Dienstag, 11. Januar 2011

Steuern! Steuern! Steuern! - Die Realität im Steuerland Schweden



…Skatt är S T Ö LD… (Steuern sind Diebstahl)

Kommentar eines Lesers der Zeitung Dagens Industri zum Regierungsvorschlag die befürchtete Immobilienblase mit geringeren Steuern auf Kapitalerträge zu bekämpfen.




Nach meiner Erfahrung fürchtet der gemeine Schwede, der da in seinem gemütlichen Eigenheim sitzt, eigentlich nur zwei Dinge auf Erden. Zum einen wäre das der Kommunismus. Diese dunkle Bedrohung, bevorzugt aus dem großen Land im Osten, die scheinbar jederzeit die schwedischen Idylle bedroht und immer noch als Gespenst in vielen Köpfen umgeht. Und zum anderen wäre da das Finanzamt, das aus dem eigenen Land versteht sich.

Nun gibt es in Schweden keine nennenswerte kommunistische Bewegung mehr. Die ehemalige kommunistische Partei hat sich schon 1990 zur Linkspartei umbenannt und sich danach ein neues Programm verpasst, in dem nicht mehr viel vom Klassenkampf zu lesen ist. Die Partei ist immer noch im Reichstag vertreten, kämpft aber in zunehmenden Maß gegen die 4 Prozent-Hürde an. Auch das große Land im Osten wird im Kriegsfall kaum unter der roten Fahne einmarschieren. Eine tatsächliche Bedrohung scheint mir da nicht vorhanden zu sein und die Furcht daher etwas übertrieben.

Ganz anders verhält es sich da mit dem Skatteverket (Finanzamt). Die weitverbreitete Angst scheint in diesem Fall nicht immer unbegründet zu sein. In den Zeitungen liest man regelmäßig von Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen wegen Steuerhinterziehungen, bevorzugt gegen Prominente. Unvergessen ist beispielsweise die Anzeige des Finanzamts gegen Daniel Westling, nunmehr Herzog von Västergötland, als er es wagte, eine Golfausrüstung und Umzugskosten als Ausgaben für seine Fitnessfirma geltend zu machen und mit einer nicht geringen Strafzahlung bedacht wurde.

Ich glaube nicht, dass die Schweden im Vergleich zu den Deutschen viel mehr Steuerbetrug begehen. Die Gründe dafür liegen wohl eher in einer konsequenteren Strafverfolgung und in der forcierten Berichterstattung darüber. Kein Wunder, dass dann gewisse Vorbehalte gegen diese staatliche Institution entstehen. Allenthalben hört man außerdem die Klage, man lebe im Land mit den höchsten Steuersätzen der Welt. Das dringt einen beinahe häufiger zu Ohren, als Klagen über das schlechte Wetter. Man könnte meinen, die Bewohner Schwedens litten unter unmenschlichen Bedingungen.

Daher ist es angebracht an dieser Stelle die Fakten sprechen zu lassen. Die gesamten entrichteten Steuern beliefen sich im Jahr 2009 auf 1450 Milliarden (Mrd.)schwedischen Kronen, also auf rund 161 Mrd. Euro. Für den selben Zeitraum veröffentlichte das Statistische Bundesamt zu Wiesbaden für Deutschland ein Gesamtbetrag in Höhe von 524 Mrd. EUR. Grob überschlagen entrichtete ein Mensch in Schweden vorletztes Jahr also durchschnittlich 17500 EUR an Steuern, der Mensch in Deutschland 6469 EUR. Auf den ersten Blick ein erschütternder Befund aus schwedischer Sicht. Die hilflose Wut mancher Leute scheint daher nun verständlich. Aber auf den zweiten Blick relativiert sich die Sache. Denn so einfach ist dieser Vergleich nicht.

Denn kein Arbeitnehmer zahlt Sozialversicherungsbeiträge in diesem Land. Niemand entrichtet Beiträge an eine Krankenkasse oder an die Rentenversicherung. Die Wohnsitzaufnahme im Land reicht normalerweise aus, die zugegebenermaßen nicht optimale Krankenversorgung in Anspruch zu nehmen. Auch die Renten werden aus diesem großen Steuertopf entnommen und ausgezahlt.

Leider liegen für 2009 keine ausreichenden aktuellen Daten zu den Sozialversicherungsbeiträgen aus Deutschland vor. Sie werden sicherlich mindestens 500 Mrd. Euro betragen haben. Rechnet man diese Zahl in unsere Rechnung mit ein, sieht der Vergleich nicht mehr ganz so düster für den Steuerpflichtigen in Skandinavien aus.

Nichtsdestotrotz ist der Unterschied weiter vorhanden. Das liegt sicherlich an vielerlei Dingen. Aber vorallem an den politischen Willen Steuern konsequent einzufordern und auch einzutreiben. Auch wenn man in den letzten Jahren bei den Regierungsparteien den Versuch beobachten kann, die Steuersätze zu vermindern, ist es noch weit verbreitete Meinung, dass zur Aufrechterhaltung der staatlichen Aufgaben ein gewisser Steuerzufluss notwendig ist.

Schweden ist ein großes und dünnbesiedeltes Land mit der ein oder anderen geographischen Herausforderung. Die Kosten zum Bau oder der Pflege der Infrastruktur und anderen Dingen liegen oft höher als auf dem Kontinent. Die Kommunalsteuersätze in den weniger dicht bevölkerten Gebieten sind daher auch häufig höher, als in den Ballungszentren um Stockholm, Malmö und Göteborg. Wer neulich mit mir die kostenlose Fähre nach Holmön nahm, versteht den Zusammenhang ohne weiteres. Nicht korrekt ist hingegen das Vorurteil das Land Schweden erbrächte höhere Sozialausgaben als Deutschland und müsste deshalb die Steuerschraube hochhalten. Nach den Statistiken der EU halten sich diese Ausgaben in beiden Ländern in etwa die Waage.

Eine Auffälligkeit in der hiesigen Steuergesetzgebung ist die nur selten anzutreffende Möglichkeit von Steuererleichterung oder Abschreibungsmöglichkeiten für gewisse Bevölkerungsgruppen. Es existiert kein Ehegattensplitting, keine Lohnsteuergruppen, keine Werbungskosten. Jeder steht für sein eigenes Einkommen in der Verantwortung. Dabei steigt der Steuersatz ab bestimmten Grenzbeträgen weiter an. Bis zu einem Spitzensteuersatz von 56,6 % (Deutschland 47,5%). Der Durchschnittsverdiener entrichtet etwa 30-34 % (je nach Kommune) seines Einkommens an das Finanzamt. Eine weitere Besonderheit, auch auf Sozialleistungen wie Krankengeld, Arbeitslosengeld, etc. werden Steuern erhoben.

Die Einfachheit des Systems hat den Vorteil, dass das Finanzamt in den meisten Fällen den Vorsteuerbescheid im Folgejahr direkt an den „Kunden“ verschickt. Der braucht dessen Richtigkeit nur noch bestätigen, gern per SMS oder im Internet, und erhält etwas später den endgültigen Bescheid und evtl. eine Steuerrückzahlung. Mühsame Tage mit dem Ausfüllen von Steuererklärungen kennen Schweden daher nicht.

Über Abschreibungsmöglichkeiten kann sich hauptsächlich und auf wundersamer Weise nur der größte Kritiker des Skatteverket freuen. Denn für Eigenheimbesitzer besteht bisher die Möglichkeit die Zinsen für die Kreditaufnahme zum Immobilienkauf zumindest teilweise von der Steuer abzusetzen. Der überhitzte Immobilienmarkt lässt die derzeitige Regierung überlegen diese Regelung einzuschränken und stattdessen die Kapitalsteuer zu senken.

Weiterhin kann der Schwede, der da in seinem Eigenheim sitzt, allerlei Umbaumaßnahmen an seinem Häuschen von der Steuer absetzen, genauso wie haushaltnahe Dienste. Da weitere Abschreibungsmöglichkeiten in der schwedischen Steuergesetzgebung fehlen, ist es schon erstaunlich, dass gerade dieser Personenkreis in meinen Ohren am lautesten über das Finanzamt schimpft.

Ungeachtet aller Beschwerden oder der Furcht vor ungerechten Steuerbescheiden bleibt festzustellen, dass Schweden mit einem Defizit von 0,5 % beinahe einen ausgeglichenen Haushalt besitzt (Deutschland 3,3 %, mit steil steigender Tendenz) und sich deshalb mit vollem Stolz als europäischer Spitzenreiter bezeichnen darf.
Vielleicht hilft das ja den einen oder anderen Schweden in seinem Eigenheim mit mehr Gelassenheit an das Thema heranzugehen, ebenso wie den einen oder anderen klagenden Bürger Deutschlands. God fortsättning!

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