtete dann von ihrem Leben, wie sie es als Kuhhirtin in einem Tal bis zur Nobelpreisträgerin gebracht hatte, wie oft sie neben sich selbst steht und wie schwer das Leben in einer Diktatur war.

Der Regisseur ließ ganz nebenbei zum Ehrentisch hinüber schalten und was mussten wir da sehen? Eine eingeschlummerte Königin! Die gastgebende Königin war eingenickt. Die Ehefrau eines Preisträgers war schon zuvor eingeschlafen, Prinzessin Viktoria spielte gelangweilt mit einem Bonbonpapier o.ä. und faltete es dann sorgfältig rechtwinklig zusammen. Die anderen Gäste am Tisch erzeugten keinen glücklichen Eindruck, wirkten schläfrig, einige sogar leidend.

Nur einer hob sich ab vom Rest: unser Außenminister Guido Westerwelle. Der blickte wie ein engagiertes Erdmännchen zum erhöhten Rednerpult, hinauf zu Herta Müller. Heldenhaft folgte er ihren Worten, hielt das Banner der Aufmerksamkeit für die ehemalige Kuhhirtin aus dem Banat hoch und erschien uns daheim als Außerirdischer, nicht von dieser Welt, mehr als nur ein Mensch, denn die anderen Menschen am Tisch schliefen oder litten ja.
Als die Literaturpreisträgerin mit ihrer Rede geendet hatte, brandete Applaus auf und Frau Müller lächelte wieder. Die Leute an ihrem Tisch auch.

Ohne Zweifel der Höhepunkt aus deutscher Sicht war aber das Interview mit Herrn Westerwelle. Der Außenminister parlierte tatsächlich in holprigen Englisch zu den gestellten Fragen. Betonte häufig, wie groß die Ehre für ihn und sein boyfriend sei, am Bankett teilzunehmen. Dabei war er zapplig, lobte und dankte ständig irgendjemanden und wirkte aufgedreht wie ein kleiner Junge zur Konfirmation.

Man gewinnt leicht den Eindruck, der Mann muss alles mitnehmen, was sich ihm als Außenminister anbietet. Also auch die armen Wachteln in Stockholm. Beim letzten Bankett unter deutscher Beteiligung bei den Preisträgern, reichte noch der Botschafter als offizieller Vertreter der Bundesrepublik aus.
Als Herr Westerwelle dann Fragen zum Friedensnobelpreisträger beantworten sollte, verhaspelte er sich ein wenig. Man verstand noch, Mister Obama wolle zur Abrüstung der Kernwaffen beitragen, der Rest ging in fehlenden Englischkenntnissen unter. Die Herrschaften vom Fernsehen reagierten sofort und beendeten das Interview. Leider konnten wir so nicht noch mehr erfahren, über die Freuden des Außenministers in Stockholm zu sein oder über seine Einschätzungen und Gedanken über den schwedischen König.

Sollte also ein Verantwortlicher diese Zeilen lesen, bitte geben sie Deutschland im nächsten Jahr erneut einen Nobelpreis, welches Fachgebiet ist mir eigentlich egal! Hauptsache mein Außenminister kommt noch einmal, denn der war noch nicht fertig interviewt und nächstes Jahr spricht er bestimmt auch besser Englisch. Versprochen!

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