Donnerstag, 18. Februar 2010

Ort des Gemeinschaftslebens



Beispiel von zielgruppenorientierter Werbung. Dieses Schild hängt in verschiedenen Tvättstugor und verspricht Frauen Hilfe bei Gewalt in der Familie.



Manchmal ist es wie verteufelt. Man sucht Stunden um Stunden Material, also wissenschaftliche Abhandlungen, Bücher, Zeitungsartikel o.ä., nur um am Ende festzustellen, dass sich bisher niemand oder nur wenige für den eigentlich aufsehenerregenden Gegenstand interessierten und deshalb bisher keine objektiven oder subjektiven Auslassungen zum Thema vorliegen, der zu betrachtende Gegenstand gewissermaßen als unbekanntes Pflänzchen im riesigen Bereich der Flora des Wissens der Menschheit vor sich hin vegetiert.

Das erschwert das Schreiben ungemein, erzeugt aber in mir das befriedigende Gefühl dieses Feld als einer der ersten zu beackern und damit Pionierarbeit im Dienste der Ethnographie zu leisten, bevor der stetige Veränderungszwang, der jeder menschlichen Gesellschaft innewohnt, diese Besonderheit im schwedischen Gemeinschaftsleben hinwegfegen wird.

Um es abzukürzen und um meinen Stolz zu mäßigen, heute geht es um die Tvättstuga.

Wortwörtlich übersetzt (Waschhütte) verrät der Name noch den wahren Ursprung dieser Institution. Ältere Leser wissen vielleicht noch aus Erzählungen ihrer Groß- oder Urgroßeltern von ähnlichen Einrichtungen in Mitteleuropa, die in ländlichen Gebieten unter den Namen Waschküche oder Waschkeller weit verbreitet gewesen sein sollen.

In Schweden kam man in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die Idee in Mehrfamilienhäusern solche Räume bzw. Keller einzurichten, und damit allen Bewohnern zu ermöglichen, die notwendige Tätigkeit des Wäschewaschens nach neuer Art wahrzunehmen. Diese Einrichtung galt damals als ausgesprochen modern und sozial. Folglich setzte sich diese Idee in den folgenden Jahrzehnten im Land immer mehr durch. Heutzutage sind mehr oder weniger alle Mehrfamilienhäuser mit einer Tvättstuga ausgerüstet. Sofern also jemand das Glück hatte eine Wohnung erhalten zu haben, ist er nicht gezwungen eine Waschmaschine zu kaufen und kann trotzdem kostenlos seine Wäsche waschen.
Die Tvättstugor sind gewöhnlich mit allem ausgerüstet, was der Markt für Haushaltswaren hergibt. Moderne Waschmaschinen, Trockenschränke, Wäschetrockner etc. erleichtern die früher mühselige Arbeit. Spätestens nach 3 Stunden hält man die gewaschene, gutriechende und staubtrockene Wäsche in seinen Händen und braucht sie nur noch hoch in die Wohnung schleppen.

Normalerweiser kommt man in Stockholm mit seinen Nachbarn, wie in anderen Städten der westlichen Zivilisation auch, selten in Kontakt. Aber im Waschkeller ist das anders. Hier, wo man sein Intimstes in der Form von getragener Wäsche offenbart, erklärt man sich gegenseitig die unübersichtlichen Waschprogramme, hilft sich gegenseitig bei Malheuren und technischen Problemen, und zu guter Letzt schnackt man über all die Alltäglichkeiten und Neuigkeiten, die einen gerade bewegen.

In der Sache am geübtesten sind die älteren Damen. Sie bringen sich Kaffee, Imbiss, Zeitungen und Kreuzworträtsel mit, lassen diese aber unausgefüllt, weil sie stattdessen 3 Stunden im freundlichen Ton mit den Nachbarn klönen, sich dabei aber bemühen, niemals ihre Wäsche aus den Augen zu lassen, während die Jüngeren sich entspannter verhalten, auf unnütze Mitbringsel verzichten und ihre Wäsche auch mal unbeaufsichtigt lassen. Aber reden tun die auch.

Vielleicht handelt es sich bei den Tvättstugor um die letzten wirklichen Überbleibsel der Thing, der alten germanischen Volksversammlungen, auf denen das Volk beriet und dann seine Entscheidungen traf, bevor die Könige dem Volk erst die Entscheidungsbefugnisse abnahmen, dann das Rederecht, um die Thing schlussendlich ganz abzuschaffen.

Wie auch immer. Im Waschkeller hört man des Volkes Meinung. Kaum ein Thema das hier nicht angeschnitten wird. Den Meinungsforschungsinstituten möchte ich aus wissenschaftlicher Solidarität empfehlen ihre Befragungen in den Tvättstugor durchzuführen, genauere Ergebnisse kann man auch per Telefon nicht erhalten.

Die Menschen haben im Laufe der Jahrzehnte auch einige äußerliche Merkmale im Zusammenhang mit dem Wäschewaschen entwickelt, die aus ethnologischer Sicht unbedingt erwähnt werden müssen. Sieht man beispielsweise auf der Straße jemanden mit einem gefüllten blauen IKEA-Beutel, kann man sich sicher sein, dass diese Person auf dem Weg in den Waschkeller ist. Es ist beinahe unglaublich, der überwiegende Teil der Mehrfamilienhausbevölkerung trägt seine Schmutzwäsche in den Beuteln des Herrn Kamprad durch die Gegend. Ob aus praktischen Erwägungen oder aus Liebe zur Uniformität hat sich mir noch nicht erschlossen. Vielleicht ist das lediglich eine Modererscheinung, oder irgendein Ritual oder von allem etwas. Jedenfalls wagen nur die jungen Wilden, mit der jeder Jugend eigenen Frechheit, auf die blaue Uniformität zu verzichten und transportieren ihre Wäsche in gewöhnlichen Plastikbeuteln und Papiertüten. So zeigt man seine Abscheu gegenüber den geltenden Konventionen ohne gleich die Revolution ausrufen zu müssen. Später, bei der Erlangung des ersten festen Jobs, zur ersten Hochzeit oder zur Geburt des ersten Kindes, kann man dann ohne schlechtes Gewissen und ohne Vorstrafen zur Benutzung des blauen Beutels übergehen. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die älteren Damen bevorzugt einen Trolley benutzen. Wie sollen auch sonst Wäsche und Thermoskanne und Kuchen und die ältere Dame selbst heil in der Tvättstuga ankommen? Das ändert nichts am genannten Sachverhalt, Schweden benutzt zum Wäschetragen blaue IKEA-Beutel.

Tagsüber an einem Wochentag trifft man im Waschkeller vorwiegend die von der Arbeit befreiten Nachbarn, also Studenten, Arbeitslose, junge Mütter, Rentiers und sonstige Personen. Am Nachmittag erscheinen dann die Berufstätigen, meist mit Kindern und Massen von Wäsche, während die Jungen erst am späten Abend auf der Bildfläche erscheinen, als ob ihnen rechtzeitig vor dem Schlafengehen noch einfiel, dass da noch was zu erledigen war. Nur die älteren Damen mit ihren Trolleys, die tauchen zu jeder Zeit auf.

Am Wochenende wird es dann ganz eng. Wäre das Waschen zur Nachtzeit nicht verboten, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass nun rund um die Uhr gewaschen würde. Die Maschinen laufen, die Kinder tollen und die Erwachsenen tratschen. Es ist laut, unübersichtlich und unterhaltsam. Mit ein bisschen Phantasie fühlt man sich dann zurückversetzt in die gute alte Zeit, als das ganze Dorf sich zum Waschen am Bach versammelte.

Aber es herrscht nicht nur Harmonie vor. Ich möchte das nicht verschweigen. Die Tvättstugor sind Teil der Gesellschaft und damit auch Schauplatz ihrer Verwerfungen. Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über Schlägereien oder andere Straftaten in Schwedens Waschkellern berichten. Man streitet sich um die Waschzeiten, Waschmaschinen oder um hinterlassenen Dreck. Es folgt Wort auf Wort und gelegentlich ein Faustschlag. Auch Diebstähle sind an der Tagesordnung. Kleidung wechselt also häufig den Besitzer und man versteht nun die Bemühungen der älteren Damen auf ihre Wäsche aufzupassen. Was sich mir nicht erschließen möchte, ist das Wesen der Leute, die fremde Wäsche klauen.

Zu sehr möchte ich das alles nicht dramatisieren. Man muss sich nicht bewaffnen, wenn man seine Wäsche waschen möchte. In meiner dreijährigen Zeit als Waschkellerbenutzer ist mir niemals Gewalt begegnet und nur einmal wurde mir etwas gestohlen und zwar mein blauer IKEA-Beutel. Abgesehen von der Schwierigkeit einen Wäscheberg ohne ein Behältnis hoch in die Wohnung zu tragen, ist mir also kaum Schaden entstanden. Im Gegenteil, durch die Tvättstuga lernte ich meine Nachbarn kennen und wie bereits gesagt, das gestaltet sich sonst nicht so einfach.






Die Olympischen Winterspiele in Vancouver bringen allerhand deutsch-schwedische Duelle mit sich. Letzte Nacht trennten sich Schweden und Deutschland im Eishockey der Herren 2:0, im Curling sah es für die Herren aus Deutschland nicht besser aus. Hier gewann die schwedische Nationalmannschaft 6:3.

Montag, 8. Februar 2010

Televisionäre Frühlingsboten




Bereits seit letztem Dienstag bemüht sich Stefan Raab den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den die Verantwortlichen der ARD beim deutschen Auswahlverfahren zum Eurovision-Song-Contest (ESC) in den letzten Jahren hinterlassen haben. In der Sendung mit dem eingängigen und wohl einmaligen Namen „Unser Star für Oslo“ wettstreiten Deutschlands Gesangsnachwuchstalente in mehreren Abschnitten um das eine Ticket zum größten Popmusikereignis des Jahres in der Telenor Arena zu Oslo am 29.Mai.
Bei der Ausarbeitung des neuen Konzepts diente das bewährte schwedische System als Vorbild. Unter dem seit 1967 benutzten Namen Melodifestival oder Melodifestivalen finden sich im Spätwinter die Nachtigallen Schwedens in verschiedenen Provinzstädten ein, um sich zum Endausscheid nach Stockholm wählen zu lassen.
Begleitet von einem immensen Medienrummel begann vorgestern die diesjährige Ausgabe der schwedischen Version im Städtchen Örnsköldsvik. Sogleich zeigte sich der vielleicht entscheidende Unterschied zu Herrn Raabs Bemühungen. Jede Sängerin, jeder Sänger oder jede Musikgruppe legte das eigene Können durch eigens geschriebenen Lieder dar, während bisher in der deutschen Version jeder Erschienene nur bereits berühmte Songs zum Besten gab.
Der schwedische Zuschauer wählt somit nicht nur den Interpreten, sondern auch zugleich den Song, den er als am erfolgversprechendsten ansieht. Der deutsche Interessierte kauft stattdessen die Katze im Sack.

Ich verstehe, dass Herr Raab als Musikproduzent sein eigenes Lied nach Oslo schicken möchte und daher nur den passenden Interpreten dafür sucht, aber im Sinne der gewünschten Qualitätssteigerung und größerer Erfolgsaussichten scheint mir das nicht zu liegen. Vielleicht ein Grund dafür, dass in Deutschland 2,62 Millionen Zuschauer einschalteten, in Schweden dagegen 2,976 Millionen Zuschauer; mit der Bitte um Beachtung der Einwohnerzahlen beider Länder.

Mitteilungswürdige Erkenntnisse des ersten schwedischen Teilfinales sind zum einen, dass Dolph Lundgren noch am Leben ist, der Hollywoodschauspieler moderierte u.a. den Wettstreit, und zum anderen, dass in Örnsköldsvik tatsächlich eine genügend große Halle steht, um eine solche Veranstaltung durchführen zu können.

Aus Sicht der deutschen ESC-Gemeinde liegt also noch kein Grund zur Beunruhigung vor. Die am Sonnabend in Örnsköldsvik dargebotenen und weitergekommenen Musikstückchen versprechen Schweden keine vorderen Plätze in Oslo und da es aus Deutschland noch überhaupt kein Versprechen gab, bleibt uns nichts weiter übrig als dran zu bleiben und uns noch die restlichen Vor-, Halb- und anderen Teilentscheidungen anzusehen, bevor uns das dann große Finale im schönen Mai erwartet.

Max Kenner, Stockholm



Dienstags Pro 7 20.15 Uhr „Unser Star für Oslo“ (Website )
Sonnabends SVT1 20.00 Uhr „Melodifestivalen“ ( Website )

Donnerstag, 4. Februar 2010

Von Mützen und Hüten



Was für eine Woche! Hiddensee, die schönste Ostseeinsel der Welt, ist von derselben abgeschlossen und per Luftbrücke muss das Verhungern der dortigen Bevölkerung verhindert werden, dann benutzte der eifrige Schneeräumdienst der Stadt Stockholm mein Auto als Fundament beim Bau eines mittelgroßen Hügels aus überschüssigen Schnee, was mir zu der großen Freude verhalf mit einer kleineren Müllschippe diesen Dreck der Natur in stundenlanger Arbeit zurück auf die Straße zu befördern, und dann veröffentliche das Schwedische Meteorologische Institut (SMHI) auch noch die erschreckenden statistischen Wetterdaten des letzten Monats.

Über den gesamten Monat Januar hinweg überstiegen die Temperaturen im Großraum Stockholm in keinem Augenblick den Gefrierpunkt. Es bestand also nie eine Chance darauf, dass dieser pestartige Schneebefall verschwinden konnte. So ähnlich hatte ich mir das schon gedacht. Die Herrschaften des Institutes veranlasste das von einer Sensation zu sprechen, denn seit dem Jahr 1829 war das nicht mehr vorgekommen. Ich vermeinte eine heimliche Freude aus ihren Worten zu vernehmen...
1829! In diesem Jahr wurde in Indien offiziell die Witwenverbrennung abgeschafft und hier in Stockholm benutzte man zur Fortbewegung Schlitten. Schneeräumdienste und Autos waren noch nicht erfunden. Es handelt sich also um gefühltes Mittelalter.

Dieses außergewöhnliche Wetter macht es notwendig sich ausreichend anzupassen. Um nicht aus Versehen zu erfrieren, bekleidet man sich mit langen Unterhosen, zusätzlichen Socken, Schals und selbstverständlich mit Mützen oder Hüten. Der Kopf soll ja die Achillesferse der Menschen im Kampf gegen die Kälte sein. Die Wärme des Körpers entweicht zu einem gehörigen Teil über den Kopf. Nach bestätigten Informationen hat das, neben der Biologie, mit Physik zu tun.

Grundsätzlich wäre die Benutzung einer Mütze oder eines Hutes nicht der Rede wert, gäbe es in der Natur des Menschen nicht die eine oder andere Schwäche, die in der Mützenangelegenheit so schön und in selten reiner Form zum Vorschein kommt.
Es beginnt damit, dass bei der Auswahl der Kopfbedeckung in vielen Fällen soziale, ideologische, geschlechterspezifische, überhaupt gruppenbasierende, und allerhand sonstige Ansichten zum Tragen kommen und die wärmeerhaltende Qualität der Mütze in den Hintergrund tritt.
Einem coolen Rapper aus einem der südlichen Vororte der Stadt, dürfte es schwerfallen die selbstgestrickte Pudelmütze seiner Oma aufzusetzen, steht diese doch seinem Image diametral entgegen.
Genauso verhält es sich in Kreisen in denen der Wunsch Statussymbole zu besitzen überhandgenommen hat, und in Folge dessen lediglich deren Markenfetischismus den Charakter der Kopfbedeckungen bestimmt. Wichtig ist dann nur noch der Name einer Firma, der möglichst großgeschrieben auf dem Hut prangt, und das gestiegene Selbstwertgefühl, das der Trägers dadurch erhält.
Schon allein die Entscheidung Hut oder Mütze (schwedisch: hatt eller mössa) bestimmt sich durch individuelle Vorlieben und persönliche Voraussetzungen und verrät den aufmerksamen Beobachter viel vom Wesen seines Betrachtungsobjektes.

Die unterschiedlichen Gewichtungen und Gesinnungen zeigen sich jedoch auch bei der Art des Tragens dieser Winterutensilien. Zum einen gibt es die Mitmenschen, ich möchte sie die Normalen nennen, die Hut und Mütze an Orten tragen, die kalt sind und sie absetzen, wenn sie sich an warmen Plätzen befinden. Gehen die Normalen in den örtlichen ICA- oder COOP-Supermarkt oder ins Kino, nehmen sie ihre Kopfbedeckung ab, kaufen ein oder kieken einen Film, und beim Verlassen der geschlossenen Räume bedecken sie wieder ihren Kopf. So weit, so gut.

Aber andere können sich in gleicher Situation nicht ihrer Eitelkeit erwehren. Der Kopf bleibt im Laden oder im Kino konsequent bedeckt. Es ist anzunehmen, dass dies auf der Angst beruht, die Frisur wäre keine mehr, die Haare vielleicht von der Mütze niedergedrückt, verwurschtelt, misshandelt und malträtiert und die anderen Mitbürger könnten darüber das ärgste Denken. Nein, unter diesen Umständen präsentiert man besser nicht die Wahrheit. Lieber schwitzt man bis zum Verlassen des Supermarkts und draußen ereilt den aufgeheizten Menschen ein Kälteschock.

Und dann gibt es noch die Mitmenschen, die zur Verhinderung der Zerstörung ihrer Haarpracht ganz und gar auf Kopfbedeckungen verzichten. Aus lauter Gefallsucht stapfen sie baren Hauptes durch Schneesturm und Kälte. Ihr Aussehen, ihre Schönheit oder ihre Wirkung auf die Umwelt bedeuten ihnen mehr als die schützende Wärme einer Mütze. Vielleicht möchten sie sich nur nicht durch das zusätzliche Gewicht einer Kopfbedeckung belasten, aber Haarspray oder Gel oder gekämmte Haare vermögen leider nicht die Rotfärbung der Ohren verhindern, ebenso wenig wie die nachfolgende Erkältung. Mit reinen Gewissen bestehen sie tatsächlich darauf mit ihrem Verhalten das Offenzeigen von Schwäche verhindert zu haben.

In etwas über drei Wochen steht schon oder endlich der meteorologische Frühlingsbeginn an. Schnee und Winterkleidung werden dann hoffentlich verschwinden. Halten Sie durch!