Sonntag, 26. Juni 2011

I survived midsommar 2011



Die vielen Warnungen waren unmissverständlich. An Mittsommer einen schwedischen Campingplatz zu besuchen, wäre unglaublich leichtsinnig. Die Regeln würden zu diesem Zeitpunkt außer Kraft gesetzt und die Zustände stets außer Kontrolle geraten. Daniel, mein Lieblingsschwede und Chefberater, meinte, nirgends gäbe es mehr Schlägereien und andere Gewaltverbrechen im Alkoholrausch als auf einem gewöhnlichen Campingplatz zur Sommersonnenwende.

In meinen Vorstellungen bewegte sich dieser dann auch auf einer Stufe mit Belfast im nordirischen Bürgerkrieg oder den traditionellen 1.Mai-Feierlichkeiten in Berlin oder sogar mit Rom zur Zeit seiner Plünderung von Geiserich dem Vandalen im Jahr 455. Also mit Plätzen, deren Nähe jeder mit halbwegs gesundem Menschenverstand meiden würde.

Zum Glück hörte man auch wenige andere Stimmen, die behaupteten, nirgends wäre Schweden authentischer. Und alles andere nur Vorurteile, die ständig durch die Skandalpresse geschaffen und befeuert würden. Das hörte sich schon viel besser an und ließ uns wieder zu Mut kommen.

Gegen Mittag erreichten wir am Freitag Waxholm Strand und Camping, ein Campingplatz auf der Insel Vaxholm in der Nähe Stockholms. Die Midsommarstång (die Mittsommerstange) war da bereits aufgebaut und die Menschen herausgeputzt und aufgekratzt.

Das Aufbauen des Zeltes zog sich ein wenig hin, aber pünktlich auf die Minute standen wir auf dem kleinen Festplatz neben der Rezeption. Um 14 Uhr begannen aus den Boxen die traditionellen Mittsommerlieder zu wummern. Massen von Kindern und ihren Mütter bildeten ein Kreis um die Mittsommerstange und setzten sich in Bewegung. Die Väter filmten derweil ihre Sprösslinge oder hielten sich an Bierflaschen fest. Gesang über kleine Frösche und andere Dinge schallte über die Insel und die bekränzten Kleinen änderten dazu andauernd und ziemlich wahllos die Laufrichtung des Kreises.

Nach zwanzig Minuten endete der Tanz und die Kinder vergnügten sich noch mit Eierlauf und anderen Spielereien, aber dann zogen sich alle plötzlich zurück vor ihre Hütten, Wohnmobile oder Zelte und fuhren das Mittsommerbuffet auf.

Die geschmackvoll angerichteten Tafeln bogen sich unter der Vielzahl von Speisen und Getränken. Die festtagsbekleideten Familien und Freundeskreise versammelten sich freudestrahlend darum. Unter dem Gesang von fröhlichen Liedchen verschluckten die Erwachsenen den einen oder anderen Schnaps und viele kleine Stücke vom Hering.

Andere, meist jüngere Campingplatzbesucher saßen auf dem Steg oder am Strand und feierten ihre sparsamere Version von Mittsommer. Neben dem Alkohol konnten diese Leute jedoch ebenfalls nicht ablassen von Festkleid, Schlemmerei und Wohlleben und machten dabei stets einen friedlichen Eindruck.

Wir hielten es ähnlich, grillten nun gemeinsam und aßen und tranken ein wenig und aßen und feierten und redeten und aßen und tranken ein wenig. Die Kinder forderten uns zum Ballspiel auf. Die Sonne schien und wir schossen Tore. Danach widmeten wir uns wieder dem Essen. Auf dem Tisch stand unsere persönliche Midsommarstång und die Kinder liefen wie aufgezogen um sie herum.

Kurz bevor die Sonne unterging erhoben wir uns noch einmal mit letzter Kraft aus den Campingstühlen. Das an dieser Stelle einem See ähnelnde Meer lud uns mit einer spiegelglatten Wasserfläche zum Baden ein. Kinder und Große amüsierten sich dabei prächtig und der anschließende Rückweg zu den Zelten gestaltete sich zu einer Art Prozession zu Ehren des Sommers.

Auf unserer Festtafel fanden sich leider nur noch ein paar Erdbeeren und etwas Matjessill. Das Buffet wurde jetzt geschlossen. Wenigstens die Bar blieb noch eine Zeitlang geöffnet.

Als dann die Dunkelheit herein brach, verließen viele Campingplatzgäste ihre Tafeln und verschwanden überraschend in ihren Schlafgelegenheiten. Stille kehrte jedoch noch nicht ein. In der Ferne vergnügten sich welche mit Karaoke und hier und da grölte jemand auf dem Weg zur Toilette. Doch von Geiserich fehlte immer noch jede Spur.

Wir kuschelten uns wenig später in die Schlafsäcke und gratulierten uns zum Überleben einer Mittsommerfeier auf einem schwedischen Campingplatz und zu dem gelungenen Fest. Aber da wussten wir noch nichts von den sinnflutartigen Regenfällen am nächsten Morgen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen