Freitag, 2. Juli 2010
Sommer, Fußball und Privatisierung
Der schwedische Sommer zeigt sich von seiner besten Seite. Die Sonne will sich einfach nicht mehr verstecken und beim Baden im See vorm Balkon findet man kaum noch Abkühlung. Die meisten Mitbewohner im Kiez lächeln sich an und grüßen sich und die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika sorgt für zusätzliche Glücksgefühle. Mir scheint damit ist der Höhepunkt des Jahres erreicht, von nun an kann es nur noch abwärts gehen.
Wenn das nicht schon schleichend geschehen ist. Es läuft das Achtelfinalspiel Brasilien gegen Chile. Für Chile läuft es nichts so rund, wie wir Fachleute sagen würden. Für einen Nachbarn Grund genug, seinen Unmut durch lautes Gezeter kund zu tun. Verständlich, wie ich meine, nur leider stehen alle Fenster und Türen offen. Sein Geschrei, die Vuvuzuelas und die Stimmen der Moderatoren hallen über den Hof.
Sein direkter Nachbar, der den Abend still auf seinem Balkon mit dem Betrachten von See und Wald verbringen möchte, fühlt sich gestört. Doch trotz der Aufforderung des Ruhesuchenden denkt der Fußballsehende nicht daran sein Verhalten zu ändern. Chile findet immer noch kein Mittel gegen die brasilianische Verteidigung. Und das ist für ihn wohl in diesem Moment die bedeutsamste Sache der Welt.
Der sich gestört gefühlte Nachbar reagiert mit einem Anruf bei der Polizei und bittet um Hilfe wegen Ruhestörung. Und schon nach wenigen Minuten erscheint ein Fahrzeug der Firma Securitas AB. Eine private Wachschutzfirma mit schwedischen Wurzeln, aber überall auf diesem Planeten aktiv. Hier in Schweden schützen die Mitarbeiter dieser Firma nicht nur Werttransporte, Gebäude und Flughäfen u.s.w., sondern suchen auch Schwarzfahrer in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder verteilen gern Strafzettel wegen Falschparken. Aufgaben, für die vor nicht allzulanger Zeit noch staatliche Stellen zuständig waren.
Aber dass an diesem Abend statt der Polizei zwei grimmig blickende Wachschützer auftauchen um für Ruhe zu sorgen, sorgt bei mir doch für einige Verwunderung. Leicht erkennt man daran eine neue Qualität bei der freiwilligen Aufgabe von Hoheitsrechten eines Staates. Es drängt sich die Frage auf, wie weit kann ein Land wie Schweden bei der Privatisierung gehen?
Das Geschehen während diesem schönen Sommerabend hat sich auf den Hof verlagert. Der Fußballgucker streitet sich mit den Wachschützern. Eine Weile befürchten die Zuseher auf den Balkons, dass die Situation eskalieren könnte. Was würden dann die Mitarbeiter der Securitas AB tun? Ihn festnehmen und über Nacht ins firmeneigene Gefängnis werfen oder lediglich mit ihm ringen, ihm vielleicht ein blaues Auge verpassen oder ähnliches?
Nur aus Neugier hofft man beinahe, der Nachbar würde das austesten. Aber sein Ärger verebbt nach einem Weilchen, zumal das Fußballspiel nun zu Ende ist und kein Grund mehr besteht den Fernseher anzuschreien. Er beruhigt sich alsbald, natürlich nicht ohne vorher dem ruheliebenden Nachbarn hämisch eine Gute Nacht zu wünschen. Die Wachschützer fahren wieder ab und Stille kehrt ein.
Nur die Vögel wollen einfach keine Ruhe geben. Sie werden die ganze helle Nacht hindurch vor sich hin zwitschern.
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