Freitag, 15. Januar 2010

Geschwisterliebe in Zeiten der Krise




Treffen sich zwei Norweger in einer Kneipe.
- Sag mal, haben wir uns nicht schon einmal in Paris getroffen?
- Wahrscheinlich nicht. Ich war noch nie in Paris.
- Hmmm. Ich auch nicht. Das müssen dann wohl zwei Andere gewesen sein.

(Schwedischer Witz)




Womöglich kennen Sie das? Ihr kleiner Bruder, von ihnen bei seinen ersten eigenen Schritten belächelt, hin und wieder mit Lob bedacht oder auch gemein gehänselt, aber von Ihnen nie wirklich ernst genommen, beeindruckt Sie mit einem Mal mit seinem Erfolg in seinem eigenen Leben und Ihnen wird schwindlig, weil Sie nicht wissen, ob Sie auf ihn stolz sein sollen, oder ob Sie vorher der Neid auffrisst.

So ergeht es jedenfalls den Schweden neuerdings. Nach Meinungen von Wirtschaftsanalysten wird Norwegen in diesem Jahr zum ersten Mal ein Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften, das ziemlich genau dem von Schweden entspricht, bei einer nur halb so großen Bevölkerungsanzahl.

Das kann schon gehörig schocken, denn bisher wurde Norwegen, seit der einseitigen Abspaltung im Jahr 1905, eher wie der kleine Bruder betrachtet.

Man spricht ja ähnliche Sprachen; wobei die Norweger in meinen Ohren noch mehr beim Sprechen singen, als die Schweden; versteht sich also recht komplikationslos, man ist gemeinsam Skandinavier und man hat eine gemeinsame Geschichte, die in den letzten Jahrhunderten friedlich von statten ging. Wer kann das schon von sich behaupten?

Man macht gemeinsame Geschäfte, man besucht sich andauernd, man berät gelegentlich über eine echte nordische Union und ein großer Teil der Schweden fiebert großzügig bei Sportwettkämpfen mit dem kleineren Bruder, aber selbstverständlich nur, wenn der Sieg des schwedischen Teilnehmers nicht gefährdet ist.

Nichtsdestotrotz betrachtete man bisher die Norweger als ein bisschen hinterwäldlerisch. Gern erzählen die Schweden in trauten Stunden Witze über ihre Nachbarn, deren Charakter unübersehbar mit Ostfriesenwitzen o.ä. vergleichbar sind. Und wurden die Norweger früher bemitleidet, weil sie nur ein paar Kartoffeln ihr eigen nennen konnten, fühlt man heute manchmal Mitleid, weil dort die Preise für Lebensmittel und Alkohol noch teurer sind als in Schweden. Viele Norweger sind deshalb gezwungen ihre Einkäufe in schwedischen Städten, direkt hinter der Landesgrenze zu tätigen, und machen damit den großen Bruder glücklich.

Wie in einer richtigen Familie.

Mittlerweile ist jedoch nicht mehr zu übersehen, dass die jahrhundertelange Vorrangstellung Schwedens im skandinavischen Raum, und der damit vorhandene Einfluss, zu wanken beginnen.
Die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt sind nur die eine Seite, die andere sind die offensichtlicheren Zeichen der sicheren Umkehrung der Verhältnisse.

Der Nachbar wirbt frech u.a. schwedische Ärzte ab, lockt mit hohen Einkommen und noch angenehmeren Arbeitszeiten, im vom Ärztemangel geprägten Schweden eine unangenehme Entwicklung. So ist man hier wiederum gezwungen noch mehr Fachkräfte in Polen und Deutschland abzuwerben, die am Ende womöglich auch nach Norwegen ziehen.

Und es geht noch weiter. Der wohlhabende kleine Bruder kauft in Grenznähe die Ferienhäuser auf, treibt die Hauspreise so weit nach oben, dass den Schweden beim Mitbieten die Puste ausgeht. In einigen Gegenden der nördlichen Westküste sollen sich angeblich, überwiegend in Strandnähe, also in den besten Lagen, echte norwegische Enklaven gebildet haben. Ein Umstand, der meinen schwedischen Informanten und guten Freund Daniel regelmäßig zur Weißglut treibt.

Das sollte Sie, lieber Leser, nicht verunsichern. Vor einigen Jahren regte er sich gleichermaßen über die Massen von Deutschen auf, die es wagten in den småländischen Wäldern ihren Traum von einer Bretterhütte am See zu erfüllen.

Es sind nicht nur Häuser und Landschaften, die den Besitzer wechseln. Der staatliche norwegische Ölfond kauft, wenn man den aktuellen Zeitungsmeldungen glauben darf, im Moment kräftig schwedische Aktien auf, überwiegend von Banken, nachdem dessen Anteilsscheine im Zuge der Wirtschaftskrise für ein Appel und ein Ei zu haben waren. Eine Investition, die ich übrigens für sehr übermütig halte, und die ich so nicht tätigen würde. Aber ich bin ja auch kein Ölfond.

Aber man versteht ein wenig, warum einige, ob des Erwachsenwerdens des Bruders, plötzlich die geschwisterliche Zurückhaltung verlieren und trotzig zetern, dass lege nur am Öl- und Gasreichtum, der genauso schnell wieder verschwindet, wie er gekommen war, wenn nur erst einmal die Quellen erschöpft sind, oder die felsenfest davon überzeugt sind, dass in Norwegen sowieso nur die schwedischen Gastarbeiter schuften, das Vermögen Norwegens also, nur auf dem Vermögen der Schweden zu arbeiten beruht.

Man muss das entschuldigen, Neid und Missgunst kommen in den besten Familien vor und verflüchtigen sich auch rasch wieder, zumal hier in Schweden, trotz der schwierigen Wirtschaftslage, bei vielen Leuten die Meinung vorherrscht, im modernsten und überhaupt schönsten Land der Welt zu wohnen. Da kann auch der kleine Bruder mit seinen Erfolgen so schnell nicht dran rütteln.

Und irgendwie ist man ja auch ein bisschen stolz auf das Erreichte des Familienmitglieds.

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