Freitag, 13. November 2009
Freitag und Nachmittag
Alkoholische Getränke sind nicht wie andere Lebensmittel (Darum werden sie in Schweden auch auf andere Weise verkauft, als jene). Wenn man sie maßvoll trinkt, können sie das Leben bereichern, besonders zusammen mit gutem Essen und netter Gesellschaft. Aber wenn man unvorsichtig ist, können sie Dinge wie Hautprobleme, Schrumpfleber und Abhängigkeit verursachen.
(Aus einer Informationsbroschüre der staatlichen Monopolfirma Systembolaget)
Wer eines der letzten Abenteuer Schwedens erleben möchte, der begebe sich nach Stockholm! Nicht in die Stadt im Allgemeinen, die ist sicher und langweilig wie jede Stadt in Europa, sondern zu einem speziellen Ort der Stadt, zu einer bestimmten Zeit.
Diesen Ort finden sie an einem Freitagnachmittag in einem der wenigen innerstädtischen Alkoholläden.
Für die unter ihnen, verehrte Leser, die es vielleicht noch nicht wissen: die Skandinavier haben ein eher gespanntes Verhältnis zum Alkohol.
So kam man auf die bestechende Idee ein staatliches Monopol zu errichten und Bier, Schnaps und Wein nur in Geschäften namens Systembolaget zu verkaufen.
Bedauerlicherweise kritisierten die Beamten der Europäischen Union in Brüssel die famose Idee eines Alkoholmonopols, mit dem Einwand, dass diese den Wettbewerb verhindere.
Die Schweden entschieden sich zur Verteidigung ihrer zivilisatorischen Errungenschaft.
Eine schwere Aufgabe, die sie bravourös meisterten, in dem sie die gesundheitspolitschen Aspekte der Einschränkungen des Marktes hervorhoben und die Öffnungszeiten der Geschäfte bis 18.30 Uhr ausweiteten.
Der Spagat zwischen Schädlichkeit der Alkoholika für Leib und Seele auf der einen Seite und Lebensfreude auf der anderen, führt dabei zu einzigartigen Ergebnissen.
Während ich mir beispielsweise einen französischen Wein ansehe und mir der Zahn tropft oder ich vergeblich ein gutes deutsches Bier suche, kann ich auf übertrieben großen Plakaten lesen, wie gefährlich genau das ist, was ich gerade tue.
Ich werde durch handgroße Buchstaben darüber aufgeklärt, dass jeder dritte Mord unter Alkoholeinfluss ausgeübt wird, dass jede zweite Ehe in Suffeskapaden endet oder dass die Gefahr besteht, mein Vermögen im Rausch zu verspielen.
Ich habe zwar kein Vermögen, aber da ich unbedingt verhindern möchte meine Frau zu erschlagen, stelle ich zumeist den Wein zurück ins Regal und nehme mir mit sauschlechten Gewissen eine Dose mit schwedischen Bier. Während der Wartezeit in der Schlange an der Kasse kann ich dann wiederum auf einem neuen Plakat lesen, dass mein französischer Wein ausgezeichnet zu Pasta oder Karnickelbraten gepasst hätte. Verwirrt und mich fragend, welche Verbindung zwischen einem Karnickel und der Gesundheit meiner Frau besteht, gehe ich mutig zum Weinregal zurück und hole mir dann doch meinen Wein.
Die nette Frau an der Kasse traut meinem Bartwuchs nicht und fordert meinen Ausweis. Alkohol gibt es erst bei Vollendung des 20.Lebensjahres. Geschmeichelt von ihrer Ehrlichkeit, aber mit Gedanken über meine beginnende Alkoholsucht, schlürfe ich von dannen.
Dieses System funktioniert meistens ausgezeichnet.
Nur gibt es viel zu wenige von diesen Läden, und da sind wir auch schon beim Freitagnachmittag.
Die Schweden sind in vielen Dingen sehr diszipliniert, z.B. wird nur am Wochenende gesoffen. Abweichungen von dieser Regel gestattet man nur Alkoholikern und Ausländern.
Also versammelt sich ganz Stockholm am Freitag nach Dienstschluss in den Systembolagetläden. Familie Svensson mit ihren drei Kindern, zwei davon sitzen im praktischen Doppelkinderwagen, der Yuppie im feinen Anzug oder der überarbeitete Bauarbeiter stürzen sich auf die Bierpaletten.
Im Kampf um den Alkohol sind alle Klassenschranken aufgehoben. Jeder versucht seinen gerechten Teil vom Kuchen, also dem Wochenendrausch, abzubekommen.
Erst herrscht Gedränge, dann Anarchie auf den Gängen. Auch wenn man wollte, die Erziehungsplakate sind durch die Menschenmassen nicht mehr zu sehen. Zum Lesen hat man sowieso keine Zeit, da sonst die Gefahr bestände durch die Nachrückenden über den Haufen gerannt zu werden. Der Wachschutz marschiert zu diesem Zeitpunkt auf, verschließt die Eingangstüren mit dem Anliegen ein vollständiges Chaos zu verhindern.
Schnell bildet sich draußen eine mehrere hundert Meter lange Schlange. Verzweiflung macht sich breit, denn jeder ist besorgt keinen Wochenendvorrat zu ergattern.
Die kräftigen Wachschützer in hässlichen Uniformen versuchen die Menge mit bösen Blicken zu beruhigen und lassen nur neue Leute in das Geschäft, wenn eine ausreichende Anzahl von Kunden den Laden wieder verlassen hat. Dabei gehen sie recht willkürlich vor, denn niemand hat einen Überblick über die wahre Situation im Ladeninneren. Dort reißen sich die sonst zurückhaltenden Schweden das Dosenbier gegenseitig aus den Händen, schubsen und drängeln. Die Angestellten kommen mit dem Nachfüllen der Regale nicht mehr nach, sie können sie auch nicht nachfüllen, da kein Durchkommen mehr ist. Sie verstecken sich also zu ihrer eigenen Sicherheit in den Mitarbeiteraufenthaltsräumen.
Die Unruhe steigt noch einmal, wenn sich die Schließungszeit nähert. Familie Svensson, die es jetzt endlich mit ihren drei Kindern bis nach draußen geschafft hat, bekommt von den immer noch in der Schlange vor der Tür stehenden Massen imposante Beträge für ihren Einkauf geboten. Doch ist sie nicht mutig genug, darauf einzugehen. Nur der pfiffige Bauarbeiter hat vorsorglich zehn Bier mehr gekauft, um sie vor der Tür mit 50 Prozent Gewinn an zwei Achtzehnjährige zu verhökern und macht sich damit strafbar.
Die später Gekommenen werden panisch und drücken die Menge in Richtung Wachschützer.
Diese geben, um ihr Leben besorgt, nach und öffnen die Eingangstür, um sich dann gekonnt zur sicheren Seite zu retten.....
Erstaunlicherweise wird es wenige Augenblicke vor dem Feierabend schlagartig leer.
Zwei oder drei letzte Kunden frohlocken darüber, dass sie noch ein paar englische Premiumbier, für läppische 3 Euro die Flasche, abbekommen haben, dann trauen sich auch die Angestellten des Geschäfts wieder aus ihrem Kabuff. Sie sammeln die leeren Kartons ein und der Filialleiter schließt die Tür pünktlich von innen ab. Nun beginnt das Wochenende.
Selbstverständlich beteiligen sich nicht alle Eingeborenen an diesem ritualisierten Massenerlebnis. Manche kaufen klugerweise ein, zwei Tage vorher ein. Viele Schweden versorgen sich auch illegal über das Internet oder machen regelmäßige ausartende Einkaufsfahrten ins nahe Ausland, sofern sie den Alkohol nicht selber brennen. Aber dazu später mehr.
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Ich habe bei einem Freund in Stockholm selbstgemachten Wein getrunken...den hatte er in einer Plastikschale im Kühlschrank aufbewahrt...scheusslich!!! Ich schätze mal Not macht erfinderisch...
AntwortenLöschenDie restriktive Alkoholpolitik gebiert mitunter eigenartige Sachen... Ich denke auf Dauer kann das so nicht weitergehen.
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